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Formel 1

„Die wahren Fans halten zu Sebastian!“

Vom 23. bis 25. Juli gastiert die Formel 1 erstmals seit 2008 wieder im nordbadischen Hockenheim. Sechs deutsche Fahrer stehen am Start. Ernsthafte Siegeschancen hat nur einer: der aus Heppenheim stammende Shooting-Star Sebastian Vettel. Eine Woche vor dem Mega-Event im Motodrom von Hockenheim äußern sich Vettels Eltern Heike und Norbert Vettel in einem seltenen Interview.

 „Eigentlich lehnen wir Interviewanfragen ab, wir wollen uns da raushalten“ – doch für die am kommenden Wochende  rund um das östereichische Gröbming stattfindende Ennstal Classic machen Norbert und Heike Vettel eine Ausnahme, sprechen über die Anfangsjahre, als man gemeinsam im Campingbus zu den Kartrennen des jungen Sebastian fuhr. Oder über die Schwierigkeit, heutzutage im Motorsport Fuß zu fassen. Über den Umgang mit Boulevardmedien und Headlines wie „Hornochsenstreit“. Und natürlich über das bevorstehende gemeinsame Abenteuer - denn Norbert und Heike Vettel fahren auf einem Porsche 356 Speedster aus dem Jahr 1958 (Startnummer 102) bei der Ennstal Classic mit. Für beide ist es das erste Mal, Heike Vettel vertritt als Navigatorin kurzfristig den verhinderten Joschi Walch.

Eingefädelt hat die Premiere übrigens Sebastian Vettel, der am kommenden Samstag beim Grand Prix von Gröbming einen Porsche-Formel 1 aus dem Jahr 1962 pilotieren wird. Am Sonntag jagt er dann seinen Red Bull-F1 durch die Straßen seiner Heimatstadt Heppenheim. Darauf freuen sich auch Vater und Mutter Vettel, die sich die Zeit für ein ausführliches Interview nahmen…

Wird man als Mutter respektive Vater eines Formel 1-Piloten oft angesprochen? Können Sie noch unerkannt einkaufen gehen?

Norbert Vettel: Im Moment hält es sich in Grenzen, weil wir uns als Familie ziemlich zurückhalten. Ich denke, dass das Privatleben wichtiger ist, als im Vordergrund zu stehen.

Herr Vettel, Sie haben selbst in jungen Jahren auch Motorsport betrieben, nicht wahr?

Norbert Vettel: Ich bin im Alter von 19 oder 20 Jahren Klubsportrallyes gefahren, das war eigentlich eine schöne Zeit. Wobei der Klubsport nicht ganz so extrem war, wie das bei den heutigen Rallyes der Fall ist, aber es gab durchaus Sonderprüfungen, die auf Zeit gefahren wurden.

Hat Sebastian also die Motorsport-Gene von Ihnen vererbt bekommen?

Norbert Vettel: Das kann man so nicht sagen. Ich denke, wenn einer gut ist und seinen Spaß an der Sache hat – wenn er einen Ehrgeiz entwickelt und dabei aber nicht den Spaß vergisst, dann ist das okay so.

Ist es in der Formel 1 überhaupt noch möglich, Spaß zu haben?

Norbert Vettel: Ich denke, man muss sich den Spaß einfach erhalten – wenn man den Spaß nicht mehr hat, stellt sich die Frage, ob es dann noch Sinn macht.

Heike Vettel: Es ist wie im normalen Leben, da will man ja auch keinen Job, der keinen Spaß bereitet.

Norbert Vettel: Wenn man es nur zum Zwecke des Geldverdienens machen würde, wäre das der verkehrte Weg.

Sie sind ja in den Anfangsjahren immer gemeinsam, als Familie im Campingbus zu den Kartrennen des Sebastian gefahren, nicht wahr?

Norbert Vettel: Ja, die Familie war immer beisammen. Wenn die Familie nicht zusammen ist, funktioniert es prinzipiell nicht.

Hat man da bereits erkannt, dass Sebastian schnell ist?

Heike Vettel: Man hat gesehen, dass er ein Talent, dass er ein Gefühl dafür hat.

