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  • 23.01.2013, 14:06 Uhr
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  • Münster & Münsterland
"Wer entscheidet in Westfalen"

Karl-Friedrich Schulte-Uebbing - Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen

Im Rahmen der Interviewserie "Wer entscheidet in Westfalen" stellen wir Ihnen heute Karl-Friedrich Schulte-Uebbing vor, den Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen.

Geboren in Dortmund, nun wohnhaft in Münster und im Herzen Schalker: Karl-Friedrich Schulte-Uebbing ist Westfale durch und durch. Und das nicht nur privat. Als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen in Münster setzt er sich für einen selbstbewussten Auftritt der Region ein. Im Interview mit "Westfalen heute" spricht Karl-Friedrich Schulte-Uebbing über die Vielfalt der Region, die westfälische Mentalität und fordert zu mehr Selbstbewusstsein auf.

Der IHK-Bezirk Nord Westfalen umfasst vom nördlichen Ruhrgebiet bis zum Münsterland eine Region, die von starken wirtschaftlichen Unterschieden geprägt ist. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Karl-Friedrich Schulte-Uebbing: Tatsächlich machen wir manchmal einen Spagat, da in der Emscher-Lippe-Region zum Teil ganz andere Probleme drücken als im Münsterland. Besonders bei der Berufsbildung müssen wir sehr differenziert vorgehen. Denn in der Emscher-Lippe-Region versuchen wir nach wie vor, bei den Unternehmern noch mehr Lehrstellen zu gewinnen, um auch nicht hinreichend qualifizierte Jugendliche in die betriebliche Ausbildung zu bringen; im Münsterland bleiben Lehrstellen frei; hier werben wir mit "Schock deine Eltern - Mach erstmal eine Lehre", um kluge Köpfe statt für ein Studium für eine unternehmerische Karriere zu begeistern. Aber auch Deutschland insgesamt ist ja von Bayern bis zur dänischen Grenze sehr unterschiedlich. Letztendlich hilft nur eins: Vor Ort genau hinschauen und mit den Unternehmen sowie den Partnern in den Kommunen und Kreisen nach den richtigen Lösungen suchen, die eine positive wirtschaftliche Entwicklung unterstützen.

Welche Bedeutung hat für Sie das restliche Westfalen?

Es gibt aus meiner Sicht kein restliches Westfalen. Die Region muss als Ganzes betrachtet werden. Nur so wird ihr Stellenwert deutlich. Knapp die Hälfte der Einwohner Nordrhein-Westfalens lebt hier, acht Millionen Menschen! Westfalen ist größer als manches Bundesland und hat ein Bruttosozialprodukt in der Höhe von Dänemark. Viele Unternehmen sind inhabergeführt und spielen auf den Weltmärkten eine gewichtige Rolle. Das muss allerdings noch viel deutlicher und selbstbewusster nach außen getragen werden.

Welchen Beitrag können die westfälischen Industrie- und Handelskammern dazu leisten?

Erstens: Es ist wichtig, sich gemeinsam für die Region stark zu machen und passende Allianzen zu bilden. Wenn zum Beispiel Behörden aus Spargründen zusammengelegt werden, darf die Zentrale nicht automatisch ins Rheinland verlegt werden. Dagegen müssen wir uns gemeinsam wehren. Auch Siegen, Bielefeld, Münster oder andere westfälische Städte müssen berücksichtigt werden. Zweitens: Westfalen ist meiner Meinung nach eine optimale Wirtschaftseinheit in NRW. Groß genug, um unter Kostengesichtspunkten effiziente Verwaltungsstrukturen zu haben. Und nicht zu groß für eine starke regionale Identifikation. Im Gegenteil: Das "westfälische Wir-Gefühl" ist vor allem in den zahlreichen Familienunternehmen vorhanden. Wir müssen es nur stärker als verbindendes Element betonen und bei der Darstellung des Wirtschaftsstandortes nutzen.

Was sind die größten Herausforderungen, die auf die Region zukommen?

