Mehr als eine Quote
"Mehr Frauen in die Vorstände!"
München. In die Top-Etagen der Unternehmen müssen mehr Frauen Einzug halten. Das fordert Bundes-Familienministerin Schröder. Auch der Top Management-Berater Dr. Kai Dierke aus Zürich, plädiert für eine „Quote“ – aber nicht aus „emanzipatorischen“ Gründen.

Dr. Kai Dierke ist Managing Partner der Top Manage-ment-Beratung Dierke Houben Associates, Zürich. Er war bis 2003 Mitglied der Konzernleitung der Winterthur Versicherung.
business-on.de: Herr Dr. Dierke, Sie beraten und coachen Vorstände internationaler Konzerne – auch in Deutschland. Wie stehen Sie zu einer Frauenquote für deren Top-Etagen?
Kai Dierke: Viele Unternehmen brauchen eine Frauen-quote – jedoch nicht um der Frauen, sondern ihrer selbst willen.
business-on.de: Warum?
Kai Dierke: Aus Unternehmersicht lautet die zentrale Frage: Wie können Unternehmen besser geführt werden? Frauen können hierzu einen substanziellen Beitrag leisten.
business-on.de: Was veranlasst Sie zu dieser Aussage?
Kai Dierke: McKinsey hat schon 2007 in einer Studie eine positive Korrelation aufgezeigt zwischen der Zahl von Frauen in den Entscheidungsgremien einerseits und der Performance von Unternehmen andererseits.
business-on.de: Welche „besonderen“ Fähigkeiten haben Frauen, und warum werden diese wichtiger?
Kai Dierke: Aus den globalen Trends, die die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen heute prägen, ragen zwei heraus: die Beschleunigung durch technologische Innovation und die globale Verfügbarkeit von Know-how und Talenten. Als Folge davon beobachtet man bei den Unternehmen einen Trend zu Organisationsformen, die nicht mehr auf Kontroll- und Kommandostrukturen top-down basieren. Das heißt, wir haben es häufiger mit Netzwerkorganisationen zu tun, in denen kleine Einheiten produktiv und innovativ zusammenarbeiten. Damit rücken neue Kompetenzen in den Vordergrund.
Frauen sind oft emotional intelligenter
business-on.de: Welche?
Kai Dierke: Es wird zum Beispiel zunehmend wichtig, zu einem Perspektivenwechsel fähig zu sein; des Weiteren in produktiven Streitgesprächen zu optimalen Ergebnissen zu gelangen. Die Basis für diese Fähigkeiten ist ein ausgeprägtes Maß an Emotionaler Intelligenz.
business-on.de: Und die ist bei Frauen stärker ausge-prägt als bei Männern?
Kai Dierke: Statistisch gesehen ja.
business-on.de: Haben Sie hierfür Belege?
Kai Dierke: 2009 hat zum Beispiel Herminia Ibarra von der Insead Business School in einem internationalen Vergleich aufgezeigt, dass Frauen bei 360 Grad-Feedbacks bezüglich ihres Führungsverhaltens in neun von zehn Kategorien stärker als Männer bewertet werden. Aus meiner Beratungsarbeit kann ich diese Tendenz bestätigen. Frauen gelingt es häufiger, ein echtes Commitment zu erzeugen und Mitarbeiter an sich zu binden.
business-on.de: Heißt das, Frauen sind die besseren Führungskräfte?
Kai Dierke: Jein. Die Führungseigenschaften von Frauen sind nicht per se besser. Sie sind aber häufig wirksamer in Bezug auf die Herausforderungen, vor denen Unternehmen heute stehen.
business-on.de: Aber warum braucht es eine Frauenquote? Genügen nicht ein, zwei Frauen in Top-Positionen?
Kai Dierke: Nein, denn primär geht es darum, dass die Führungsgremien insgesamt Verhaltensweisen entwickeln, die heute eher Frauen zugeschrieben werden. Das heißt, die Gremien müssen lernen. Und das tun sie erst, wenn eine „kritische Masse“ von Frauen in ihnen vertreten ist – zum Beispiel 30 Prozent.
