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Horst Raack

Schönstes Kostüm im venezianischen Karneval soll wieder aus Bielefeld kommen

Sie erinnern an Barock und Rokoko und sind doch eine Kreation des Hier und Heute. Mit improvisierten Schnitten, mit Kunstfaser neben Brokat – und von außergewöhnlicher Schönheit. 2009 belegten die modischen Fantasien des Bielefelders Horst Raack Platz 1 im Wettbewerb um das schönste Kostüm im venezianischen Karneval. Horst Raack ist Goldschmied, die Mode ist seine Leidenschaft. Am 10. Februar 2010 reist der 38-jährige Bielefelder erneut in die Lagunenstadt. Im Gepäck: eine modische Hommage an die kostbaren Fabergé-Eier der Zarenzeit.

2009 hatte Horst Raack die Jury mit der sechsteiligen Kostümfantasie „Die Reisen des Marco Polo“ begeistert und sich gegen 300 Verkleidete aus aller Welt durchgesetzt. „Dieses Mal werden wir als Gruppe von zwei Paaren anreisen“, verrät er. „Für unseren Auftritt habe ich Kostüme umgearbeitet, die wir schon 2008 in Venedig getragen haben.“ Das florale Dekor sei noch vorhanden, werde aber durch die neuen Ideen weitgehend überlagert. Jetzt präsentieren sich die Modelle „sehr üppig und glitzernd“ – eben durch und durch angelehnt an die royalen Schmuckeier aus St. Petersburg.

Meister der Improvisation

Horst Raack ist ein Meister der Improvisation. „Meine Kostüme entstehen im Kopf, farbige Modeskizzen gibt es nicht. Selbst wenn ich einmal eine Idee zu Papier bringe, entsteht unter meinen Händen schnell wieder etwas anderes.“ Eine Opernsängerin aus Venedig gehört zu den Menschen, die sich seit vielen Jahren sehnlichst ein Kleid aus den Händen des Bielefelder Goldschmieds wünschen. Doch der lehnt ab: „Ich habe nie gelernt auf Maß zu arbeiten, sondern improvisiere jedes Stück an einer Schneiderpuppe. So werde ich meiner lieben Freundin leider nie ein perfekt sitzendes Kleid nach Italien schicken können.“ Der Attraktivität seiner Kreationen tut das keinerlei Abbruch. Die prächtigen Unikate aus Horst Raacks Atelier setzen Veranstaltungen von der Pillnitzer Schlossnacht bis zum Kongress der Bielefelder August Oetker KG in Szene. 2003 bekam Horst Raack eine Reise zum Karneval in Venedig geschenkt. Zwar regnete es in der Lagunenstadt wie aus Kübeln und die Reisenden aus Bielefeld wurden krank , doch die Leidenschaft für fantasievolle Kostüme war entfacht. „Dieses Fest hat mich begeistert! Die stilvollen Verkleidungen, die einmalige Kulisse, so viele Fotomotive.“ Basis der ersten modischen Kreation des gebürtigen Lippers waren ein Gehrock von 1905 und eine Nähmaschine vom Flohmarkt. Schon im Folgejahr wurde Horst Raack selbst von Venedig-Touristen fotografiert.

Zauberhaftes närrisches Treiben

Der „Carnevale di Venezia“ hat eine jahrhundertealte Tradition. Ausgehend von den italienischen Fürstenhöfen entwickelten sich seit dem Spätmittelalter immer aufwändigere Formen des närrischen Treibens. Unter der Anonymität der Masken fielen soziale Schranken: Männer und Frauen tauschten ihre Gewänder, Diener verkleideten sich als Adelige und selbst Priester teilten das Spiel mit der Identität. Giacomo Casanova erlebte den Karneval im 18. Jahrhundert in seiner schönsten Pracht. Der größte aller Verführer soll das exzessive Spektakel geliebt haben, konnte er sich doch völlig unerkannt seinem liebsten Zeitvertreib widmen. Als Napoleon 1797 die Republik Venedig stürzte, beendete er auch kurzerhand ihre „Carne-vale“(Fleisch-adé)-Tradition. Erst 1980 wurde das große Fest vor der Fastenzeit offiziell wieder eingeführt. „Die Hauptwege sind völlig überfüllt“, beschreibt Horst Raack das närrische Treiben, das traditionell zehn Tage vor Aschermittwoch beginnt. „Aber schon ein paar Gassen weiter gibt es herrlich romantische Ecken, die für schöne Fotos und nette Gespräche wie gemacht sind. Auf dem Markusplatz fehlt die Distanz und ein Schnappschuss jagt den nächsten. Da freut man sich fast darauf, abends aus dem Kostüm in eine unscheinbare Jeans zu schlüpfen.“

