Weitere Artikel
  • 05.11.2014, 14:20 Uhr
  • |
  • Münster / Münsterland
Trau keiner Studie ...

Lebensmittelwirtschaft verfälscht Ergebnisse der eigenen Transparenzstudie?

Der Verein "Die Lebensmittelwirtschaft" hat eine Transparenzstudie mit dem Titel "Verbraucherverständnis von Transparenz" vorgestellt. Aus Sicht des Vereins sind die Ergebnisse klar: "Informationsflut hilft Verbrauchern nicht". Nach Sichtung der Studienergebnisse kommt foodwatch e.V. zu anderen Schlüssen und spricht von einer "Verfälschung der Studienergebnisse".

Eine Studie - zwei Meinungen

Die Pressemeldung des Vereins "Die Lebensmittelwirtschaft" fasst die Studienergebnisse so zusammen:

38 Prozent der Verbraucher fällt spontan nichts zu dem Begriff Transparenz bei Lebensmitteln ein. Dagegen fordern nur 23 Prozent der Verbraucher mehr Transparenz. Die Mehrheit nutzt die existierenden Informationen nicht oder kaum. Dies ergibt die heute in Berlin vorgestellte Studie "Verbraucherverständnis von Transparenz" im Auftrag des Vereins DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT. "Die Diskussion um 'Mehr Transparenz bei Lebensmitteln' geht am Verbraucher vorbei", sagt Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer des Vereins DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT. "Die Studie zeigt deutlich, dass es nur eine Minderheit ist, die aktiv mehr Transparenz fordert, während die Mehrheit die zur Verfügung gestellten Informationen gar nicht oder kaum nutzt. Deshalb müssen sich die Akteure die Frage stellen, ob ein Mehr an Detailinformationen eigentlich zu mehr Transparenz oder zu mehr Verunsicherung beiträgt. Transparenz sollte komplexe Zusammenhänge erklären und Sinn und Vertrauen stiften."

Das Transparenzparadoxon: Gefühlte und genutzte Transparenz

Laut Studie fordern 77 Prozent der Verbraucher keine zusätzlichen oder umfangreicheren Informationen aktiv ein, da sie sich entweder ausreichend informiert fühlen (53 Prozent) oder bereits Überlastung empfinden und kein Interesse haben (24 Prozent). Dabei zeigt die Studie einen Widerspruch zwischen Präferenzen und tatsächlichem Verhalten der Verbraucher auf: "Die Mehrheit der Verbraucher möchte gerne Informationen über Herkunft, Inhalte, Zusatzstoffe und ähnliche Aspekte von Lebensmitteln erhalten können. Gleichwohl werden die bereits vorhandenen Informationen von der Mehrheit der Verbraucher nicht genutzt oder als entscheidungsrelevant für den Einkauf wahrgenommen", erläutert Prof. Achim Spiller von der Georg-August-Universität in Göttingen die Studienergebnisse.

Die Herausforderung: Informationsflut erhöht Transparenz nicht

Die Studie zeigt zudem, dass Verbraucher in Deutschland Transparenz sehr unterschiedlich definieren und ihre Informationsbedürfnisse stark voneinander abweichen. "Generell gilt: Verbraucher wollen nicht mehr Informationen, sondern ein besseres Verständnis komplexer Prozesse und Vorgänge, das zu einem tatsächlichen Wissenszuwachs führt. Eine Flut an Details verwirrt und führt nicht zu mehr Verständnis", so Becker-Sonnenschein. Bei knapp der Hälfte der Deutschen richtet sich der Transparenzwunsch vor allem auf Produkte tierischer Herkunft wie Fleisch, Eier, Fisch und Milch(-produkte). Zudem ist nur ein Fünftel der Verbraucher bereit, für ein Mehr an Information einen höheren Preis zu bezahlen.

Selbstbestimmung prägt das Verbraucherverhalten

"Die Politik darf nicht darüber entscheiden, was ich essen darf", das fordern 70 Prozent der Befragten. Dem Verbraucher muss in Bezug auf Transparenz seine Selbstbestimmung gelassen werden. "Statt Bevormundung des Verbrauchers in seinem Ernährungsverhalten stehen wir für Aufklärung und Information. Das ist unsere Überzeugung", fasst Markus Mosa, Vorsitzender des geschäftsführenden Vorstands der LEBENSMITTELWIRTSCHAFT, das Verständnis der Branche zusammen.

Studienergebnisse verfälscht?

