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Einkaufen mit dem Bethel-Euro

Die v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld haben eine eigene Währung

Auf dem 5-Euro-Schein ist der moderne Eingangsbereich des Krankenhauses Gilead abgebildet, und der 10-Euro-Schein zeigt die Zionskirche mit ihren beiden Glockentürmen. In sieben verschiedenen Geldscheinen gibt es den Bethel-Euro, mit dem nur in den Geschäften der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld bezahlt werden kann.

Erstmals wurde das Bethel-Geld im Jahr 1908 ausgegeben – und ist damit vermutlich die älteste Komplementärwährung Deutschlands.

Pastor Friedrich von Bodelschwingh, seit 1872 Leiter der „Anstalt für Epileptische“, begann schon kurz nach seiner Amtseinführung, Arbeitsangebote für die Bewohner der Einrichtung zu schaffen. „1874 entstanden die ersten Handwerksbetriebe in Bethel, in denen Bewohner der Anstalt beschäftigt waren“, sagt Bärbel Bitter, Leiterin der Historischen Sammlung Bethel.

Die Vielfalt der Betriebe war ebenso groß wie die dort produzierten Waren. Die Schlosserei stellte neben der Bauschlosserei auch Kerzenleuchter her, die Flechterei arbeitete nicht nur verschlissene Körbe auf, sondern fertigte elegante Gartenmöbel. Es wurden Spielzeugeisenbahnen gebaut, und es gab eine Porzellanmalerei ebenso wie eine Handweberei, eine Schuhmacherwerkstatt und vieles mehr. Die Waren sollten den Eigenbedarf decken, wurden aber auch per Katalog überregional vertrieben. Dadurch sollten zusätzliche Einnahmen erzielt werden. Pastor von Bodelschwingh verfolgte das Ziel, dass das in Bethel verdiente Geld auch in Bethel ausgegeben wurde. „Er wollte eine Art geschlossenen Wirtschaftskreislauf schaffen, um damit die Arbeitsplätze in der Einrichtung zu sichern“, betont Bärbel Bitter.

Das Bethel-Geld wurde im August 1908 eingeführt

Nachdem Bodelschwingh zunächst Quittungsbücher verteilte, in denen sich die Hausleitungen und Mitarbeiter Bethels ihre Einkäufe bescheinigen lassen konnten und dafür am Jahresende eine Umsatzbeteiligung erhielten, erfolgte am 20. August 1908 die Einführung des Bethel-Geldes. Dabei handelte es sich um Warengutscheine im Wert von 1 Pfennig bis zu 10 Mark. Auf der Rückseite der Scheine war klar formuliert, wer Reichs-Mark in Bethel-Mark umtauschen durfte: „Berechtigt zum Bezug und zur Verwendung von Warengutscheinen der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel sind alle Pfleglinge, Mitarbeiter und Pensionäre der Anstalten Bethel, Sarepta und Nazareth, einschließlich der Angehörigen der Bethel-Mission sowie des Lehrkörpers und der Mitarbeiter der theologischen Schule.“

„Der Anreiz lag anfangs noch in einer Sonderausschüttung wie bei den Quittungsbüchern. Später gab es dann Rabatte beim Einkaufen – und zwar bis zu 10 Prozent“, berichtet die Leiterin der Historischen Sammlung. Wie die Mark blieb auch die Bethel-Mark nicht von der Wirtschaftskrise nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verschont: Am 15. November 1923 wurde ein Warengutschein im Wert von 500 Milliarden Mark ausgegeben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs drohte dem Bethel-Geld das Aus: Im Zuge der Währungsreform im Jahr 1948 wurde das Geld aus dem Verkehr gezogen und sollte ursprünglich auch nicht wieder aufgelegt werden. Besitzer von Bethel-Geld konnten ihre Warengutscheine im Verhältnis Zehn zu Eins gegen deutsche Mark eintauschen. Doch auf einer Angestelltenversammlung im Juni 1951 wurde die Wiedereinführung des eigenen Geldes gefordert. „Die Löhne in Bethel waren geringer als in anderen Betrieben, und so wollten die Beschäftigten nicht auf Vergünstigungen beim Einkauf verzichten“, erklärt Bärbel Bitter. Einige Zeit mussten sie sich jedoch noch gedulden: Nach sechsjähriger Pause wurde am 1. Januar 1955 wieder Bethel-Geld ausgegeben.

Ökonomische Bedeutung ist heute eher gering

Bei der Euro-Umstellung stand das Bethel-Geld erneut auf dem Prüfstand, da es nur noch von wenigen Geschäften und Betrieben angenommen wurde. Als sich jedoch wieder mehr Betriebe und auch die Läden aus dem Stiftungsbereich proWerk bereit erklärten, die Währung zu akzeptieren, wurde die Einführung des Bethel-Euro beschlossen. Nur unter der Bedingung, dass keine Verwechslung mit dem echten Euro möglich ist, erhob die Landeszentralbank NRW keinen Einspruch gegen den Bethel-Euro, der am 1. März 2002 eingeführt wurde und deutlich als Warengutschein gekennzeichnet ist. Das Bethel-Geld gibt es nicht als Münze, sondern nur als Scheine in drei Größen und sieben unterschiedlichen Farben und Werten – von 50 Cent bis 50 Euro. Auf den Scheinen sind geschichtsträchtige oder markante Gebäude der Ortschaft Bethel wie das Mutterhaus Sarepta oder die moderne Mamre-Patmos-Schule abgebildet. Beim Umtausch des regulären Euros in die Bethel-Währung bekommt man in der örtlichen Sparkassenfiliale einen Bonus von fünf Prozent.

Rund 100.000 Bethel-Euro-Scheine im Wert von fast einer Million Euro sind heute im Umlauf. Etwa ein Dutzend Geschäfte in Bethel und der Zweigstelle Eckardtsheim akzeptieren die anstaltseigene Währung. Bärbel Bitter: „Die ökonomische Bedeutung des Bethel-Geldes ist inzwischen eher gering. Es ist vielmehr eine kleine Liebenswürdigkeit am Rande.“

(Redaktion)


 


 

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