Vulkanasche und ihre Folgen
Gestrandet in Shanghai
Karlsruhe. Die Erlebnisse von Passagieren, die aufgrund der Vulkanstaubwolke über Europa an ihrem Rückflug in die Heimat gehindert wurden, sind mindestens so zahlreich wie die Staubpartikel, die aus Island nach Mitteleuropa geflogen kamen. Der Karlsruher Formel1 Fotograf Lukas Gorys blieb nach dem GP China wie der gesamte Formel1-Zirkus in Shanghai hängen und kehrte nach einer Odyssee erst am Dienstag abend nach Karlsruhe zurück. Hier ist seine Geschichte der gestrandeten Formel1 in Shanghai.
„Die Mitglieder des ca. 1000 Personen umfassenden Formel1-Zirkus sind reiseerfahrene Leute. Schneestürme, Fluglotsenstreiks oder Schweinegrippekontrollen gehören zu ihrem Reisealltag auf ihrem Weg der F1-Saison von Bahrain über Melbourne, Kuala Lumpur, Shanghai bis im Herbst nach Singapore, Japan, Korea, Brasilien und Abu Dhabi. Aber die Auswirkungen der Vulkanaschewolke über Europa hat die gesamte Truppe im hintersten Zipfel der Welt kalt und auf dem falschen Fuß erwischt. Als der europäische Luftraum am 16. April geschlossen wurde, fand in Shanghai das erste Training zum Formel1 Rennen um den Grand Prix von China statt. Die Schließung wurde im Fahrerlager eher als Kuriosum angesehen. Als am Samstag Europa noch immer geschlossen war, sah man im Paddock die ersten tieferen Stirnfalten und als am Sonntag die Dauer der Schließung noch immer unabsehbar war, begann via Internet ein Rennen ganz besonderer Art: jeder versuchte hektisch, die für sich selbst praktikabelste Lösung zu finden, um doch noch nach Europa zu kommen –egal wohin, nur weg aus China. Die Mutigsten buchten Flüge nach Ägypten und wollten von dort aus weiter nach Lissabon und dann mit Zügen und Mietwagen aus Portugal nach Mitteleuropa reisen. Andere planten Reisen über New York und San Francisco nach Madrid, wieder andere buchten Flüge mit der Aeroflot nach Moskau. Attraktiv war plötzlich auch die Route der Türkish Airways aus Shanghai nach Istanbul und von dort weiter nach Mailand. Riesige Probleme ergaben sich auf den üblichen Drehkreuzen Bangkok, Singapore und Dubai. Der Rückstau der hier festhängenden Passagiere führte dazu, dass die Fluggesellschaften Formel1-Leute nur auf eigene Gefahr mitnehmen wollten. Niemand konnte garantieren, dass in den genannten Städten noch Hotelzimmer frei waren. Dies bedeutete die mentale Vorbereitung auf tagelanges Warten auf Notbetten in den Transitbereichen. Shanghai mit seinen zahllosen hochklassigen Hotels war im Vergleich dazu eine attraktive Alternative. Vor allem da in Shanghai Hotelzimmer problemlos zu erhalten waren. Schließlich ist Shanghai keines der großen Drehkreuze der internationalen Luftfahrt. Der verlängerte Aufenthalt in Shanghai hatte dagegen eine andere Tücke: die Formel1 Leute erhalten von den Chinesen spezielle Visa, die nur eine Woche gültig sind. Am Mittwoch nach dem Rennen liefen diese Visa ab. Also bestellte der Veranstalter alle, die keinen pünktlichen Rückflug garantiert bekamen (also den gesamten F1-Tross…) für Montag um 14.00 Uhr in die Ausländerbehörde. Wer nicht zu diesem Termin erschien, hatte das Recht auf eine Verlängerung des Aufenthaltsrechtes verwirkt. Die chinesischen Offiziellen waren gewillt, den Aufenthalt um 10 Tage zu verlängern. Dazu sollten die Vulkanasche-Opfer ihre Pässe für 24 Stunden abgeben. Dies wurde von den meisten abgelehnt, denn ohne Pass ist man in Shanghai ein Niemand, erhält kein Hotelzimmer, kann kein Geld umtauschen etc. Und vor allem: was passiert, wenn innerhalb dieser 24 Stunden die Flugzeuge starten? Ohne Pass kann man schließlich noch nicht einmal das Land verlassen!