Die Verbraucherorganisation foodwatch hat sich die Studienergebnisse angesehen und kommt zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Sie wirft dem Verein (zur Verein Definition) "Die Lebensmittelwirtschaft" Verfälschung der eigenen Studienergebnisse vor und stellt aus ihrer Sicht folgende Punkte in einer eigenen Pressemeldung klar.

Der Lobbyverein "Die Lebensmittelwirtschaft" hat die Ergebnisse seiner eigenen, heute vorgestellten Studie zum "Verbraucherverständnis von Transparenz" grob verzerrt. Wesentliche Ergebnisse werden in der Pressekommunikation des Vereins nicht erwähnt, andere kommunizierten Ergebnisse sind durch die Studienergebnisse nicht gedeckt oder wurden ins Gegenteil verzerrt.

Die Verbraucherorganisation foodwatch stellt klar:

  • "Die Mehrheit [der Verbraucher] nutzt die existierenden Informationen [auf Lebensmitteln] nicht oder kaum", heißt es in der Presseerklärung des Vereins "Die Lebensmittelwirtschaft". Richtig ist: Der Studie des Vereins zufolge gaben 90 Prozent (!) der Verbraucher an, vor dem ersten Kauf eines Produktes die Informationen auf der Verpackung "gelegentlich", "oft" oder sogar "immer" durchzulesen; nur 10 Prozent der Verbraucher tun dies "selten" oder "nie". In seiner Präsentation betont Studienautor Prof. Dr. Achim Spiller, anders als der Auftraggeber "Die Lebensmittelwirtschaft", daher auch "hohe Informationsbedürfnisse" der Verbraucher (Folien 10, 20).
  • "Laut Studie fordern 77 Prozent der Verbraucher keine zusätzlichen oder umfangreicheren Informationen aktiv ein", heißt es in der Pressemitteilung von "Die Lebensmittelwirtschaft". Richtig ist, aber unerwähnt bleibt: 92,4 Prozent (!) der Befragten stimmen in der Studie der Aussage "Es sollten mehr Informationen über Lebensmittel zur Verfügung stehen" voll und ganz, eher oder teils/teils zu. Nur knapp 8 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage "gar nicht" oder "eher nicht" zu (Folie 13 in der Präsentation).

Nicht erwähnt wird ein weiteres Kernergebnis der Studie:

  • Nur 3,3 Prozent (!) der Befragten geben an, der Lebensmittelindustrie "voll und ganz" zu vertrauen, nur weitere 11 Prozent vertrauen der Industrie "eher". Das sind die mit Abstand schlechtesten Werte in der Befragung (zum Vergleich: den Verbraucherzentralen vertrauen 23,5 Prozent voll und ganz, 47 Prozent eher; Folie 12 in der Präsentation).

"Der Umgang mit der eigenen Studie zeigt erschreckend klar, welch gestörtes Verhältnis weite Teile der Lebensmittelwirtschaft zu Transparenz und Wahrheit haben", erklärte foodwatch-Sprecher Martin Rücker. "Ganz bewusst vermischt die Lebensmittelwirtschaft Werbebotschaften mit objektiver Information: Auf den meisten Lebensmitteletiketten lässt sich die Anzahl neutraler Informationen an einer Hand abzählen. Der von der Lebensmittelwirtschaft beklagte 'Overkill' kommt durch das Übermaß an Werbebotschaften, nichtssagenden Siegeln und sinnfreien Qualitätsversprechen zustande. Es ist kein Wunder, dass diese oft verzerrenden Pseudo-Informationen die Kunden nerven und überfordern."

Ende August 2014 hatte das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage im Auftrag von foodwatch durchgeführt. Ergebnisse dieser Befragung:

  • 69 Prozent der Verbraucher wünschen sich mehr Informationen über Lebensmittel direkt auf der Verpackung.
  • Vor allem Informationen über die Herkunft der wichtigsten Zutaten sind für 88 Prozent der Verbraucher wichtig - bei den meisten Lebensmitteln müssen hierzu keine Angaben gemacht werden.
  • 74 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass es "sehr schwierig" sei, die Qualität von Lebensmitteln anhand der Angaben auf der Verpackung richtig zu beurteilen.

Wir fragen Sie

Beteiligen Sie sich an unserer kleinen Umfrage weiter oben in diesem Beitrag: Wie stehen Sie zu den Informationen, die aktuell auf Lebensmittelverpackungen aufgedruckt sind? Genügen Ihnen diese Informationen, hätten Sie gerne mehr oder eher weniger? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!

(Redaktion)


 


 

Verbraucher
Transparenz
Lebensmittelwirtschaft
Ergebnisse

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Verbraucher" - jetzt Suche starten:

Entdecken Sie business-on.de: