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Aus der Unterkunft in die eigene Wohnung

Bielefelder Konzept „Unterkünfte – besser (ist) wohnen“ bundesweit beispielhaft

Schätzungsweise 265.000 Menschen sind in Deutschland obdachlos. Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig, denn viele Kommunen bemühen sich, Menschen ohne eigene Wohnung wieder ein Zuhause zu geben. Die Stadt Bielefeld ist darin besonders erfolgreich: Vor 15 Jahren lebten hier 1.424 Menschen in Obdachlosenunterkünften, heute sind es 65.

Zu dieser überaus positiven Entwicklung trug nicht zuletzt das Konzept „Unterkünfte – besser (ist) wohnen“ bei, das die Stadt gemeinsam mit dem kommunalen Wohnungsunternehmen BGW (Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH) entwickelt hat.

Die dauerhafte Eingliederung von Obdachlosen in reguläre Mietwohnungen ist das vorrangige Ziel des Konzeptes, das seit Anfang 2004 umgesetzt wird und bundesweit große Beachtung findet. Ende 2008, ein Jahr früher als geplant, haben das Bielefelder Sozialamt und die BGW ihre gesteckten Ziele erreicht: Neun von zwölf städtischen Unterkünften konnten geschlossen werden, 373 Haushalte mit insgesamt 542 Personen wechselten aus der Unterkunft in eine Wohnung.

Lediglich bei fünf Haushalten scheiterte das Vorhaben; die Betroffenen kehrten wieder in eine Unterkunft zurück. „Der eigentliche Erfolg unseres Konzeptes ist, dass das Selbsthilfepotenzial der Menschen geweckt wurde. Selbst scheinbar hoffnungslose Fälle konnten wir zur Eigenständigkeit motivieren“, betont Susanne Schulz, Leiterin des Amtes für soziale Leistungen. Zu den Gewinnern gehören nach ihren Worten nicht nur jene, die wieder in die Gesellschaft integriert werden konnten, sondern auch die Stadt Bielefeld: Durch die Schließung der Obdachlosenunterkünfte wurde bisher eine Million Euro eingespart.

Intensive Sozialarbeit ist das Erfolgsrezept

Das Erfolgsrezept von „Unterkünfte – besser (ist) wohnen“ ist die intensive Sozialarbeit. Sechs Sozialarbeiter sind für die Begleitung der Wohnungslosen von der Unterkunft in die eigene Wohnung zuständig. „Um ihnen die Integration in das neue Wohnumfeld zu erleichtern und ihre Selbstständigkeit zu stärken, werden die Menschen noch bis zu zwei Jahre nach dem Einzug in die Wohnung von uns betreut“, erläutert Ingrid Streubühr, Abteilungsleiterin im Amt für soziale Leistungen der Stadt Bielefeld. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind zudem die Ansprechpartner für die Vermieter. „Unsere Klientel gehört nicht zu den bevorzugten Mietern. Daher ist es für die Wohnungsunternehmen wichtig zu wissen, dass sie sich an uns wenden können, wenn Probleme auftreten“, so Susanne Schulz.

Der Obdachlosigkeit geht meist eine traurige Lebensgeschichte voraus: Die Betroffenen sind beruflich gescheitert, ihre Beziehung oder die Familie sind in die Brüche gegangen. Der Weg führt immer weiter bergab, bis es schließlich zum Verlust der Wohnung kommt.

So erging es auch Werner F. (Name geändert). Der heute 46-jährige Bielefelder litt nach langer Arbeitslosigkeit und der Trennung von seiner Partnerin unter Antriebsarmut und depressiven Verstimmungen. Er lebte völlig zurückgezogen, trank zeitweise exzessiv Alkohol und kümmerte sich nicht mehr um seine finanziellen Angelegenheiten. Als sich seine Mietschulden anhäuften, erhielt er die Kündigung und eine Räumungsklage und wurde im Jahr 2004 in einer Unterkunft für alleinstehende Männer aufgenommen. „Mit Unterstützung der vor Ort tätigen Sozialarbeiter gelang es Herrn F., seine finanzielle Situation zu regeln und sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Seit 2005 wohnt er wieder in einer eigenen Wohnung. Heute ist er schuldenfrei und arbeitet bei der BGW als Hausmeister“, beschreibt Ingrid Streubühr einen beispielhaften Weg aus der Krise.

„Konzept sollte Schule machen“

„Das Leben in einer Unterkunft ist stigmatisierend und diskriminierend. Das Bielefelder Konzept ist daher sehr nachahmenswert und sollte auch in anderen Städten Schule machen“, sagt Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. mit Sitz in Bielefeld. Doch es gibt auch Menschen, die nicht in der Lage sind, selbstständig zu wohnen. 160 Personen mit schweren Handicaps wie Sucht- oder psychischen Erkrankungen sind im Rahmen des Bielefelder Konzeptes in stationäre oder teilstationäre Einrichtungen vermittelt worden. Mit der „Pension Plus“ wurde zudem ein ambulantes Angebot für zwölf psychisch kranke, wohnungslose Männer und Frauen geschaffen, das der Wiedereingliederung in ein normales Leben oder in andere Angebote des Hilfesystems dient.

14 Wohnungsunternehmen und auch private Vermieter stellen über die gesamte Stadt verteilt Wohnungen für die einstmals Obdachlosen zur Verfügung – darunter auch die BGW. Das größte Bielefelder Unternehmen der Immobilienwirtschaft hat zudem 3,5 Millionen Euro in das Konzept „Unterkünfte – besser (ist) wohnen“ investiert. Acht Unterkünfte hat die BGW zu Mietwohnungshäusern mit insgesamt 88 Wohnungen umgebaut. Darüber hinaus hat sie die verbliebenen Unterkünfte, deren Bewirtschaftung ebenfalls in den Händen der BGW liegt, umfassend modernisiert. Denn diese werden nach wie vor benötigt: Durchschnittlich 180 Personen pro Jahr werden neu in den Unterkünften aufgenommen.

(Redaktion)


 


 

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