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Das Glück der Erde

Bielefelder Fördercentrum Mensch und Pferd ist Vorreiter bei der Ausbildung von jungen Pferdepflegern

Gabi zählt sie alle auf: Don Fernando, Enrico, Casanova, Lotte, Lieschen, Quintus. Um ihre Lieblinge kümmert sich die 18-jährige im Rahmen ihrer Ausbildung zur Pferdepflegerin. Die berufliche Erfüllung eines Mädchentraums, könnte man meinen. Doch Gabi ist eine von zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines bundesweit ausgeschriebenen Lehrgangs des Fördercentrums Mensch und Pferd.

Der 1998 gegründete Bielefelder Verein hat sich mit einem in Deutschland einmaligen Programm einen Namen bei der Pferdepfleger-Ausbildung von jungen Menschen gemacht, die auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind.

Gabi hatte die Bielefelder Adresse im Internet gefunden, bekam aber zunächst eine Absage. Die Pferdenärrin aus Papenburg blieb hartnäckig und landete schließlich in Eckardtsheim, einem südlichen Stadtteil von Bielefeld. Hier, idyllisch in der grünen Sennelandschaft gelegen, befindet sich das Fördercentrum Mensch und Pferd e. V. Dazu gehören der Pferdebetrieb Thiesbrummel mit dem angegliederten Verein Therapeutisches Reiten Eckardtsheim und das Internat „Haus Thekoa“.

Den begehrten Ausbildungsplatz hat die Pferdenärrin ihrer Großmutter zu verdanken. Die sah im Fernsehen einen Beitrag über das Fördercentrum in Bielefeld, das sich seit 2001 zum Ziel gesetzt hat, Jugendlichen mit Förderbedarf auf dem Rücken der Pferde den schwierigen Weg ins Berufleben zu ebnen. Die seit Ende der 1970er Jahre erfolgreich in England realisierte Idee des Fortune Centre of Riding Therapy im südenglischen Dorset, wurde 1998 von engagierten Bielefeldern nach Deutschland importiert. „Wir realisierten ein bundesweit einzigartiges duales Ausbildungsprogramm, bei dem berufliche Fachkompetenz den gleichen Stellenwert hat wie die Persönlichkeitsförderung jedes einzelnen Jugendlichen,“ erläutert Volker Thelemann, Geschäftsführer des Fördercentrums, die Philosophie des Vereins.

Pferde werden hier als „pädagogisches und therapeutisches Medium“ verstanden. Bei der Ausbildung der jungen Frauen und Männer im Alter zwischen 16 bis 25 Jahren werden sie als „Lehrpersonal auf vier Hufen“ eingesetzt. Lernbehinderungen, etwa Hyperaktivität oder Sprachstörungen, aber auch körperliche Schwächen, die andernorts zu Ausgrenzung und Konflikten führen können, verlieren hier an Bedeutung. „Die Tiere reagieren unvoreingenommen und unmittelbar auf das Verhalten der Jugendlichen“, erläutert Internatsleiter Michael Rietfort.

Anders als in herkömmlichen Institutionen folgt die Ausbildung nicht einem fest vorgegebenen Lehrplan, sondern orientiert sich am handlungsorientierten Lernen und den Fähigkeiten des einzelnen Auszubildenden. „Wir holen jeden dort ab, wo er mit seinen Fähigkeiten steht“, so Rietfort. Die Lehrgangsteilnehmer wohnen im Internat und erhalten ein Praxistraining, in dem auch Themen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Teamfähigkeit eine Rolle spielen.

In anderthalb Jahren erhält der mittlerweile achte Lehrgang den letzten Schliff rund ums Thema Pferd und Pferdehaltung. Neben der Theorie stehen zahlreiche Praktika in Ställen renommierter Reiterinnen und Reiter auf dem Programm.

Unter den 150 Kooperationspartnern des Bielefelder Fördervereins befinden sich zahlreiche Branchengrößen. Die Springreiter Lars Nieberg und Franke Sloothaak engagieren sich ebenso wie die Dressurolympioniken Monika Theodorescu und Klaus Balkenhol. In ihren Ställen sowie in ähnlich organisierten Betrieben finden die angehenden Pferdepfleger ein breites Spektrum an Betätigungsfeldern vor. Sie lernen den internationalen Turnieralltag kennen, den Ferienbetrieb eines Ponystalls oder das Arbeiten mit Rennpferden oder Zuchtstuten. Dabei stehen ihnen stets die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bielefelder Fördercentrums zur Seite. Auch nach Abschluss der Ausbildung, die durch die Agentur für Arbeit gefördert wird, endet diese Betreuung nicht.

Die Pferdepfleger, die ihren Lehrgang mit einem Zertifikat der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) abschließen, werden in der Regel sofort von Betrieben übernommen. „Die Vermittlungsquote ist überdurchschnittlich hoch und der Kontakt zu den Ehemaligen wird aufrecht erhalten“, betont Volker Thelemann. Unterstützt wird der Verein seit März 2008 von der WestLB-Stiftung Zukunft NRW.

Für Gabi liegen die externen und unabhängigen Abschlussprüfungen in der Reit- und Fahrschule Rheinland und die Festeinstellung bislang in weiter Ferne. Noch hat sie sich ihre Sporen nicht verdient. Aber ihr Ausbilder Michael Rietfort ist sich sicher, dass auch sie es schaffen und „das Glück der Erde, auf dem Rücken der Pferde“ finden wird.

(Redaktion)


 


 

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