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  • 08.04.2015, 09:10 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Ungleiche Nachbarn

Deutschland und Frankreich im Wirtschafts-Vergleich

Frankreichs Wirtschaft steckt in einem massiven Reformstau. Die Wirtschaftspolitik der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt bekommt von Ökonomen und Forschungsinstituten immer öfter schlechte Noten. Deutschland hängt Frankreich wirtschaftlich ab und die OECD verlangt von Hollande schnellere Reformen.

Am Wochenende forderte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von Frankreichs Premier François Hollande, sich beim Wirtschaftsumbau mehr ins Zeug zu legen. Zwar habe das Land erste Schritte für mehr Wachstum initiiert, schreiben die Wirtschaftsexperten in ihrem Bericht. Doch gleichzeitig forderte die OECD weitere Arbeitsmarktreformen sowie eine Eindämmung der Staatsausgaben und Steuern, um die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu ermöglichen.

Frankreich gilt in Europa nach wie vor als das wichtigste Industrieland neben Deutschland. Traditionell nimmt die Regierung des Landes aktiv Einfluss auf die ökonomische Entwicklung der Nation. Volkswirte sprechen bei diesem Modell von einer „gelenkten Volkswirtschaft“.

Die Finanzkrise 2009, die weltweit nahezu alle Länder in Mitleidenschaft gezogen hat, hatte in Frankreich etwas geringere Negativeffekte. Doch verglichen mit dem wirtschaftlich dominanten Nachbarn Deutschland, gerieten die Franzosen zuletzt immer mehr ins Hintertreffen. Gerade die Franzosen kritisierten in den vergangenen Jahren immer wieder den deutschen Handelsüberschuss, der zeigt, dass Deutschland deutlich mehr Waren exportiert als importiert. Grund dafür ist auch die zurückhaltende Lohnpolitik, die deutsche Unternehmen international wettbewerbsfähig macht.

Die Folgen der große wirtschaftlichen Unterschiede lassen sich besonders klar an den Bonitätsnoten der Länder ablesen: Ende 2014 stufte beispielsweise die Rating -Agentur Fitch Frankreich von AA+ auf AA herab. Deutschland hat nach wie vor einen AAA-Status. Standard & Poors hatte Frankreichs Bonität schon im November 2013 auf AA herabgesetzt (Deutschland: AAA), und Moodys benotet Frankreich mit der zweitbesten Wertung, Deutschland hingegen mit der Top-Bonität.

Beim BIP klafft eine Lücke

Zwischen Deutschland und Frankreich klafft schon länger eine starke Wachstumslücke. Während die OECD für Frankreich mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 1,1 in diesem und 1,7 im kommenden Jahr noch recht optimistisch ist, erwartet die französische Statistikbehörde 2015 lediglich ein Plus von 0,8 Prozent. Für Deutschland sind die Wirtschaftsforscher deutlich optimistischer. Die Volkswirte der Allianz stellten jüngst für das laufende Jahr sogar einen BIP-Anstieg um 2,1 Prozent in Aussicht.

Arbeit ist in Frankreich knapp

In Frankreich herrscht nach wie vor eine Rekordarbeitslosigkeit. Prognostiziert wird für 2015 eine Arbeitslosenquote von 10,2 Prozent. Damit ist dieser negative Wohlstandindikator doppelt so hoch wie in Deutschland, wo im Jahresschnitt 5,1 Prozent erwartet werden. Die Bundesagentur für Arbeit meldete im März eine Erwerbslosenzahl unterhalb der Drei-Millionen-Marke. Im viel kleineren Frankreich suchen laut offizieller Statistik fast 3,5 Millionen Menschen Arbeit – vor allem junge Menschen sind betroffen.

Schuldenberg wächst und wächst

Schaut Frankreichs Finanzminister Michel Sapin nach Deutschland, dürfte er vor Neid erblassen. Während die französische Regierung 2017 als frühesten Termin für die Einhaltung der EU-Neuverschuldungsgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts nannte, werden beim Nachbarn schon seit drei Jahren leichte Haushaltsüberschüsse erzielt. Damit bildet Deutschland allerdings innerhalb der Europäischen Union eine absolute Ausnahme. Alle anderen Länder schreiben rote Zahlen.

Differenz der Arbeitskosten vergrößert Kluft

Frankreich ist nicht als Land größter Ingenieurskunst und Innovationskraft bekannt – ganz anders als Deutschland. Doch Waren „made in Germany“ lassen sich nicht nur wegen ihrer Qualität und Originalität international besser verkaufen. Auch im Preiswettbewerb liegen deutsche Firmen vorn. Der Grund sind die geringeren Arbeitskosten hierzulande. Private Arbeitgeber zahlen in Frankreich durchschnittliche Arbeitskosten in Höhe von 35 €. In Deutschland liegt der Vergleichswert bei lediglich 31,70 €.

Mittelstand sorgt für Stabilität

François Hollande hat es jetzt auch erkannt: Der Mittelstand ist die Stütze der Wirtschaft, vor allem im Industriesektor. Deshalb kündigte er jüngst einen 500 Millionen umfassenden Investitionsfonds für mittelständische Betriebe an. Während in Frankreich nur noch etwas über zehn Prozent der Wirtschaftsleistung in der Industrie erwirtschaftet werden, sind es in Deutschland 22 Prozent. Grund sind vor allem die vielen Hidden Champions, die von Deutschland aus die Nischenmärkte der Welt beherrschen.

(Jürgen Stilling, WN)


 


 

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