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Thomas Niehoff:

"2007 war für viele ostwestfälische Unternehmen ein Rekordjahr"

Die deutsche Wirtschaft hat sich trotz der weltweiten Finanzmarktkrise im ersten Quartal dieses Jahres besser entwickelt als erwartet. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup prognostizierte kürzlich ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent auf Quartalssicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigte ihre bisherige Erwartung einer Zunahme des kalenderbereinigten Bruttoinlandsproduktes um 1,8 Prozent im laufenden und um 1,6 Prozent im kommenden Jahr. Wie sieht es zurzeit bei den ostwestfälischen Unternehmern aus? Petra Koslowski von business-on.de sprach mit Thomas Niehoff, Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld.

business-on.de: Herr Niehoff, wie sieht die Stimmung bei den Unternehmern in Ostwestfalen aus?

Niehoff: 2007 war für viele ostwestfälische Unternehmen ein Rekordjahr. Besonders die Industrie konnte von der hohen weltweiten Nachfrage profitieren. Im Schlepptau der Industrie profitieren auch viele unternehmensnahe Dienstleister von dem Konjunkturhoch. Im Einzelhandel ist das Bild gegenwärtig etwas anders. Die Mehrwertsteuererhöhung und vorgezogene Käufe haben das Ergebnis 2007 in einigen Branchen belastet. Wirtschaft ist immer auch ein bisschen Psychologie, deshalb befördert die ak-tuelle Finanzmarktkrise sicher auch nicht den Konsum. Die aktuellen Preiserhöhungen bei Energie oder bestimmten Le-bensmitteln tun ein übriges. Insgesamt sind wir optimistisch, dass der derzeitige Aufschwung auch in 2008 noch anhält, wenn auch etwas abgeschwächt.
business-on.de: Und wie geht es gerade den mittelständischen Unternehmen?

Niehoff: Ostwestfalen ist eine mittelständisch geprägte Region. Wenn ich über die Konjunkturlage der ostwestfälischen Wirtschaft spreche, dann erfolgt dies ohnehin durch die Brille des Mittelstandes. Ostwestfalen verfügt zum Glück über sehr viele sehr erfolgreiche, in der Regel familiengeführte Mittelständler, die in ihren Nischen eine führende Marktposition inne haben. Der Mittelstand ist traditionell sehr flexibel und macht große Fortschritte bei der Erschließung neuer internationaler Märkte. Wir hoffen, dass diese Fortschritte nicht durch eine Verschärfung der Bankenkrise zunichte gemacht werden. Insbesondere kleinere Unternehmen klagen über Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung.
business-on.de: Welche Branchen sind die Gewinner, welche Branchen die Verlierer?

Niehoff: Die Unternehmen der Investitionsgüterbranche, wie Maschinenbau oder Metall- und Elektroindustrie, profitieren eindeutig von der gegenwärtig guten Konjunkturlage am meisten. Die Auftragsbücher sind in den meisten Unternehmen noch gut gefüllt. Und wenn es der Industrie gut geht, geht aus auch den unternehmensnahen Dienstleistern gut, zum Beispiel im Bereich IT, Zeitarbeit und Unternehmensberatung. Allerdings brauchen wir dringend einen Anstieg des Konsums als zweite Säule der Konjunkturentwicklung. Das läuft noch nicht zufriedenstellend.
business-on.de: Glauben Sie, dass die US-Schwäche das Wirtschaftswachstum verlangsamen wird?

Niehoff: Unsere Haupthandelspartner sind die EU-Länder. Auch China, Russland und Indien gewinnen immer stärker an Bedeutung. Dies ist sicher auch ein Grund dafür, warum der starke Euro sich noch nicht negativ auf die Konjunktur in Deutschland ausgewirkt hat. Trotzdem sind die USA die größte Volkswirtschaft der Welt. Eine dauerhafte Schwäche würde auch in Deutschland und in Ostwestfalen spürbar werden.

business-on.de: Der Arbeitsmarkt erholt sich deutlich. Wird das den privaten Konsum mit ankurbeln?

Niehoff: Eine dauerhafte Erholung des Arbeitsmarktes ist die beste Voraussetzung für die Belebung auch des privaten Konsums. Jeder „neue“ Beschäftigte ist ein potenzieller Nachfrager und Konsument. Leider wird die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt durch die anderen gegenläufigen Trends, wie Mehrwertsteuererhöhung oder steigende Energie- und Lebensmittelpreise zum Teil kompensiert. Auch das Verhältnis zwischen Brutto und Netto ist in Deutschland unbefriedigend. Die „kalte Progression“ steigert immer noch die Abgabenlast. Hier sollte die Politik reagieren und sich nicht pausenlos mit Mindestlöhnen beschäftigen.

(Redaktion)


 


 

Petra Koslowski
Hauptgeschäftsführer
IHK Ostwestfalen Lippe

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