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  • 11.12.2012, 09:04 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Provinzial-Interview

Provinzial-Chef Rüther weist Argumente der Verkaufsbefürworter entschieden zurück

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Die Ereignisse rund um den Versicherungskonzern Provinzial-Nordwest haben sich in den vergangenen Tagen überschlagen. Über die aktuelle Entwicklung sprach unser Redaktionsmitglied Norbert Tiemann gestern mit dem Provinzial-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Rüther.

Herr Rüther, vor knapp einer Woche wurden Sie von einem bisher Unbekannten angegriffen und verletzt. Wie geht es Ihnen?

Rüther: Körperlich bin ich fast 100%ig wieder fit, seit Freitagnachmittag bin ich auch wieder am Schreibtisch. Die Schlagzeilen in den Medien hörten sich bedrohlicher an, als ich es selbst empfunden habe. Ein bisschen unterschätzt habe ich jedoch die Momente, in denen man ins Grübeln kommt und sich vorstellt, was wäre wenn. Doch Gott sei Dank ist ja alles relativ glimpflich verlaufen. Und wenn ich noch einen Satz hinzufügen darf, dann soll es aber auch genug zu diesem Vorfall sein: Ich bin sehr dankbar für die vielen guten Wünsche und Worte, die mich auf den unterschiedlichsten Wegen erreicht haben.

Um die Provinzial wird momentan an vielen Fronten gekämpft. Gerüchte um einen möglichen Verkauf an einen großen deutschen Versicherungskonzern haben das Münsterland aufgeschreckt. Zahlreiche Mitarbeiter gehen für die Provinzial auf die Straße.

Rüther: Die Entschlossenheit und das Engagement, mit dem sich unsere Mitarbeiter für die Provinzial einsetzen, ist bewundernswert – im Übrigen nicht nur hier in Münster, sondern an allen Standorten haben Hunderte von Kolleginnen und Kollegen viele Hebel in Bewegung gesetzt, um für ihren Arbeitsplatz, aber auch für den Erhalt des regionalen Geschäftsmodells der Provinzial zu kämpfen. Dies gilt natürlich auch für die vielen Vertriebspartner vor Ort.

Auch die Politiker haben sich positioniert …

Rüther: Alle politischen Lager haben sich zwischenzeitlich für den Erhalt der Provinzial ausgesprochen – auch über kommunale Grenzen hinweg. Sie haben damit zum Ausdruck gebracht, dass die Provinzial für die Region mehr ist als nur ein Versicherer – wir sind ein gewachsener Teil der Region. Nicht nur als Arbeitgeber tragen wir Verantwortung, sondern auch als Unternehmen, das seit fast 300 Jahren in und für die Region tätig ist. Das Engagement ist eng mit unserer Geschichte und den historischen Wurzeln verknüpft. Wer diese Wurzeln kappt, sollte sich darüber im Klaren sein, was er tut. Die Verkaufsbefürworter argumentieren, die wirtschaftliche Aufstellung der Provinzial sei zwar noch gut, doch könne sich dies angesichts der angespannten Kapitalmarktsituation ändern.

Stimmt das?

Rüther: Die Provinzial ist heute mit einem Konzernjahresüberschuss von mehr als 100 Mio. Euro eine der ertragsstarken Versicherungsgruppen Deutschlands. Wir sind ein kerngesundes Unternehmen mit einer nachhaltig positiven Prognose – auch was den Unternehmenswert angeht. Diese Einschätzung ist im Übrigen kein Gerücht, sondern wird von einer der renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deutschlands, der KPMG, aktuell bestätigt.

Und wie steht es um das Lebensversicherungsgeschäft, das ja auf hohe Zinserträge angewiesen ist? Stehen da einige Versicherer am Rande des Ruins?

Rüther: Auch dieser Behauptung muss ich – zumindest was die Provinzial angeht – deutlich widersprechen. Erstens: die Lebensversicherung macht nur rund 12 Prozent des Unternehmenswertes der Provinzial Nordwest aus, so dass etwaige Abschreibungen durch die hohe Ertragskraft schon allein des Schaden- und Unfallversicherungsgeschäfts der Westfälischen Provinzial ausgeglichen werden könnten. Zweitens: Selbst bei einer über 15 Jahre anhaltenden Niedrigzinsphase ist unsere Kapitalanlage so sicher, dass wir allen Kunden die versprochenen Leistungen ohne Probleme auszahlen können. Das Übernahme-Angebot der Allianz kommt vorerst nicht zum Tragen.

Sie haben nun gemeinsam mit Ihren Kollegen aus Düsseldorf bis Ende März Zeit, erste Schritte in Richtung Fusion einzuleiten. Eine Wende mit Perspektive?

Rüther: Als Vorstand der Provinzial Nordwest haben wir diese Nachricht sehr positiv aufgenommen. Ein Zusammengehen mit der Provinzial Rheinland heißt, unsere Provinzial im Lager der öffentlichen Versicherer zu halten und damit unser Geschäftsmodell auch langfristig zu sichern. Es war immer unsere Politik, das erfolgreiche Geschäftsmodell als Versicherer der Region weiterzuentwickeln. Der Zusammenschluss der Westfälischen Provinzial mit der Provinzial Nord hat gezeigt, dass wir einen Prozess der Konzernbildung auch beherrschen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, bis Ende März eine konkrete Entscheidungsvorlage für die Eigentümer zu erarbeiten.

(Dr. Norbert Tiemann)



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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Jürgen Peperhowe / WN


 

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