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  • 05.01.2015, 08:40 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Zeitarbeit in Münster

Thomas Bäumer will mit Tuja und Adecco zwei Welten der Zeitarbeit zusammenführen

An der Wand Bilder der Preußen. Der Pokal vom Aufstieg in die 3. Liga auf dem Sideboard. Daneben reckt eine Armee Berliner Bären die bunten Tatzen in den Himmel. Im Hintergrund ist Bohren und Hämmern zu hören. Bei Thomas Bäumer im Hause des Personaldienstleisters Tuja wird umgebaut.

Der Tuja-Geschäftsführer ist künftig auch CEO des Schwesterunternehmens Adecco Personaldienstleistung GmbH Deutschland und Österreich. Das hat in der Zentrale in Münster nicht nur bauliche Folgen, wie er im Interview mit Redakteur Martin Ellerich erklärt.

Was ändert sich am Tuja-Standort in Münster dadurch, dass nun die Zen­trale des Schwesterunternehmens Adecco Deutschland hinzukommt?

Bäumer: Für Tuja haben wir alle begleitenden Prozesse des operativen Geschäftes bereits hier in Münster zen­tralisiert – Personalmanagement, Marketing, Rechtsabteilung, Controlling , PR- und Fuhrparkmanagement. Das gleiche System werden wir jetzt für die „Adecco-Welt“ hier spiegeln und entsprechend personell verstärken. Sie hören die Bohrmaschinen: Wir bauen gerade kräftig um und aus.

Was heißt das in Zahlen?

Bäumer: Derzeit haben wir gut 50 Mitarbeiter hier im Headquarter. Mit dem Zuwachs werden wir fast im dreistelligen Bereich liegen.

Und wie sieht es beim Umsatz aus?

Bäumer: Die Tuja hat 2013 einen Umsatz von 575 Millionen gemacht. Das werden wir 2014 deutlich übertreffen. Die „Adecco-Welt“ hier in Deutschland ist – noch – kleiner als die „Tuja-Welt“. Sie hat einen Umsatz von etwa 500 Millionen gemacht. Für 2015 halte ich einen Umsatz beider Marken von nahezu 1,3 Milliarden aber nicht für utopisch.

Sie sprechen von „Tuja-Welt“ und „Adecco-Welt“, wie weit liegen die Schwestern auseinander?

Bäumer: Es gibt zwei Kulturen: Auf der einen Seite die Konzernwelt mit einer dazugehörigen Konzern­struk­tur – die „Adecco-Welt“. Auf der anderen Seite die „Tuja-Welt“, die dynamischer ist.

Wenn Sie als Preußen-Aufsichtsratsvorsitzender es in Bundesliga-Vereinen ausdrücken sollten: Was ist Tuja, was ist Adecco?

Bäumer: Tuja spielt nah am Kunden kontinuierlich einen schnellen, aggressiven Offensivfußball – so wie früher Borussia Dortmund. Heute eher Bayern München: klar denkend und strukturiert.

Und was ist Adecco?

Bäumer: Adecco ähnelt vielleicht eher Schalke 04: Die versuchen sehr viel und kommen immer seltener in die Nähe des Ziels. Letzteres wollen wir jetzt ändern. Der Markt der Personaldienstleister ist in den letzen Jahren nicht mehr sonderlich gewachsen. Auch die anstehenden politischen Reformen werden keinesfalls zu einem Wachstum führen. Beide Marken haben zusammen einen Marktanteil von 4,8 Prozent. Damit stehen wir im Ranking der führenden Personaldienstleister in Deutschland auf einem komfortablen 2. Platz. Die Zukunftsausrichtung wird sein, weitere Marktanteile zu erkämpfen.

Welche politischen Reformen meinen Sie konkret?

Bäumer: Bereits 2004 erfolgte die Tarifierung der Zeitarbeit. Seit Januar 2012 gibt es Lohnuntergrenzen und seit November die ersten Branchenzuschläge. Lohndifferenzen wurden dadurch beseitigt. Kurz vor der Bundestagswahl 2013 haben die Sozialpartner der Zeitarbeitsbranche ein neues Tarifwerk gegeben, mit der Verlängerung des Flächentarifvertrags bis 2016. Gleichzeitig hat die große Koalition in ihrem Koalitionsvertrag neue Regulierungen beziehungsweise arbeitsmarktpolitische Reformen festgesetzt. Beispielsweise die Einführung eines gesetzlichen Equal Pay nach neun Monaten Überlassungsdauer und das Kürzen der unbegrenzten Überlassungsdauer auf 18 Monate. Diese anstehenden Reformen gefährden die Funktion der Zeitarbeit als Integrationsinstrument auf dem Arbeitsmarkt und als Jobmotor. Derzeit machen die 850.000 bis 880.000 Zeitarbeitnehmer hierzulande etwa zwei Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus. In unserer Branche gibt es kaum Wachstum, sondern einen Verdrängungswettbewerb.

Laut Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister, dessen Vizepräsident Sie sind, ist die Zahl der Zeitarbeiter 2013 um 5,3 Prozent gesunken. In der Spitze waren fast eine Millionen Menschen in der Zeitarbeit.

Bäumer: Die Millionen haben wir nie geknackt, aber wir waren nach der Bankenkrise nahe dran: um die 950.000. Durch die Branchenzuschlagsthematik hat sich Zeitarbeit am Markt deutlich verteuert. Andererseits verdienen erfreulicherweise die Zeitarbeitnehmer deutlich besser. Den Mindestlohn , wie er jetzt allgemein kommt, hat unsere Branche bereits im Januar 2014 eingeführt. Die Lohnerhöhungen werden in unserer Branche natürlich 1:1 an den Kunden weitergegeben. Und das hat Folgen. Die erste ist die Stagnation des Marktes.

Wir haben in großen Teilen des Münsterlandes so gut wie Vollbeschäftigung, zudem macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar – wie schwierig ist da das Geschäft mit Zeitarbeit?

Bäumer: In den letzten Jahren ist die Zeitarbeit – auch durch die tariflichen Änderungen – deutlich wettbewerbsfähiger geworden. Grob geschätzt bleiben die Mitarbeiter 1,5 bis zwei Jahre bei uns. Wir haben aber auch Mitarbeiter, die seit mehr als 20 Jahren bei uns arbeiten. Wir haben in unserer Branche fast hundert Prozent Tarifbindung. Und an vielen Stellen müssen wir schon übertariflich zahlen, um gute Leute zu halten.

Merken Sie, dass Kunden gute Fachkräfte von Ihnen übernehmen?

Bäumer: Ja. Wir sehen das aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Einerseits verlieren wir einen guten Mitarbeiter, andererseits haben wir offensichtlich unserem Kunden ein genau passendes Angebot gemacht. Über 30 Prozent unserer Zeitarbeitnehmer werden vom Kunden übernommen.

(Martin Ellerich, WN)


 


 

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