Norbert Vettel: Ja, und dann setzt man sich immer gewisse Ziele, die man erreichen will. Wenn ich von 30 Fahrern 15. werde, möchte ich in die Top 10 gelangen. Wenn man dieses Ziel erreicht hat, setzt man sich das nächste Ziel. Dass man sagt, man will in die Formel 1, also so weit voraus zu planen – das ist glaube ich der falsche Weg.

Oft geht dann leider das Geld aus…

Norbert Vettel: Mit Sicherheit – es bleiben viele Talente auf der Strecke, weil sie die finanziellen Möglichkeiten nicht haben. Manche machen auch den Fehler, wenn sie zuhause ein bisschen Geld haben, dass sie das komplett ausgeben - doch irgendwann wird es so teuer, dass man es nicht mehr bezahlen kann.

Sie haben ja nicht so viel investiert in die Karriere des Sebastian, oder?

Heike Vettel: Nein, dazu waren wir gar nicht in der Lage.

Norbert Vettel: Ich habe immer versucht, Türklinken zu putzen, wie man das bei uns sagt. Ich habe schon als der Sebastian noch klein war versucht, Sponsoren zu finden. Die haben wir glücklicherweise auch gefunden, sonst hätten wir gar nicht weitermachen können.

Die Karriere des Sebastian Vettel gibt in so fern jenen Jungtalenten Hoffnung, die weniger gut bemittelt sind – weil sie sehen, dass man heutzutage nicht mehr ausschließlich mit viel Geld weiterkommt, sondern es anders auch noch geht, oder?

Norbert Vettel: Ja, wobei man dazusagen muss, dass es mittlerweile viel schwieriger wurde – es ist nicht mehr so, wie es zur Zeit des Sebastian war. Oder wie es früher auch noch bei Michael (Schumacher, d. Red.) der Fall war. Es wurde jetzt aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage noch schwerer. Man braucht einfach die große Industrie als Sponsor – das ist wichtig, dass diese Firmen in junge Talente investieren. Denn es hat heute im Grunde keiner mehr die Möglichkeit weiterzukommen, ohne dass die Industrie hinter dir steht.

Der Sebastian war bei seinem Einstieg in die Formel 1 sehr offen, sehr sympathisch…

Heike Vettel: (lacht) das haben wir gut hingekriegt, oder?

…ja. Nur jetzt scheint doch eine schwierigere Zeit angebrochen zu sein…

Norbert Vettel: Ja, gut. Das wird man nie vermeiden können - wenn man Erfolge feiert, kommt auch der eine oder andere Neider. Man darf nicht alles auf die Wagschale legen, was man in den Medien liest. Man muss letztlich an sich selber glauben können. Man muss mit gutem Gewissen sagen können: ‚Okay, ich habe alles richtig gemacht!’ Man wird im Leben immer unterschiedliche Meinungen haben – aber für ihn ist es wichtig, dass er an sich glaubt. Und dass er weiß, dass er Leute hinter sich hat, die zu ihm stehen. Dass die wahren Fans hinter ihm stehen – das ist entscheidend.

Sie waren beim GP der Türkei, als Sebastian und Mark Webber kollidiert sind, vor Ort – was denkt man in dem Moment, wenn die beiden zusammenkrachen?

Norbert Vettel: (lacht) Man denkt: ‚Scheiße!’ Aber gut – im Kartsport hatten wir das auch! Und ob das jetzt im Kart oder im Formel 1 passiert, ist eigentlich egal, das Ergebnis ist das gleiche: Einer bleibt stehen, einer fährt vielleicht weiter, mit viel Glück. Beide geben einander die Schuld – doch es wird immer unterschiedliche Meinungen geben.

Wobei in der Formel 1 heute auch noch die Politik hinzu kommt…

Norbert Vettel: Ja, die wird aber zum Teil auch künstlich erzeugt – es muss ja etwas zu schreiben geben (lacht). Es gibt eben auch verschiedene Medien – die einen stehen zu Sebastian, die anderen sehen es halt anders. Aber jetzt einen ‚wahren Schuldigen’ auszumachen, ist müßig – es wird eben gekämpft und dann kracht es eben mal, das passiert halt im Rennsport. Das war nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Und ich denke, dass beide mit fairen Mitteln gefahren sind – gut, einer hat vielleicht etwas missverstanden, das kann man jetzt drehen und wenden wie man will, da können wir noch eine halbe Stunde weiter reden und es wird trotzdem immer noch unterschiedliche Meinungen geben.