Noch werden Frauen oft auf Rollen reduziert
business-on.de: Wie erleben Sie Frauen in Top-Führungspositionen heute?
Kai Dierke: Aufgrund ihres Exoten-Status haben sie in die Top-Teams oft ganz spezielle Rollen. Sie werden darauf begrenzt und lassen sich darauf begrenzen.
business-on.de: Welche Rollen sind das?
Kai Dierke: Es gibt drei. Da ist zunächst „die ganze Kerlin“ – eine Frau mit Kerngeschäftsverantwortung, die das althergebrachte Verhaltensrepertoire mitspielt und sich darauf beschränkt. Diese Frauen sind aufgestiegen, weil sie das klassische männliche Verhaltensmodell sehr gut beherrschen und entsprechend selbstbewusst auftreten. Die zweite Rolle ist die „Mutter der Kompanie“. Das heißt, die Stelleninhaberin hat zwar eine zentrale Funktion für die produktive Dynamik im Team. Sie trägt aber keine geschäftliche Kernverantwortung, sondern leitet zum Beispiel den Bereich Kommunikation. Sie hält die emotionale Hygiene des Teams aufrecht und ist Ansprechpartnerin bei sozialen Verwerfungen. Diese spezifisch weibliche Rolle ist zwar von höchster Relevanz für die Erfolgsfähigkeit eines Teams. Frauen, die diese Rolle innehaben, schöpfen aber meist ihr Potenzial nicht aus.
business-on.de: Und die dritte Rolle?
Kai Dierke: Ist die „Charmante Challengerin“, die man sich „gönnt“. Sie trägt anders als die „Mutter der Kompanie“ auch Kerngeschäftsverantwortung. Deshalb darf sie in den Männer-dominierten Gremium auch mal „auf den Putz hauen“ und ihren Kollegen „den Kopf waschen“. In dieser Rolle werden sie von den Männern als „nice to have“ genutzt und gelobt – nach dem Motto: „Wir brauchen so jemanden wie Dich, Du tust uns gut!“. Einem Mann gegenüber würde man sich nie so äußern. Deshalb ist auch dies eine Form von Diskriminierung. Denn dies ist keine Rolle auf Augenhöhe. Es ist eine Rolle, die zum Beispiel vom Vorstandsvorsitzenden gewährt und im Bedarfsfall auch wieder beschnitten wird, nach dem Motto: Jetzt reicht’s.
Männer und Frauen müssen lernen
business-on.de: Was folgern Sie aus dieser Ist-Situation?
Kai Dierke: Eine Frauenquote ist wichtig.
business-on.de: Auch eine gesetzlich vorgeschriebe-ne Frauenquote?
Kai Dierke: Hierfür ist der Talentpool von Frauen in vielen Unternehmen noch zu klein.
business-on.de: Heißt das, die Unternehmen brauchen zunächst ein Phase der Talententwicklung im eigenen Haus, um eine Frauenquote angemessen umsetzen zu können?
Kai Dierke: Ja. Hinzu kommt – und das ist entscheidend: Die Vorstände und Geschäftsführungen müssen sich zeitgleich auf die Veränderung vorbereiten.
business-on.de: Inwiefern?
Kai Dierke: Erstens müssen sie ihre eigenen Verhaltensweisen im Top-Team hinterfragen und neue Verhaltensweisen zulassen. Und zweitens müssen sie in den Bereichen Performance und Talent Management sowie Rekrutierung die Diversity-Politik vorantreiben. Sonst findet keine nachhaltige Veränderung statt.
Dr. Kai Dierke ist Managing Partner der Top Manage-ment-Beratung Dierke Houben Associates, Zürich. Er war bis 2003 Mitglied der Konzernleitung der Winterthur Versicherung. Nähere Infos: Email: offi-ce@dierkehouben.com
(Redaktion)
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