Wir brauchen auch zukünftig, wie bisher, innovative Unternehmerinnen und Unternehmer sowie gut ausgebildete Fachkräfte. Die zentrale Frage ist: Wie schaffen wir es, diese Leute hierher zu bekommen oder in der Region zu halten? Auch hier gilt die Devise, dass wir in Westfalen deutlicher zeigen müssen, was unsere Region zu bieten hat. Im Münsterland gibt es zahlreiche Hidden Champions, fest hier verankert, aber weltweit erfolgreich. Hervorragende Arbeitgeber, die eben - wie der Name schon sagt - wenig bekannt sind. Die Unternehmen selbst sagen sich, es reicht doch, wenn unsere Kunden uns kennen. Das hat vielleicht auch etwas mit der westfälischen Mentalität zu tun, eher zurückhaltender zu sein. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ein Umdenken stattfinden muss. Denn wenn gut ausgebildete junge Menschen nicht wissen, wie attraktiv die Region ist, ist es kein Wunder, wenn sie sich Richtung Düsseldorf, Köln, Hamburg oder Berlin orientieren.

Wie wird sich die Schließung des Bochumer Opel-Werks auf Ihren IHK-Bezirk auswirken?

Die Auswirkungen werden spürbar sein. Wir gehen davon aus, dass allein im Kreis Recklinghausen 900 Opel-Mitarbeiter wohnen. Hinzu kommen noch die bei den Zulieferbetrieben, von denen so mancher in der Emscher-Lippe-Region seinen Sitz hat. Ich bin aber optimistisch, dass es für viele der gut ausgebildeten Fachkräfte neue Angebote geben wird, wenn auch womöglich außerhalb der Region. Das Hauptproblem ist aber vielmehr, dass für immer, dauerhaft die 4000 Opel-Arbeitsplätze der Region verloren gehen. Es sind also nicht nur die aktuellen Mitarbeiter betroffen, sondern auch deren potentielle Nachfolger. 2018 kommen dann noch einmal 8000 Bergbau-Arbeitsplätze hinzu, die unwiderruflich verschwinden.

Welche Folgen erwarten Sie durch die Eurokrise?

Die mittelständisch geprägte Wirtschaft in Nord Westfalen ist zum Glück sehr flexibel und wird von negativen Konjunkturentwicklungen meist weniger hart getroffen als die Wirtschaft in anderen Regionen. Andererseits geht ein hoher Anteil des regionalen Exports in EU-Länder. Das kann zum Problem werden. Zum Glück weichen viele unserer mittelständischen Unternehmen auf neue Absatzmärkte aus. Im Augenblick besteht die Hoffnung, mit einer schwarzen Null aus der Krise herauszukommen, aber das ist von vielen Eventualitäten abhängig. Ganz ehrlich: Wir wissen alle nicht, wie es vor allem mit den südeuropäischen Ländern weitergeht. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir im Großen und Ganzen glimpflich durch die Krise kommen werden.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, ein Projekt sofort umzusetzen - welches wäre das?

Da Nord-Westfalen aus zwei recht unterschiedlichen Teilregionen besteht, möchte ich auch zwei Projekte nennen. Für das nördliche Ruhrgebiet wünsche ich mir schlicht mehr Gewerbeflächen, auf denen sich Unternehmen ansiedeln können. Dabei rede ich nicht von diesem Klein-Klein oder von Flächen mit erheblichen Restriktionen. Ich meine große, verkehrstechnisch gut angebundenen Gebiete, die in den neuen Bundesländern neue Arbeitsplätze in großen Industriebetrieben bieten. Für das Münsterland ist eines der wichtigsten Projekte eine leistungsfähige Straßenverbindung zwischen Münster und Bielefeld, sprich der Ausbau der B 64 n. Hier ist insbesondere die Wiederaufnahme der Ortsumgehungen Beelen und Herzebrock-Clarholz in den "Vordringlichen Bedarf" des Bundesverkehrswegeplans unbedingt erforderlich. Wie diese beiden Oberzentren Westfalens verbunden sind, ist wirklich abenteuerlich.

(Westfalen heute)


 


 

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