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  • 07.12.2015, 09:34 Uhr
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  • Münsterland / Kreis Steinfurt
Rainer Langkamp im Interview

„Weitere Lockerung der Geldpolitik zementiert die niedrigen Zinsen“

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag eine weitere Lockerung der Geldpolitik beschlossen. Welche Folgen die Entscheidungen der EZB für Privatleute, Unternehmen und Kreditinstitute auch aus dem Kreis Steinfurt haben, erläutert Rainer Langkamp im Interview. Er ist Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Steinfurt.

Mario Draghi, Präsident der EZB, verkündete eine erneute Senkung des Einlagezinses für Banken von minus 0,2 auf minus 0,3 Prozent. Ein neuer historischer Tiefstand. Mit dem Ziel, dass Kreditinstitute ihr Geld nicht bei der EZB anlegen, sondern in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weitergeben. Zudem verlängert die EZB ihr Programm zum Aufkauf von Anleihen um mindestens sechs Monate. So wollen die Währungshüter Konjunktur und Preisauftrieb anschieben.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Entscheidungen der EZB?

Langkamp: Die anhaltende Niedrigzinspolitik in Europa wird damit noch deutlicher zementiert. Der enorme Druck auf die Zinsen wird weiter hochgehalten. Wir müssen davon ausgehen, dass die extrem niedrigen Zinsen sehr lange Zeit auf diesem Niveau bleiben. Diese Entscheidungen sind meiner Meinung nach nicht notwendig, da die Wirtschaft im Euroraum momentan moderat wächst. Und ein ernstzunehmendes Deflationsrisiko ist nicht zu erkennen. Denn die Inflation in der Euro-Zone ist von minus 0,6 Prozent Anfang des Jahres auf plus 0,1 Prozent gestiegen. Rechnet man Energie und Lebensmittelpreise heraus – das ist die aussagekräftigere Kerninflation – dann liegt die Rate bei etwas über einem Prozent, da insbesondere die Ölpreise aktuell so niedrig sind.

Welche Folgen hat das EZB-Programm für Sparer?

Langkamp: Derzeit liegen Zinsen für Guthaben auf Sparkonten in der Regel unter der aktuellen Inflationsrate bzw. der gerade genannten Kerninflation. Unterm Strich ist das eine schleichende Kapitalvernichtung. Daher sollten sich die Sparer neben den klassischen Sparkonten auch für andere Anlageformen öffnen und zum Beispiel Aktien oder Immobilien beimischen. Nur dann ist man in einer langfristigen Betrachtung in der Lage, Renditen zu erzielen, die zufriedenstellend sind. Hier müssen Anleger umdenken.

Aber warum trifft die EZB dann diese Entscheidungen?

Langkamp: So schlecht das Zinsniveau für die Sparer auch sein mag, so gut ist es für die Kreditnehmer und Investoren. Denn für Unternehmen und auch Privatleute bieten die extrem günstigen Konditionen eine ideale Basis für Investitionen. Und die will die EZB ankurbeln. Das Geld soll nicht stillliegen sondern in die Wirtschaftskreisläufe gespült werden. Zudem soll die enorme Staatsverschuldung für die Staaten erträglicher gemacht werden. Ein weiteres Ziel der EZB ist es, die angeschlagene Konjunktur in den südeuropäischen Staaten zu stützen. Alleine für Deutschland bräuchten wir dieses Programm nicht.

Nutzen die Unternehmen aus dem Kreis Steinfurt denn die günstige Situation, um zu investieren?

Langkamp: Natürlich wird zurzeit viel investiert. Die Wirtschaftslage bei uns ist auf einem sehr guten Niveau. Ein Impuls, aus den Niedrigzinsen Investitionen zu tätigen, hat es zu Beginn dieser Phase vor ein, zwei Jahren sicherlich gegeben. Dieser Effekt hat mit Blick auf die Unternehmen aus meiner Sicht nachgelassen. Der Zinsaufwand ist in der Regel bei einer Investitionsentscheidung ohnehin eine Größe, die keine bedeutende Rolle spielt. Der Ertrag einer Investition hängt von anderen Faktoren wie Wareneinsatz, Personalaufwand oder auch Energiekosten ab. Im Wohnungsbaugeschäft verzeichnen wir dagegen einen sehr deutlichen Anstieg. In diesem Jahr haben wir bereits Kredite in Höhe von mehr als 280 Millionen Euro für Immobilienvorhaben zugesagt. Schon jetzt 60 Prozent mehr als noch im Vorjahreszeitraum.

Wie bekommen Sie das EZB-Programm als Kreditinstitut zu spüren?

Langkamp: Der Druck auf die Zinsmarge bleibt sehr hoch. Die Zinsüberschüsse, die wir generieren, sind weiterhin deutlich rückläufig. Und das wird nach der Entscheidung der EZB auch weiterhin so bleiben. Das spüren wir unterm Strich beim Ertrag. Daneben kosten auch die vielen aufsichtsrechtlichen Regulierungen viel Zeit und Geld. Die Rahmenbedingungen fordern uns zunehmend heraus.

Mit welchen Folgen?

Langkamp: Wir müssen Kosten senken und zusätzliche Ertragsfelder erschließen. An diesen Aufgaben arbeiten wir sehr konsequent und verschaffen uns damit eine gute Basis. Wir nutzen Synergien auch durch Kooperationen mit anderen Sparkassen. Denn wir alle beschäftigen uns zurzeit mit denselben Herausforderungen. Und da hilft eine Bündelung der Kräfte.

Müssen Sie denn nun für Ihr angelegtes Geld bei der EZB zahlen?

Langkamp: Durch unser starkes Kreditgeschäft müssen wir langfristig kein Geld bei der EZB oder anderen Banken anlegen. Bei kurzfristigen Dispositionen kommen auch wir an Negativzinsen nicht vorbei. Im Interbankengeschäft sind Negativzinsen mittlerweile üblich. Ein volkswirtschaftlich paradoxer Zustand.

(Kreissparkasse Steinfurt)


 


 

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