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  • 14.11.2012, 09:20 Uhr
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  • Münsterland/Köln
Wirtschaftskongress RWGV

„Mittelstand – das ist eine Haltung“

3.200 rheinisch-westfälische Unternehmer waren beim „vermutlich größten Wirtschaftskongress Europas“. Käßmann, Schirrmacher und Töpfer als prominente Talk-Gäste. 102 Volksbanken, Raiffeisenbanken sowie Spar- und Darlehenskassen waren Gastgeber.

Werte und Traditionen, Kreativität und Verantwortungsbereitschaft – all das stand am Dienstag im Mittelpunkt des Wirtschaftstages der Genossenschaftsinstitute in Rheinland und Westfalen. Dazu hatten 102 Volksbanken, Raiffeisenbanken sowie Spar- und Darlehnskassen ihre mittelständische Kundschaft nach Köln eingeladen. Über 3.200 Unternehmer ließen sich im Staatenhaus am Rheinpark von kompetent und prominent besetzten Talk-Runden inspirieren. Das von Maybritt Illner (ZDF) und Peter Großmann (WDR) moderierte Thema des Nachmittags: „Wir sind Deutschland – Innenansichten einer Nation“.

Den „vermutlich größten Wirtschaftskongress Europas“ eröffnete der Vorstandsvorsitzende des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes, Ralf W. Barkey, mit einem Zitat der Theologin Prof. Dr. Margot Käßmann: „Wenn Geld das Wichtigste im Leben wird, läuft irgendetwas falsch, dann ist die Werteskala verrutscht.“ Dieser Satz sei ihm genauso in Erinnerung geblieben wie die Erkenntnis von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft beim diesjährigen Verbandstag: „Genossenschaften haben eine eingebaute Gierbremse.“ Barkey sagte, er habe sich beide Aussagen gemerkt, „weil beide Zitate mit wenigen Worten zeigen, dass es nicht ausreicht, in den Kaderschmieden der Wirtschaftswelt einen knallharten homo oeconomicus zu züchten, um erfolgreich zu sein“. Die Wirtschaft brauche auch das, was man Werte nenne: „Heute mehr denn je.“

"Der deutsche Mittelstand geht da seit jeher mit gutem Beispiel voran."

Verlässlichkeit, Fairness und Bodenständigkeit seien das Mindestmaß an „moralischer Instanz“ auch in der Finanzwirtschaft, so Barkey weiter: „Jedenfalls dort, wo man mit und für Menschen arbeitet und auf langfristige Geschäftsbeziehungen setzt. Der deutsche Mittelstand geht da seit jeher mit gutem Beispiel voran.“

Der Mittelstand sei ein starkes Stück Wirtschaft in Rheinland und Westfalen, machte der RWGV-Vorstandsvorsitzende deutlich: „Mittelstand – das ist darüber hinaus eine Haltung, eine Einstellung. Das ist persönlicher Einsatz, persönliche Kreativität, persönliches Risiko und vor allem auch Haftung – und persönlicher Erfolg.“

Barkey verlangte mit Blick auf die politischen Bestrebungen zu einer europäischen Bankenunion, dass die Gesetzgeber nicht alle Banken in einen Topf werfen. Er kritisierte scharf, dass „um die vorbildliche und unverzichtbare Sicherungseinrichtung der Kreditgenossenschaften geschachert wird“. Diese Diskussion müsse „endlich ein Ende finden“. Sein Argument: „Eine europaweite Gleichschaltung von Risiken und Haftung würde den Zockern wieder Tür und Tor öffnen.“ Und sie würde der Unterschiedlichkeit der Bankenwelt nicht gerecht.

Der RWGV-Vorstandsvorsitzende verlangte, dass der Gruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken keine europäische Einheitsaufsicht übergestülpt werden dürfe: „Das ist teuer, ineffizient und sachlich unangemessen. Auch das muss endlich vom Tisch.“ Zugleich sah er die Gefahr, dass „immer mehr bürokratische Hürden den Banken die unerlässliche Flexibilität nehmen, mittelständischen Unternehmen die nötigen Kredite zu gewähren“. Es sei nahezu ein Wunder und nur dem hohen finanziellen wie personellen Einsatz der Kreditgenossenschaften zu verdanken, dass es auch im laufenden Jahr zu keiner Kreditklemme gekommen ist.

Tatsächlich ist die Summe der Kredite, die die rheinisch-westfälischen Genossenschaftsbanken vergeben haben, in den vergangenen Monaten deutlich angewachsen. Anders als im Vorjahr waren die Kredite an Unternehmen und Selbstständige dabei der wichtigste Wachstumsträger. Ihr Bestand ist in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2012 um 4,9 Milliarden Euro auf 65,1 Milliarden Euro gestiegen.

