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Nordrhein-Westfalen ohne Barrieren

Bielefelderin Angelika Gemkow kämpft als Landesbehindertenbeauftragte für die Rechte behinderter Menschen

„Ich bin eine Institution!“ Mit dieser klaren Aussage punktet Angelika Gemkow, wenn es um ihre Kompetenzen als Beauftragte der Landesregierung Nordrhein-Westfalen geht. Die Bielefelderin kümmert sich um die Belange von Menschen mit Behinderung.

Die Arbeit der Landesbehindertenbeauftragten ist wegen ihrer großen Bedeutung bis ins Detail im Behindertengleichstellungsgesetz NRW geregelt, das 2004 in Kraft getreten ist. 2005 wurde die langjährige CDU-Landtagsabgeordnete von der Regierung Rüttgers für einen Zeitraum von fünf Jahren ernannt. Seitdem kämpft sie unermüdlich und an vielen Fronten für ein „Nordrhein-Westfalen ohne Barrieren“. Ein Kampf, „für den man Ellbogen haben muss, sonst geht man unter“.

Nordrhein-Westfalen war vor Jahren Vorreiter. Heute existieren in allen Bundesländern die entsprechenden Gesetze. Auf Bundesebene gibt es seit 1981, dem Internationalen Jahr der Behinderten, den Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Dieses Ehrenamt wird derzeit von Karin Evers-Meyer, MdB, ausgefüllt. Die Behindertenbeauftragte hatte einen schwer behinderten Sohn, der im Alter von 25 Jahren tödlich verunglückt ist. Sie hat daher sehr persönliche Erfahrungen mit dem Thema Behinderung gemacht.

Auch in der Familie von Angelika Gemkow gab es Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben. Heute ist die Bielefelderin täglich froh, dass ihre eigene Familie, dass Mann, Sohn, Tochter und sie selbst gesund sind – „von kleineren Alterswehwehchen mal abgesehen“, ergänzt die 59-Jährige lächelnd. Sie ist zutiefst davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft noch nicht verstanden hat, dass es jederzeit jeden treffen kann: „Ein Unfall, eine schwere Erkrankung, Herzinfakt, Schlaganfall, Pflegebedürftigkeit – und schon ändert sich von heute auf morgen das ganze Leben.“

Hinzu kommt eine immer älter werdende Bevölkerung, die mit typischen Einschränkungen fertig werden muss, die das Alter nun einmal mit sich bringen kann: „Wir leben in einer Welt der prachtvollen Glasfassaden. Was sich dahinter verbirgt, will niemand sehen.“ Chronische Erkrankungen zum Beispiel können schnell eine einschneidende Einschränkung der Mobilität bedeuten: „Versuchen Sie dann mal, in eine Arztpraxis zu kommen, die keinen Fahrstuhl hat. Steigen Sie mit Einkaufstaschen in eine Straßenbahn. Oder heben Sie einen schweren Koffer in den Zug. Und überlegen Sie doch mal eine Minute lang, wie das wäre, wenn Sie morgen im Rollstuhl sitzen.“

„Wir müssen etwas tun!“

1,7 Millionen Menschen mit Behinderungen von 50 Prozent und mehr zählen die Statistiker allein in Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommen rund 460.000 pflegebedürftige Menschen. Etwa 1 Million behinderte und ältere Menschen in NRW haben Hilfe-, Unterstützungs- und Pflegebedarf. Allein in einer Stadt wie Bielefeld, die rund 330.000 Einwohner hat, leben rund 27.000 schwer behinderte Menschen. Vor diesem Hintergrund wird die eher zurückhaltend wirkende Bielefelderin deutlich: „Ich habe einfach kein Verständnis mehr für Menschen, die Weihnachten ihren Scheck abgeben und damit ihr Gewissen beruhigen. Wir müssen das ganze Jahr über etwas tun!“

Seit ihrem Amtsantritt hat die Landesbehindertenbeauftragte schon viel getan, die 50-Stunden-Woche ist keine Seltenheit. Wenn Freunde und Bekannte fragen, warum sie sich das antut, kommt eine Antwort, die alle Zweifler mundtot macht: „85 Prozent sind Freude und Fröhlichkeit, 15 Prozent Kampf und Auseinandersetzung. Das lohnt sich auf jeden Fall.“ Und sie ergänzt: „Ich habe noch nie in den vielen Jahren meiner politischen Arbeit so viel gelacht und so viele Blumen bekommen.“

Bevor sie sich von der Landesregierung in die Pflicht nehmen ließ, hat Angelika Gemkow drei Jahre lang bis 2005 die Enquete-Kommission des Landtags zur Situation und Zukunft der Pflege geleitet, damals die einzige Kommission dieser Ausrichtung in Deutschland. „Ich habe in den Jahren wirklich in die letzte Ecke von Pflege reingeschaut und mitunter Bedrückendes gesehen. Wir haben überhaupt noch nicht verstanden, was es für eine alternde Bevölkerung bedeutet, immer mehr Pflegebedürftige zu haben. Wer hilft mir morgen? Das ist die Frage, die sich alle Menschen stellen sollten. Und da darf es keine Floskel bleiben, dass die Würde des Menschen im Mittelpunkt stehen soll.“


 


 

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