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Ein Refugium für Tiere und Pflanzen

Die Rieselfelder Windel sind das artenreichste Naturreservat im Großraum Bielefeld

Die Schnatterente fühlt sich hier ebenso wohl wie die Schleiereule und der Zwergtaucher. Libellen in schillernden Farben zeigen ihre Flugkünste, und im Teich geben die Wasserfrösche an warmen Sommertagen ihr Quakkonzert. Wo einst die Abwässer eines großen Industrieunternehmens gereinigt wurden, befindet sich heute das artenreichste Naturreservat im Großraum Bielefeld: Die Rieselfelder Windel bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen geschützten Lebensraum.

Im Jahr 1938 hatte die auf die Veredelung von Stoffen spezialisierte Textilfirma Windel in Bielefeld-Senne die Rieselfelder zur Klärung ihrer Abwässer angelegt. Auf den ausgedehnten Grünlandflächen versickerten die Abwässer, wurden nach der Bodenfilterung in Drainagen wieder aufgefangen und über Nachklärteiche in einen Bach abgeleitet. Mitte der 70er Jahre wurde dieses Verfahren durch die Verrieselung in Schilfgebieten ergänzt und optimiert. „Bereits zu diesem Zeitpunkt entdeckten die Schilfspezialisten unter den Vögeln die Windelschen Rieselfelder“, berichtet der Diplombiologe Jürgen Schleef, der als Mitarbeiter der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld das heutige Naturreservat mitbetreut. Immer mehr seltene und gefährdete Brutvögel siedelten sich in den folgenden Jahren hier an, Zugvögel legten in den Rieselfeldern einen Zwischenstopp ein.

Gebiet wurde in eine Stiftung übertragen

Der Bau einer Kläranlage, die eine umweltschonendere Abwasserreinigung ermöglichte, machte im Jahr 1995 die Rieselfelder überflüssig – und hätte damit das Aus für das Naturrefugium bedeutet. „Die Rieselfelder wären in kürzester Zeit ausgetrocknet, und die Tiere und Pflanzen hätten ihren Lebensraum verloren“, sagt Jürgen Schleef. Buchstäblich in letzter Minute kam die Rettung: Die Firma Windel übertrug zunächst einen 40 Hektar großen Kernbereich der insgesamt 100 Hektar umfassenden Rieselfelder in eine Naturschutzstiftung und bot an, die ehemaligen Rieselfelder fortan mit dem gereinigten Wasser aus der neuen Kläranlage zu bewässern und so das Feuchtgebiet zu erhalten.

Naturschützer und Wirtschaftsvertreter fanden sich in der 1996 gegründeten gemeinnützigen Stiftung RieselfelderWindel zusammen, deren Aufgabe die Erhaltung und Weiterentwicklung des Bielefelder Naturreservates ist. Mit Unterstützung der NRW-Stiftung und vieler weiterer Förderer wurde die Fläche seitdem auf nunmehr 65 Hektar erweitert und naturschutzgerecht umgestaltet. Im Auftrag der Stiftung wird das Gebiet von der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld betreut, gepflegt und wissenschaftlich untersucht. Zahlreiche neue Tier- und Pflanzenarten haben das Biotop aus Menschenhand seit der Umgestaltung für sich entdeckt – darunter viele seltene und gefährdete Arten, die auf der Roten Liste stehen. In den Rieselfeldern Windel sind seit 1997 rund 70 verschiedene Brutvogel- und 140 Gastvogelarten, 30 Libellenarten, 16 Heuschreckenarten, 29 Tagfalterarten und 386 Pflanzenarten nachgewiesen worden. „Dies ist für den Raum Ostwestfalen eine bemerkenswert hohe Artenvielfalt“, betont Jürgen Schleef.

Wasserralle brütet im Schilf

Im dichten Schilf der Rieselfelder findet die Wasserralle ihren einzigen Brutplatz in Bielefeld. Der Vogel mit dem langen roten Schnabel und der grauen Gesichtsmaske verständigt sich auf ungewöhnliche Weise: Die Wasserralle quiekt wie ein Schwein. Zu sehen bekommt man den sehr scheuen Vogel jedoch nur selten. „In den vergangenen elf Jahren habe ich die Wasserralle nicht öfter als fünf Mal beobachten können“, sagt Jürgen Schleef. Die Feuerlibelle ist dagegen weniger zurückhaltend: Leuchtend rot schwebt sie seit 2008 über einigen der 21 Gewässer des Gebietes. Aus dem Mittelmeerraum ist sie vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen und wird daher oft in Zusammenhang mit der Klimaerwärmung genannt. Stolz sind die Mitarbeiter der Biologischen Station nicht zuletzt auch auf ihre Kiebitze: Von der zwischenzeitig nahezu verschwundenen Vogelart leben jetzt bis zu sieben Paare auf den Grünlandflächen des Naturreservates.

Doch die Rieselfelder sind längst nicht nur ein Refugium für alles, was kreucht und fleucht, sondern auch ein beliebtes Ziel für Erholungssuchende und Naturinteressierte. Auf zwei Rundwegen können Spaziergänger die Schönheit der ungewöhnlichen Landschaft genießen und deren Bewohner beobachten. Ein Informationszentrum bietet eine Fülle von Hintergrundwissen, und die Zahl der naturpädagogischen Veranstaltungen, Führungen und Seminare wurde im Verlauf der Jahre kontinuierlich ausgebaut: Knapp 4.000 Besucherinnen und Besucher, darunter fast 2.700 Kinder, nahmen im vergangenen Jahr an insgesamt 240 Veranstaltungen teil.

(Redaktion)


 


 

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