Prof. Dr. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und Special Guest des Wirtschaftstages, lobte die Genossenschaftsinstitute für ihre Geschäftspolitik. Sie stellten den Teil der Bankenwirtschaft, der ohne Skandale durch die Finanzkrise gekommen sei. Töpfers Konsequenz: Man solle mehr auf die Meinungen der Genossenschaften hören.

Zitate aus den Talk-Runden und Vorträgen des Wirtschaftstages

Dr. Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ:  „Die Europäische Idee nur ökonomisch zu messen wäre fatal. Auch Ökonomen wissen, dass man nicht alles in Cent und Euro messen kann. Wir brauchen Europa. Nicht nur wirtschaftlich.“ „Die Krise ist ein Katalysator. Wir werden gestärkt hervor gehen.“

Alexander Graf Lambsdorff, Vorsitzender der FDP im Europäischen Parlament: „Mit der Wirtschaft ist es wie mit einem Fahrrad: Entweder es fährt vorwärts oder es fällt um.“


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Prof. Dr. Margot Käßmann, Theologin:  „Auch für Europa heißt es: Es darf sich nicht einer eine goldene Nase verdienen. Es muss klar sein: Gerechtigkeit heißt, dass jeder Einzelne gesehen wird.“ „Wesentlich bedrückender in der Krise ist, dass das Zusammenwachsen Europas auf der Strecke bleibt. Das bedrückt mich. Nicht ausschließlich die ökonomische Frage.“

Maybrit Illner, Moderatorin:  „Wir schreiben das Jahr 2025. Wie sieht die Europäische Union aus?“

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaft:  „Ein stabile nachhaltige Wirtschaft in Europa wird es erst in zwanzig Jahren geben.“

Alexander Graf Lambsdorff, Vorsitzender der FDP im Europäischen Parlament:  „Es wird die Europäische Union noch geben. Großbritannien wird sich distanzieren. Alle anderen Staaten rücken enger zusammen. Und: 2025 wird der Effzeh (1.FC Köln) Champions-League-Sieger.“

Maybrit Illner, Moderatorin:  „Was nutzt es, wenn kleine und mittlere Unternehmen über Nachhaltigkeit nachdenken?“

Arved Lütz, Gründer und Geschäftsführer :response: „Kleine Unternehmen sind bereit Innovationen zu suchen. Sie sind mutig und preschen vor. Trauen sich Dinge auszuprobieren. Das brauchen wir!“

Uwe Berghaus, Vorstand WGZ BANK:  „Wir haben Nachhaltigkeit in den Genen. Genossenschaften machen ihre Ergebnisse in der Region und zahlen Steuern in der Region. Das ist nachhaltig.“

Maybrit Illner, Moderatorin:  „Wie wichtig ist Nachhaltigkeit, wenn der Pizzabäcker von nebenan angibt, dass er seine Pizza nachhaltig backt oder Unternehmen den Regenwald schützen?“

Arved Lütz, Gründer und Geschäftsführer :response:  „Dieses ,Greenwashing’ ist Quatsch. Saufen für den Regenwald hilft keinem weiter. Da sitzen PR-Strategen und planen. Das ist für mich eigentlich ein Negativbeispiel.“

Maybrit Illner, Moderatorin:  „Früher wurde das genossenschaftliche ,Beziehungsbanking’ belächelt. Ist genau dies heute Ihr Wettbewerbsvorteil?“

Uwe Berghaus, Vorstand WGZ BANK: „Enge Beziehungen sind viel wichtiger geworden. Sie haben eine neue Bedeutung bekommen. In der Krise waren Genossenschaften DER Stabilitätsanker. Früher wurden wir mitunter belächelt. Heute schätzt man uns, weil wir nicht international unterwegs sind sondern nachhaltig. Langfristig mit unseren Kunden.“ „Wir haben Nachhaltigkeit in den Genen. Genossenschaften machen ihre Ergebnisse in der Region und zahlen Steuern in der Region. Das ist nachhaltig.“

Über den RWGV

Im RWGV haben sich 669 Unternehmen zusammengeschlossen, die rund 2,8 Millionen Mitgliedern gehören (Stand: 31.12.2011). Hierzu zählen 196 Kreditgenossenschaften mit einer Bilanzsumme von 175 Milliarden Euro, 171 landwirtschaftliche Warengenossenschaften mit einem Umsatz von mehr als 23 Milliarden Euro sowie 302 gewerbliche Dienstleistungs- und Handelsgenossenschaften mit einem Umsatz von mehr als acht Milliarden Euro. Damit ist die Genossenschaftsgruppe die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation in der Region. Der RWGV steht als Prüfungs-, Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsverband im Dienste seiner Mitgliedsgenossenschaften und vertritt ihre Interessen.

(Redaktion)


 


 

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