Formel 1 und Flugzeuge gehören eng zusammen. Die Vulkanasche in Europa ließ die F1 in Shanghai stranden
Am Montag Abend kam erstmals Bewegung in die Sache: ein großer Teil der Leute war längst nach Dubai oder Bangkok abgeflogen, als die Meldungen via Internet Shanghai erreichten, der Flughafen Wien sei wieder geöffnet, nachdem Fluglinienbesitzer und Ex-F1-Weltmeister Niki Lauda seine Regierung verklagen wollte und behauptete, die Aschewolke sei überhaupt nicht gefährlich. Das ließ die Formel1-Leute in Shanghai aufhorchen. Bislang waren viele davon ausgegangen, dass hier in Europa der Staub den Himmel verdunkle. Nun stellte sich heraus, das sei gar nicht der Fall? Sofort erhöhten alle ihre Aktivitäten, die Internet Verbindungen glühten, die Teams versuchten Chartemaschinen zu organisieren. Ferrari forderte seinen Sponsor Etihad auf, aus Abu Dhabi eine Maschine nach Shanghai zu schicken, um das Team abzuholen, Richard Branson, dessen Virgin-Fluglinie ein Team sponsort, wollte Zusatzmaschinen einsetzen, Tony Fernandes, der Lotus-Chef und Besitzer der Fluglinie Air Asia, stellte Sondermaschinen in Kuala Lumpur zur Verfügung. Die Behörden in Shanghai allerdings schalteten auf stur: keine Chartermaschinen erhielten kurzfristig eine Landeerlaubnis! Damit war die Formel 1 auf die offiziellen Fluglinien angewiesen.
Die Öffnung des Flughafen Wien brachte den Stein ins Rollen. Die Lufthansa hatte darauf nur gewartet und startete mit zwei Maschinen noch in der Nacht von Montag auf Dienstag. Während die Maschine nach München voll war, weil diese für 23.40 Uhr geplant war, verließ eine zweite Maschine nach Frankfurt Shanghai gegen 3 Uhr morgens halb leer, denn die Frankfurt-Passagiere hatte man für den nächste Vormittag an den Flughafen bestellt und die Leute waren in verschiedensten Hotels der ca. 50 Kilometer vom Flughafen entfernten City untergebracht. In der Eile gelang es nicht, genügend Passagiere rechtzeitig von dem Start zu benachrichtigen. Nur die Mitglieder des Lufthansa-HON-Zirkels (dem vor allem die Rennfahrer wie Sebastian Vettel, Timo Glock oder Mercedes-Sportchef Norbert Haug angehören) wurden benachrichtigt. Trotzdem sprach sich die Meldung über den Start gegen 3.00 Uhr morgens wie ein Lauffeuer herum. In Taxis rasten die Leute zum Flughafen, nur um dort dann vor geschlossenen Schaltern und geschlossener Zollabfertigung zu stehen. Die Chinesen hatten Feierabend gemacht und den Betrieb eingestellt, obwohl Lufthansa noch weitere Passagiere hätte befördern können.
Am Dienstag Morgen startete dann zunächst eine völlig überbuchte SWISS-Maschine nach Zürich. Viele auf der Warteliste befindlichen Reisewilligen waren jedoch nicht am Abflugschalter, sodaß Lufthansa einige ihrer Passagiere –darunter mich- nach Zürich umbuchte nach dem Motto „nur raus aus Shanghai, in Zürich könnt ihr immer noch weitersehen, wie ihr nach Hause kommt“. Mit an Bord große Teile des Sauber-Teams und Force India-Fahrer Adrian Sutil. In Dubai flog Emirates am Dienstag eine Maschine nach Nizza. Mit an Bord die Fahrer Alonso, Massa, Kubica, De La Rosa, Buemi, Fisichella und Liuzzi. Die Rennwagen waren mit Transportmaschinen schon am Montag Abend in Bilbao gelandet und wurden per LKW weiter zu den Teamfabriken transportiert. Am schnellsten zu Hause war Formel1 Boss Bernie Ecclestone, der als einziger im Privatjet nach China gekommen war. Auf dem Rückweg am Sonntag Abend lud er Michael Schumacher als Gast zum Mitflug ein. Als siebenfacher Weltmeister hat man trotz mäßiger Comeback-Resultate eben ein paar entscheidende Privilegien… Eine Email-Umfrage unter Kollegen ergab am Donnerstag, dass einige noch immer in Shanghai festsitzen. Vor allem Passagiere mit Flugziel England sind davon betroffen. Einem sagte man eine Rückreise für den 4. Mai zu, andere sollen immerhin bis zum 30. April in China ausharren. Der Vulkan Eyjafjalla hat wirklich ganze Arbeit geleistet…“
(Redaktion)
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