Kostümkreation aus der Zarenzeit

Die Bielefelder Kostümierung für 2010 steht ganz im Zeichen von „Fabergé“ – europäisch und indisch interpretiert. Auf einem der Damen-Kopfteile wurden große Eihälften so drapiert, dass sie an einen Turban erinnern. Auch Raacks Partnerin wird ein Kopfteil aus Eierschalen tragen. Auf dessen Spitze thront zusätzlich das Modell einer kleinen Kutsche. „Das teuerste unter allen royalen Schmuckeiern war das Krönungs-Ei“, erklärt Horst Raack. „Als Überraschung enthielt es das Modell der goldenen Kutsche, in die Zar Nikolaus II. und Zarin Alexandra nach ihrer Krönung einstiegen.“ Selbst die Handtaschen der beiden Damen sind Fabergé-Eiern nachempfunden. Das Prozedere des Kostüm-Wettbewerbs ist den Bielefeldern inzwischen gut bekannt. Aus mehreren hundert Bewerbern in der Vorrunde werden rund 80 für das Finale ausgewählt. Drei grüne Jury-Karten berechtigen zur Endausscheidung, in der sich nochmals die Besten der Besten präsentieren. „Gabriella Pescucci soll 2010 erneut den Vorsitz der Jury haben“, hat Horst Raack gehört. Die Oscar-Preisträgerin, Ausstatterin so bekannter Hollywood-Streifen wie „Münchhausen“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“, war 2009 ganz vernarrt in die Kostüme des Bielefelders. Ein Vorteil? „Das ist schwer zu sagen“, findet der Vorjahressieger. „Wenn ein neuer Preisträger gewünscht wird, müssen wir es der Jury eben schwer machen, uns wiederzuerkennen.“

Outlet, Flohmarkt, eBay: Erlaubt ist, was gefällt

Horst Raacks neue Kostüme entstehen niemals nach historischer Vorlage, häufig zwischen „Tür und Angel“ und immer zuhause – dort, wo sich Material für die kommenden drei Jahre im Arbeitszimmer türmt. „Anfangs ging es mir nur um ein stilvolles Kostüm. Inzwischen steckt hinter jeder Arbeit ein möglichst fantasievolles Konzept. Grundsätzlich jedes Stück ist komplett selbst gefertigt.“ Ein Schnittmuster, das der Goldschmied immer wieder gern zur Hilfe nimmt, hat er selbst gebastelt – aus einem alten Theaterkostüm vom Amsterdamer Flohmarkt, zerlegt in seine Einzelteile. Als Horst Raack zu nähen begann, verarbeitete er Brokatvorhänge. Heute stockt der 38-Jährige seinen Materialfundus auf Flohmärkten und in Restetruhen auf, stöbert bei eBay und kauft online. Das barocke Samtjacket, das sein Freund 2009 in Venedig trug, war ursprünglich ein schlichter Biedermeiermantel aus dem Fundusverkauf des Bielefelder Stadttheaters. Im Outlet des Bielefelder Traditionsunternehmens Delius erstand der Hobby-Schneider einen weiteren 1-Euro-Stoff für die „Marco Polo“-Kreation. „Ich verarbeite, was mir gefällt. Wenn es eine schöne Kunstfaser ist – warum nicht? Das sehe ich nicht so eng.“ Bei allem, was der Goldschmied Raack noch als Modeschöpfer Raack auf die Beine stellen wird, will er authentisch zu bleiben. „Was andere nähen, interessiert mich, weil ich gewisse Ideen umarbeiten könnte. Ein bloßes Abschauen und Nachmachen könnte mich aber niemals reizen.“ Seit er 2009 in der Modestadt Paris eine Ausstellung zur zeremoniellen Kleidung bei Hofe besuchte, ist er um eine farbenprächtige Idee reicher: Krönungsroben und Planeten – das soll der Bielefelder Auftritt beim Karneval von Venedig im Jahr 2014 werden.

(Redaktion)


 


 

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