Wenn Sie dann in den Boulevardmedien Schlagzeilen wie „Hornochsenstreit“ lesen – ärgert Sie das? Oder prallt das an Ihnen ab?

Norbert Vettel: Über diese spezielle Schlagzeile habe ich mir keine Gedanken gemacht – denn man weiß ja, wer das schreibt. Und wenn Sie das über einen längeren Zeitraum verfolgen, lässt einen das doch kalt. Und andererseits: Wenn niemand etwas über dich schreiben würde, dann wärst du wohl zu schlecht. Und was den Stil anbelangt: Wenn Sie heute eine normale Überschrift machen würden, dann würde ja gar niemand mehr hingucken (lacht). Und der wahre Fan sollte in guten und aber auch in schlechten Zeiten zu ’seinem’ Fahrer halten.

Man sieht bei Michael Schumacher, wie ‚bösartig’ manche Fans sein können…

Norbert Vettel: Ich weiß gar nicht, ob die Fans so bösartig sind - ich glaube eher, dass es diese Boulevardblätter sind. Es wird doch keiner ernsthaft glauben, dass ein siebenfacher Weltmeister plötzlich das Autofahren verlernt hat. Sein Auto ist schlecht, das muss man ja berücksichtigen. Ich denke, der Michael macht das, weil er Spaß hat, weil es ihm gefehlt hat - das ist eben sein Leben.

Nico Rosberg ist zudem auch ein sehr schneller Fahrer…

Norbert Vettel: Ich denke, dass jeder, der in der Formel 1 fährt – ob jetzt bei McLaren, bei Lotus oder bei Hispania – etwas geleistet hat. Wir haben derzeit weltweit 24 Fahrer in der Formel 1 – wenn Sie jetzt den Fußball hernehmen, die WM, in jedem Team spielen elf bis 15 Spieler – jetzt rechnen Sie mal aus, wie viele Talente versuchen, in so einen Verein zu kommen. Und dann schauen Sie mal, wie sie eines von 24 Formel 1-Cockpits erhalten können. Das ist eine Riesenhürde – deshalb kann man sagen: Jeder, der da mitfährt, hat es irgendwie auch verdient. Weil er eine Leistung gebracht hat, um diesen Schritt überhaupt machen zu können.

Man hantelt sich von Rennserie zu Rennserie hoch, die Luft wird immer dünner…

Norbert Vettel: Wenn wir von einer Rennserie in die nächste aufgestiegen sind, haben wir immer gesagt: ‚Egal was passiert, wir haben das immerhin erleben dürfen’. Als der Sebastian zum ersten Mal einen Formel 1-Wagen getestet hat, da hat er zu mir gesagt: ‚Weißt du Vater, das hier, das nimmt uns keiner mehr weg! Das haben wir erlebt!’ Wer kann das schon sagen, dass er einen Formel 1 fahren durfte? Das war immer der Hintergrund, den wir hatten. Wir haben immer gesagt: Auch wenn es nicht mehr weitergeht, auch wenn wir aufhören müssen – dann haben wir immerhin eine schöne Zeit erlebt und das nimmt uns keiner mehr weg.

Wobei der Sebastian mittlerweile eine Fixgröße in der Formel 1 ist – da braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, ob man im nächsten Jahr noch ein Cockpit erhält.

Norbert Vettel: Ja, derzeit denkt er eher darüber nach, die WM zu gewinnen (lacht). Aber das ist ja bei vielen so, dass sie darüber nachdenken müssen: ‚Fahre ich nächstes Jahr überhaupt noch Formel 1? Oder wo habe ich die Möglichkeit, weiter zu fahren?’ Das war ja bei uns anfangs auch der Fall, dass wir gesagt haben: ‚Okay, jetzt sind wir Testfahrer – und wie kommen wir jetzt weiter?’

Ja, nur kam da schon sehr bald der Moment, wo man gesehen hat, dass Sebastian das Talent hat und er in der Formel 1 Fuß fassen kann.

Norbert Vettel: Wie er im Toro Rosso in Monza gewonnen hat - da denke ich, dass er sich seinen Platz verdient hat.

