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  • 12.08.2013, 09:20 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Wohnungslose in Münster

Hunderte ohne feste Bleibe

Immer mehr Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung: Im Jahr 2012 waren rund 284.000 Menschen wohnungslos – fast so viele, wie Münster Einwohner hat. Die Zahlen, die seit 2010 um rund 15 Prozent gestiegen sind, präsentierte der Dachverband der Wohnungslosenhilfe in der vergangenen Woche in Berlin.

In Münster sieht die Situation leider nicht besser aus, berichten Bernd Mülbrecht, Leiter des Hauses der Wohnungslosenhilfe (HdW), und Herbert Berkemeier, Fachstellenleiter beim Sozialamt und zuständig für die Wohnraumversorgung, im Interview mit Redakteurin Sandra Peter. Einer der Gründe: der teure Wohnungsmarkt.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe berichtete von einem Anstieg der Zahl der Wohnungslosen. Ist die Entwicklung in Münster ähnlich?

Mülbrecht: Auch hier entwickeln sich die Zahlen in diese Richtung. Wir gehen im Moment von etwa 400 bis 450 alleinstehenden wohnungslosen Männern und Frauen in der Stadt aus. Ein Anstieg von zehn bis 15 Prozent in den vergangenen zehn Jahren.

Berkemeier: Ein Indikator ist auch die Zahl der beim Amtsgericht aufgrund von Mietschulden eingereichten Räumungsklagen. Im Jahr 2012 gab es in Münster hiervon für Familien und Alleinstehende insgesamt 341; ein Allzeithoch in den vergangenen 20 Jahren. Und es sieht so aus, als ob die Zahl in diesem Jahr auf gleichem Niveau stagniert.

Wann gilt jemand als wohnungslos?

Berkemeier: Wir sprechen von Wohnungslosigkeit, wenn jemand weder über eine eigene Mietwohnung verfügt oder ohne eigene Wohnung in einer Einrichtung untergebracht ist. Der Anteil der Betroffenen der tatsächlich auf der Straße lebt und keine sozialen und wirtschaftlichen Unterstützungsleistungen annimmt, ist aber sehr überschaubar.

Wo liegen die Gründe für Wohnungslosigkeit?

Mülbrecht: Einer der Hauptgründe ist der teure Wohnungsmarkt, ein Problem in allen attraktiven Städten – zu denen auch Münster gehört. Dort müssen ärmere Menschen mit anderen konkurrieren. Den meisten Wohnungslosen ist gemein, dass sie über wenige finanzielle Ressourcen und oft kein ausreichendes soziales Netzwerk an Verwandten und Freunden verfügen. Dazu kommen häufig Mietschulden und gesundheitliche Einschränkungen. All diese Faktoren mischen sich aber in jeder Person anders.

Trifft es viele auch unvermittelt?

Mülbrecht: Der Großteil der Betroffenen hat schon vor der Wohnungslosigkeit in prekären Verhältnissen gelebt. Wohnungslosigkeit entsteht selten von jetzt auf gleich. Es ist ein Prozess, den die Betroffenen natürlich auch abzuwenden versuchen.

Berkemeier: Am besten ist, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Wenn das Sozialamt von einer drohenden Wohnungslosigkeit zum Beispiel durch eine Kündigung oder eine Räumungsklage erfährt, nehmen wir Kontakt auf zu den Betroffenen. Es werden unterschiedliche Beratungs- und sonstige Unterstützungsleistungen angeboten um den Wohnungsverlust zu verhindern. Wir erreichen aber leider nicht jeden damit.

Ist Wohnungslosigkeit meist nur vorübergehend oder von Dauer, sprich: Wie lange bleiben die Bewohner in der Regel im HdW?

Mülbrecht: Das ist vollkommen unterschiedlich. Der eine bleibt drei Jahre, der andere sechs Monate. Zum Glück ist unser Angebot nicht befristet, das heißt die Männer können so lange bleiben, bis sich ihre Situation verbessert hat. Bei manchen geht das schneller als bei anderen.

Berkemeier: Das HdW versteht sich als Drehtürangebot. Natürlich sollen die Bewohner nicht ewig hier bleiben, sondern mit individueller Hilfe früher oder später wieder in normale oder betreute Wohnverhältnisse zurückfinden. Vor allem das betreute Wohnen nimmt zu. Denn viele Wohnungslose wären überfordert, würde man ihnen einfach einen Schlüssel für die eigene Wohnung in die Hand drücken und es dabei belassen.

Wie ließe sich die Situation der Wohnungslosen verbessern, ihre Zahl verringern?

Mülbrecht: Unter anderem durch mehr geförderten Wohnungsbau. Außerdem sind wir auch momentan auf der Suche nach Immobilien, um dort für unterschiedliche Zielgruppen Wohnraum anbieten zu können, etwa für Suchtkranke. Im HdW ist es mit 80 Bewohnern eigentlich schon zu eng.

So eng, dass Sie an Ihre Grenzen stoßen?

Mülbrecht: Wir müssen Gott sei Dank niemanden ablehnen. Es gibt noch die Notunterkünfte im ehemaligen Huk-Gebäude, die im Moment nicht voll ausgelastet sind.

Berkemeier: Jeder hat einen gesetzlich verankerten Anspruch auf Obdach, da ist die Stadt in der Pflicht. In manchen Zeiten ist das schwieriger umzusetzen als in anderen – zum Beispiel im Winter.

Sollte es mehr Plätze für Wohnungslose in Münster geben?

Mülbrecht: Die Zahl der Plätze soll nicht erhöht werden. Unsere Anstrengungen liegen darauf, die Menschen aus der Wohnungslosigkeit wieder herauszubringen, anstatt immer mehr Kapazitäten zu schaffen. Der Aufenthalt im HdW soll nicht der Normalzustand werden. Der Normalzustand ist das Wohnen in der eigenen Wohnung.

(Sandra Peter)


 


 

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