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Bundeswehr

Soldaten eines ABC-Abwehrbattaillons halten sich ein lebendes Maskottchen

(dapd) Es ist 6.45 Uhr und dämmert in Höxter. Die Soldaten der 2. Kompanie des ABC-Abwehrbataillons versammeln sich zum Morgenappell. Spieß Robert Gausmann richtet das Wort an seine Soldaten.

Alle Blicke sind auf den Kompaniefeldwebel gerichtet, alle hören aufmerksam zu - nur einer nicht: Josef. Er steht im Gegensatz zum Rest der Truppe nicht in der langen Reihe vor Gausmann, sondern auf einem kleinen Stein gegenüber. Seine Blicke schweifen aufgeregt hin und her, er trippelt unruhig auf der Stelle. Doch der Spieß denkt gar nicht daran, seinen Schützling zurechtzuweisen. Josef hat Sonderrechte, denn Josef ist kein gewöhnlicher Soldat, sondern ein Ziegenbock und seines Zeichens das einzige lebende Wappentier der Bundeswehr.

Als einer der Soldaten der Kompanie die aktuellen Nachrichten aus der Politik verliest, ist es mit Josefs Geduld endgültig vorbei. Wesentlich mehr als der Streit zwischen Kanzlerin Merkel und der Opposition interessieren ihn die heruntergefallenen Blätter, die um seinen Stein herum liegen. Beim Versuch, sich eins davon zu schnappen, passiert es: Die kleine Zwergziege kann sich nicht mehr halten, plumpst von ihrem Stein herunter und schaut verdutzt in die Menge. Da kann sich selbst der Spieß ein Schmunzeln kaum verkneifen.

Einzige Kompanie mit lebendem Wappentier

"In der ganzen Bundeswehr sind wir als 'Ziegen-Kompanie' bekannt", sagt Gausmann. "Weil wir nun mal die Einzigen sind, die so etwas vorzuweisen haben." Fast 40 Jahre währt diese Tradition schon: 1973 bekam die 2. Kompanie in Höxter "Franz-Josef" als Dank für den Bau einer Brücke zur Burg in Schwalenberg von den Einwohnern geschenkt. Fortan schmückte der Ziegenbock nicht länger nur das Wappen der Einheit, sondern repräsentierte die Kompanie gleichsam als lebendes Maskottchen. Auf Franz-Josef (1973-1986) folgten Charles (1986-1998) und Erwin, der der Bundeswehr elf Jahre lang diente und 2009 im Alter von 14 Jahren an Altersschwäche starb.

Danach stimmten die Soldaten ab, ob ein neuer Ziegenbock angeschafft werden sollte - schließlich müssen sämtlich Kosten von Futter über Arztbesuche hin zur Versicherung von der Kompanie selbst gestemmt werden. Das Ergebnis war deutlich: 68 zu 14 Stimmen sprachen sich "pro Ziegenbock" aus. Im vergangenen Juli überreichte die amtierende Schützenkönigin der Patengemeinde Beverungen, Elisabeth Politycki, den knapp sechs Monate alten Josef an die Einheit in Höxter. Bis dahin hatte er auf dem Hof des Altenheims St. Josef in Bad Lippspringe, das ihm auch seinen Namen gab, gelebt - allerdings bereits in Vorfreude auf sein künftiges Amt: "Mein Name ist Josef, und ich gehe zur Bundeswehr", stand in großen Lettern über seinem Stall geschrieben.

Vorwürfe, der Ziegenbock werde in Höxter nicht artgerecht gehalten, quittiert Robert Gausmann mit einem Lächeln. "Eine Ziege, die in der Herde gehalten wird, lebt durchschnittlich zehn oder elf Jahre. Bei uns sind die Ziegenböcke immer 12 bis 14 Jahre alt geworden", sagt er. Zugegeben: Das Quartier von Josef ist sehr geräumig. Auf 200 Quadratmetern kann sich der junge Bock sich hier austoben, ein Stall bietet einen warmen Schlafplatz im Heu, und Futter ist reichlich vorhanden.

Bereits vor Josefs Ankunft hatten die Soldaten drei große Steinhaufen aufgeschichtet, auf denen der er seine Sprungkünste demonstrieren und sich die Hörner abstoßen kann. Dafür, dass es dem Ziegenbock an nichts mangelt, sorgt Daniel Kleikemper: Der Obergefreite ist gelernter Tierwirt mit Schwerpunkt Schaf- und Ziegenhaltung und damit prädestiniert für das Amt des "Ziegenbeauftragten". Kleikempers erste Aufgabe jeden Morgen ist es, Josef zu füttern und spazieren zu führen. "Josef musste sich hier erst mal ein paar Tage eingewöhnen, aber nach anderthalb Wochen kam er morgens schon immer ans Tor gelaufen und wollte los", sagt er.

Soldat beschäftigt sich mit Josef

Schnell wurde Kleikemper zu Josefs Bezugsperson Nummer eins. Den ganzen Tag über beschäftigt sich der Soldat immer wieder mit seinem tierischen Schützling, und auch von den anderen Soldaten gibt es Leckerchen und Streicheleinheiten. "Die Kompanie identifiziert sich mit diesem Tier", betont Spieß Robert Gausmann. Wo die Kompanieangehörigen sind, da ist auch ihr Wappentier: Während der G36-Ausbildung der neuen Gefreiten steht er angepflockt daneben und betrachtet die Anstrengungen der Kameraden kauend. Beim Appell ist er stets dabei, und auf dem Kasernengelände kennt er mittlerweile jedes Fleckchen.

Doch Josef stehen noch einige Aufgaben bevor: Seine Vorgänger waren bei den Veranstaltungen in der Partnergemeinde Beverungen stets vor Ort und mussten bei offiziellen Anlässen der Bundeswehr die Reihen der Soldaten abschreiten. Das Stillstehen allerdings wird Josef wohl nie recht gelingen, befürchten die Soldaten in Höxter. Ein Disziplinarverfahren wird das lebende Wappentier aber wohl nicht befürchten.

(Anna Maria Beekes dapd)


 


 

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