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  • 08.03.2013, 10:47 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Ich arbeite, also bin ich

Hört auf zu arbeiten!

Die Struktur der Arbeitswelt orientiert sich vielfach am Fabrikzeitalter: normiert, optimiert, durchgetaktet und fremdgesteuert. Das führt zwar zu Effizienz, aber auf der Strecke bleiben Originalität, Wagemut und Eigeninitiative. Wie können wir die Begeisterung für unsere Arbeit zurückgewinnen? Antworten liefert das Autorenteam Anja Förster und Peter Kreuz in seinem neuen Buch.


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Die Autoren - das Buch - ein Interview

Sie gehören zu einer neuen Generation von Vordenkern für Wirtschaft und Management: Anja Förster und Peter Kreuz sind gefragte Berater, Referenten und erfolgreiche Buchautoren. Ihr Bestseller "Alles, außer gewöhnlich" wurde 2007 als "Wirtschaftsbuch des Jahres" ausgezeichnet.

In ihrem neuen Buch "Hört auf zu arbeiten" wollen sie dazu anstiften, das zu tun, was wirklich zählt. Doch lassen wir die Autoren selbst zu Wort kommen:

Was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Förster & Kreuz: Auf allen fünf Kontinenten spüren wir Unternehmen auf, die so unkonventionell wie erfolgreich sind und Menschen, die dafür brennen, mit ihrer Arbeit einen Unterschied zu machen. Was wir dabei immer wieder feststellen: Es gibt ein untrügliches Zeichen, ob jemand dieses Feuer in sich trägt. Man erkennt es an dem Funkeln in den Augen dieser Menschen. Bloß: Warum ist das die absolute Ausnahme? Was ist eigentlich los in dieser Welt, dass die meisten Menschen die meiste Zeit ihres Lebens nicht das machen, was ihnen das Gefühl gibt, voll in ihrem Element zu sein? Und wie müsste unsere Arbeitswelt gestrickt sein, damit viel mehr Menschen viel öfter im Leben ein Funkeln in den Augen haben? Diesen Fragen gehen wir im Buch nach. Unsere Überzeugung ist, dass wir die Arbeit als lebenswerten Teil unserer Identität zurückerobern können. Und das liegt ganz wesentlich in den Möglichkeiten, die jeder von uns hat.

Warum ist für viele Menschen die Arbeit nicht mehr als ein Tauschgeschäft – Arbeitszeit gegen Geld?

Förster & Kreuz: Die Struktur der heutigen Arbeit ist in ihrem Kern immer noch im Fabrikzeitalter stehen geblieben: koordiniert, normiert, durchgetaktet und fremdbestimmt. Dieses System braucht Menschen, die wie Zahnrädchen in der Maschinerie funktionieren: fleißig, effizient , passgenau, intelligent – und letztlich auch austauschbar. Arbeit wird so zum Gegengeschäft, wie vor hundert Jahren in den Fabrikhallen. Der Deal lautet Arbeitskraft und Arbeitszeit gegen Geld.

Wo genau liegt das Problem bei dem Deal Arbeitskraft und Arbeitszeit gegen Geld?

Förster & Kreuz: Das Problem ist, dass die Dinge, die uns inspirieren, wachsen lassen und Sinn geben, immer mehr in den Hintergrund geraten, je länger wir uns als Zahnrädchen mitdrehen. Und das ist noch nicht alles. Weil uns die Arbeit unerfüllt lässt, kompensieren wir das mit Konsum. Das ergibt ein perfides System – nämlich unser ganz normales Gesellschaftssystem, der Kreislauf an den wir uns gewöhnt haben: Arbeitseinsatz, Geld verdienen, Konsum, noch mehr Arbeitseinsatz, noch mehr Geld verdienen, noch mehr Konsum und immer weiter. Der Konsum kurbelt die Nachfrage an und schafft Arbeit. Die Arbeit kurbelt das Angebot an und schafft Konsum. Perfekt! Ein sich selbst erhaltendes gigantisches Hamsterrad, in dem wir nie ankommen und in dem es nur noch Verlierer gibt.

Wer verliert dabei und warum?

Förster & Kreuz: Verlierer sind die Menschen, die überhaupt nicht das entfesseln, was in ihnen steckt. Ihre Kreativität, ihr Engagement und ihre Leidenschaft. Und so wird das Leben inkonsistent. Job und Persönlichkeit passen nicht zusammen. Auf diese Weise werden Jobs mittelmäßig. Auf diese Weise werden Leben mittelmäßig. Und das ist Verschwendung! Eine Verschwendung von Lebenszeit. Denn wenn der Feierabend der Höhepunkt des Tages ist, dann war es ein vergeudeter Tag. Und wenn der Renteneintritt der Höhepunkt des Lebens ist, dann war es ein vergeudetes Leben. Aber nicht nur die Menschen verlieren in diesem System, sondern auch die Unternehmen. Organisationen, in denen Arbeit nichts mehr als ein Gegengeschäft ist, werden niemals das volle Potenzial der Menschen nutzen. Solche Unternehmen sind weniger innovativ, weniger wandlungsfähig und letztlich weniger erfolgreich sein, als sie es sein könnten.

