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  • 01.08.2013, 10:06 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Seniorenheim-Schließung

Kündigung für Bewohner und Mitarbeiter

Schon zum 30. September wird das Seniorenheim Michaelweg in Münster-Gievenbeck schließen. Sinkende Belegungszahlen und künftige Änderungen im Wohn- und Teilhabegesetz lassen die Finanzierung auf Dauer unmöglich werden. Daraus zieht der Betreiber jetzt die Konsequenzen.

Die Tränen fließen derzeit schnell im Seniorenheim Michaelweg – bei Bewohnern, Mitarbeitern, sogar Angehörigen. Dabei haben sie gerade noch ihr Sommerfest gefeiert, bei bestem Wetter und ebensolcher Laune. Erst zwei Wochen ist das her. Kurz danach musste Geschäftsführer Martin Scholl das mitteilen, was viele traf wie ein Faustschlag: Das Seniorenheim muss zum 30. September schließen. Bewohnern und Mitarbeitern wurde gekündigt.

Seit 21 Jahren betreibt Scholl das Seniorenheim, außerdem eines in Soest und einen häuslichen Pflegedienst. Der Geschäftsführer der Seniorenheim Michaelweg GmbH gibt wirtschaftliche Gründe für das Aus an: Die Belegung sei schon von 41 auf 32 gesunken – und damit der Erlös. Deshalb sehe er sich nicht mehr in der Lage, die Pacht zu zahlen, erklärt der Betreiber.

Änderung des Wohn- und Teilhabegesetzes

Ein weiterer Grund sei eine Änderung des Wohn- und Teilhabegesetzes: Ab 2018 müssten Altenwohnheime 80 Prozent Einzelzimmer vorhalten, eine bestimmte Raumgröße und für jeden Bewohner ein eigenes Bad. „Das ist teilweise baulich nicht möglich“, erklärt Scholl. Zumal die Bewohnerzahl dann weiter sinken würde. Deshalb habe er sich mit dem Vermieter geeinigt, dass der Pachtvertrag nicht 2016 ausläuft, sondern bereits jetzt aufgehoben werde.

Das bestätigt auch Bernd Hewing, Inhaber der Immobilie, auf Nachfrage. „Eine Zusammenarbeit machte keinen Sinn mehr“, sagt er. Schon in den vergangenen eineinhalb Jahren habe er nur noch einen Teil der Miete erhalten. Abhängig von der Bewohnerzahl, sagt Hewing, obwohl das der Vertrag natürlich nicht vorsehe. „Das geht auf Dauer nicht.“ Darüber habe er mangels Reaktion auf seine Briefe auch vor Gericht mit der Mietpartei gestritten und letztlich bei der Einigung „Federn gelassen“. „Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, sagt der Inhaber. Er will das Objekt nun verkaufen oder vermieten. Interessenten gebe es schon.

Ohnmacht, Trauer und Wut

Für Angehörige wie Heribert Meyer ist die Schließung ein herber Schlag: Seine pflegebedürftige Lebensgefährtin lebt im Seniorenheim Michaelweg, und er ist voll des Lobes für die familiäre Atmosphäre. „Dass eine gewachsene Struktur dort zerstört wird, ist sehr traurig“, findet er.

Auch Sabine Müller sieht das so. „Jeder kennt hier jeden“, sagt die Altentherapeutin, die seit rund einem Jahr am Michaelweg im Sozialen Dienst arbeitet. Unverständnis, Ohnmacht, Trauer und Wut seien im Team spürbar. „Alle haben Zukunftsängste, es fließen viele Tränen.“ Pflegefachkräfte würden gesucht, aber für andere Mitarbeiter werde es schwer, weiß Müller. Vor allem aber sorgt sie sich um die Bewohner. „Viele haben das noch gar nicht realisiert, erst wenn die Möbel rausgetragen werden“, meint sie. Ob gerade ältere und demente Bewohner in neuen Heimen heimisch werden, sieht sie skeptisch.

Heimleiterin Sieglinde Hock-Wybierek weiß um die Gefühlslage der 33 Bewohner und 45 Mitarbeiter. „Alle sind entsetzt, schockiert und können es nicht verstehen.“ Dass das Haus, „das einen sehr guten Ruf hat“, aus wirtschaftlichen Gründen schließt, empfindet sie als „bittere Pille“.

Suche nach Lösungen für die Bewohner

Derzeit hat die Leiterin alle Hände voll zu tun, um für die Bewohner, die ja „die Hilflosesten“ seien, eine gute Lösung zu finden. Sie spricht mit Angehörigen, dem Info-Büro Pflege, anderen Heimen. Ihre wie auch Scholls Hoffnung ist, dass möglichst viele Bewohner und Mitarbeiter im neuen Seniorenheim Kastanienhof unterkommen. Altenpflege sei Beziehungsarbeit, sagt Hock-Wybierek.

Im Kastanienhof seien erst wenige Plätze belegt, das Team noch klein, weiß sie. Sechs der zwölf Bewohner, die schon einen neuen Platz haben, werden dorthin wechseln. Sie selbst hat sich beim Arbeitsamt gemeldet. Für mehr blieb Sieglinde Hock-Wybierek keine Zeit. „Für mich ist es wichtig, dass ich mich auf die Bewohner und Mitarbeiter konzentriere“, sagt sie. „Um meine Angelegenheiten kümmere ich mich später.“ Dann kann auch sie die Tränen nicht mehr unterdrücken.

(Markus Kampmann)


 


 

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