Ich denke, das kam schon vorher – es war bei ihm nicht so wie bei vielen Testpiloten, dass sie nicht wissen, ob sie jemals in ein Einsatzcockpit gelangen werden

Norbert Vettel: Ja, das ist sehr schwer, in der Formel 1 Fuß zu fassen. Durch die Testreduktion haben die jungen Fahrer keine Möglichkeit mehr, sich zu beweisen. Es ist ja nicht so einfach, dass man sich einfach reinsetzt und schneller ist als der Einsatzpilot, der schon zehn Jahre fährt – wie soll das funktionieren? Wenn du heute noch nie mit einem LKW gefahren bist und du sollst jetzt mit einem Sattelschlepper rückwärts einparken, da wird sich jeder schwer tun.

Wenn ich jetzt ein F1-Fahrer wäre, würde ich mich ärgern, weil ich mir denken würde: ‚Ausgerechnet zu meiner Zeit sitzt man so wenig im Auto wie noch nie!’

Norbert Vettel: Ich glaube, es tut jedem Fahrer weh, wenn er nicht oder nur wenig fahren kann. Aber die Fahrer gewöhnen sich auch daran, dass es eben so ist. Klar würde auch der Sebastian lieber mehr fahren – vor allem, wenn neue Teile eingesetzt werden. Sie sehen es, da werden im Freien Training neue Teile an die Autos geschraubt und am Abend kommen die wieder runter, weil sie nicht funktionieren. Ich denke schon, dass früher zu viel gefahren wurde – heute aber ist es dann doch ein bisschen zu wenig. Zumindest für die Jugend, um nachzukommen.

Was sagt der Sebastian eigentlich zu Ihrem Einsatz hier bei der Ennstal Classic?

Norbert Vettel: Er hat es ja ermöglicht, dass ich da mitfahren kann. Er hat gesagt: ‚Okay Vater, ich komm da als Gast hin und dann guckst du mal, dass du auch was machst!’ Ich wusste ja nicht, dass ich hier fahren werde. Ich dachte ich komme, um zuzuschauen. Mich haben die alten Autos schon immer interessiert – und jetzt freue ich mich sehr darauf, hier mitzufahren. Ich habe keine Ahnung, was uns hier erwartet – aber ich stelle es mir schon ziemlich schwer vor, mit diesen alten Autos über die Bergstraßen zu fahren.

Frau Vettel, Sie sind kurzfristig als Navigatorin ‚engagiert’ worden, sind für den verhinderten Joschi Walch eingesprungen?

Heike Vettel: Ja, ich bin quasi ins kalte Wasser gestoßen worden.

Sie werden wahrscheinlich weniger auf Schnitt-Tabellen achten, sondern eher die schöne Landschaft genießen, oder?

Heike Vettel: Ja, so ungefähr.

Norbert Vettel: Aber ein bisschen schauen wir schon, wie das funktioniert – damit wir zumindest wissen, wie das mit der Gleichmäßigkeit funktioniert. Es könnte ja sein, dass wir noch einmal kommen, im nächsten Jahr.

Der Sebastian kommt dann am Samstag mit dem Hubschrauber angeflogen und ist nachher auch gleich wieder weg, oder?

Norbert Vettel: Ja, denn es ist zeitmäßig so eng, das geht leider nicht anders. Sebastian hat ja am Sonntag seinen Showrun in Heppenheim, dort fährt er ja mit dem Formel 1 durch die Stadt. Es wird dort so ähnlich sein wie hier bei der Ennstal Classic – dass man solche Autos hautnah erleben kann. Denn diese Möglichkeit haben Sie ja eigentlich so gut wie nie. Selbst auf der Rennstrecke erleben Sie das nicht so nah, und dann das Motorengeräusch – der ist dann so nahe, dass Sie meinen, der fährt durch sie durch. Für den Formel 1- oder den Motorsportfan ist das ein Muss.

Werden bei dem Showrun in Heppenheim die Fans von Sebastian auch mit ihm sprechen können?

Norbert Vettel: Wir versuchen, so gut wie möglich diese Veranstaltung für die Fans zu machen, das war der Hintergedanke, warum wir das in Heppenheim gemacht haben. Er freut sich da auch riesig darauf. Und deshalb ist es auch ein bisschen eng mit dem Zeitplan – und trotzdem nimmt er das auf sich, um auch die Fans der Ennstal Classic zu erfreuen.

Da sage ich: Vielen Dank.


(Michael Noir Trawniczek)


 


 

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