Was müsste ich ändern, damit ich das entfesseln kann, was in mir steckt?

Förster & Kreuz: In der Wirtschaft gibt es eine Handvoll typischer Fragen, denen wir im Arbeitsalltag immer wieder begegnen: Kannst du es messen? Was kostet es? Wie lange dauert es? Wie lautet die Best Practice? Was wird von mir erwartet? Etc. Das sind grundsätzlich gute und wichtige Fragen. Nur wenn sie reflexartig und exklusiv gestellt werden, dann zementieren sie das Alte, Gewohnte und Übliche. Sie lassen nichts Neues, Ungewohntes oder Außergewöhnliches zu.

Was heißt das konkret?

Förster & Kreuz: Nehmen wir zum Beispiel die Frage „Was wird von mir erwartet?“. Sie impliziert die Bereitschaft des Fragenden, das zu tun, was von ihm oder ihr erwartet wird. Das ist grundsätzlich nicht falsch, aber wenn ich den ganzen Tag damit beschäftigt bin, die Dinge zu tun, die die anderen wollen, dann lebe ich fremdbestimmt, im Außen, gesteuert – und dann habe ich keine Chance herauszufinden, was für mich selbst wirklich Bedeutung hat. Die Lösung liegt nicht darin, ab sofort die Erwartungen der anderen vollkommen auszublenden. Vielmehr geht es darum, eine Balance herzustellen, zwischen dem, was andere von mir erwarten und dem, was für mich wirklich zählt. Und das, was für mich wirklich zählt, drückt sich in dem Wort ‚Nein‘ aus. Das ist die Antwort – wenn nicht sogar die Antithese – zur Frage „Was wird von mir erwartet?“ Es ist der entscheidende Perspektivenwechsel von außen nach innen. Erwartungen werden von außen an uns herangetragen. Die Fähigkeit, das Wort ‚Nein‘ auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit. Anders ausgedrückt: Wir brauchen eine zusätzliche, öffnende Frage: „Zu welchen Dingen bin ich bereit NEIN zu sagen?“ – Das ist der Türöffner, um unser eigenes Leben zu leben und nicht das, das die Anderen uns zu leben wünschen.

Sie sprechen davon, dass es wichtig ist, sein persönliches „Genug“ festzulegen. Warum?

Förster & Kreuz: Zu oft ist unser Leben darauf ausgerichtet, den Ansprüchen des Umfelds zu genügen. Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir zu „Beifalls-Sklaven“. Unser Leben definiert sich dann primär über den materiellen, messbaren, vorzeigbaren Erfolg. Die Kunst besteht darin, unser persönliches „Genug“ an äußeren Dingen wie Wohlstand, Ansehen, Macht und Konsum festzulegen. Wenn wir das haben, passiert etwas Bemerkenswertes. Der Weg ist plötzlich frei, dass wir uns unseres übergeordneten Lebensmotivs klar werden. Einem Motiv, das uns hilft, das indirekte Leben, das wir führen, durch ein direktes, unmittelbares Leben abzulösen. Wenn wir das haben, beschäftigen wir uns nicht mehr mit etwas, weil eine Belohnung winkt, sondern weil die Beschäftigung selbst die Belohung ist. Dann glänzen unsere Augen nicht mehr, wenn wir vor dem Incentive stehen und Applaus bekommen, sondern wir spüren bei dem was wir tun, echte Passion, Begeisterung und inneres Feuer.

Sie fordern eine veränderte Haltung – weniger Konsument, mehr Bürger. Was genau meinen Sie damit?

Förster & Kreuz: Konsumenten arbeiten hart und viel, um anschließend zur Belohnung mit dem verdienten Geld konsumieren zu können. Und das ist in vielen Momenten des Lebens auch vollkommen in Ordnung. Aber in unserem Job ist die Konsumentenhaltung gefährlich. Konsumenten am Arbeitsplatz hinterfragen nicht, sind keine Gestalter, fühlen sich machtlos. Dabei hätten sie die Macht und auch die Stärke, wenn sie sich als Bürger verstehen würden. Bürger in diesem Sinne sind keine Büroinsassen, die abends mit dem Handy als Fußfessel Freigang haben, es sind keine Arbeit-Nehmer, keine Lohn -Empfänger. Bürger sind mündig, setzen sich für etwas ein. Sie nehmen Einfluss, nicht als Angestellte, sondern als Teil eines Unternehmens, dessen Zweck sie bejahen. Sie sind selbstbewusst und fordern Rechte ein – und sie erfüllen von Herzen gerne ihre Pflichten und übernehmen die volle Verantwortung dafür. Bürger sind nicht rebellisch, aber sie verkaufen sich auch nicht unter Wert, nein, sie verkaufen sich überhaupt nicht. Unsere Entscheidung, als Bürger zu handeln, bedeutet, dass wir unser Umfeld gestalten und ihm nicht nur ausgeliefert sind.

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Anja Förster/Peter Kreuz, Hört auf zu arbeiten! - Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt

(Redaktion)


 


 

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