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Die Sehnsucht der armen Kinder

Kindheitsforscherin Prof. Dr. Sabine Andresen nimmt Kinder als Experten ernst

Die Diskussion über Armut in einem reichen Land wie Deutschland ist gespickt mit Urteilen und Vorurteilen. Und über die Armutserfahrungen speziell von Kindern gibt es immer noch viel zu wenig aussagekräftiges Material. An der Universität Bielefeld kümmert sich die Kindheitsforscherin Prof. Dr. Sabine Andresen in vielfältiger Weise um das Thema, mit dem auch die Medien ihre Schwierigkeiten haben. Wichtig ist der Bielefelder Wissenschaftlerin, die Kinder als Expertinnen und Experten in den Forschungsprozess einzubeziehen. Denn die Mädchen und Jungen können sehr wohl qualifiziert Auskunft geben über ihre Erfahrungen und Lebenswelten.

Aktuell arbeiten Sabine Andresen und ihr Team an der qualitativen Studie „Prekäre Kindheit“, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt wird. Beispielhaft soll in Hamburg bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren erfragt werden, wie sie Armut erfahren. Die Wissenschaftlerin hat beste Erfahrungen mit dieser Herangehensweise gemacht, die vor allem in den skandinavischen Ländern, aber auch in Großbritannien mittlerweile Standard ist. In Deutschland diskutieren wir erst seit wenigen Jahren über Kinderrechte und Partizipation bei politischen Entscheidungen. „Wir müssen endlich begreifen, dass Kinder Subjekte mit eigenen Rechten sind“, fordert die Erziehungswissenschaftlerin, die in Heidelberg promoviert und sich in Zürich habilitiert hat. Sie ist dafür, die Rechte von Kindern im Grundgesetz festzuschreiben.

2. World Vision Kinderstudie kommt im Juni 2010

Seit 2004 befasst sie sich in Bielefeld mit den Wünschen, Sorgen, Ängsten und Hoffnungen von Kindern in der heutigen Zeit. Gemeinsam mit dem renommierten Bielefelder Jugendforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften hatte Andresen die wissenschaftliche Leitung der 1. World Vision Kinderstudie, die bereits 2007 für Schlagzeilen sorgte.

Die Befragung mit dem Team von TNS Infratest Sozialforschung München hatte bundesweit die Lebenssituation von 1.600 Kindern im Alter zwischen 8 und 11 Jahren untersucht. Die Kindheitsforscherin war positiv überrascht, „dass die Kinder sensible und wache junge Gesellschaftsmitglieder sind, die durchaus selbstbewusst eigene Lebensperspektiven entwickeln. Sie fühlen sich im Alltag aber oft nicht ernst genommen. So glaubt ein Großteil der Kinder, dass sich Politiker eher mangelhaft für ihre Belange einsetzen. Auch an ihren Schulen bemängeln sie die ungenügende Beteiligung.“

Derzeit läuft die Vorbereitung für eine zweite qualitative World Vision Kinderstudie. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist für Juni 2010 geplant. Dann wird sich auch zeigen, ob sich angesichts der aktuellen Wirtschaftslage deutliche Veränderungen ergeben. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass ein entscheidender Befund hartnäckige Konstanz zeigt: Schlechtere Startchancen für Kinder aus unteren Gesellschaftsschichten prägen alle Lebensbereiche und wirken wie ein Teufelskreis. Stigmatisierung und Benachteiligung ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben. Falls es gemeinsam mit World Vision gelingt, die Finanzierung einer internationalen Studie zu sichern, werden die Forscher der Universität Bielefeld bald wissen, wie Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt ist.

„Bepanthen-Kinderarmutsstudie“ fragt nach dem guten Leben aus Kindersicht

Im März 2009 haben Prof. Dr. Sabine Andresen und ihr Team in Berlin die Ergebnisse der „Bepanthen-Kinderarmutsstudie“ vorgestellt. Auch bei dieser Forschung wurden Kinder als Experten angesehen: „Wir haben die Perspektive von Kindern dokumentiert, ihre Spielräume und Handlungsmöglichkeiten, die sie sehen, sowie ihre Vorstellungen von einem ‚guten’ Leben. Wir halten es für wichtig, Kinder in die Diskussion und Forschung über Kinderarmut einzubeziehen, ohne sie zu überfordern oder unangemessen in die Pflicht zu nehmen.“

Die Mädchen und Jungen in Hamburg und Berlin wurden gefragt, was ihrer Meinung nach jedes Kind für ein gutes Leben benötigt. Auf der Basis von Fotos, die Kinder in ihrer alltäglichen Umgebung gemacht haben, und daran angelehnten Interviews wurden Fallgeschichten erstellt und typische Armutsverläufe aus Sicht der Kinder rekonstruiert.

„Materielle Diskriminierung und damit verbundene Ausgrenzungen sind immer ein großes Problem“, stellt die Forscherin fest. „Wichtig ist den Kindern aber gerade auch in dieser Situation, dass sie verlässliche Beziehungen haben, Räume und Gelegenheiten, ins Gespräch zu kommen.“ Das bezieht sich sowohl auf Eltern, Geschwister und den Freundeskreis als auch auf verlässliche und verbindliche Pädagogen in Schulen oder außerschulischen Einrichtungen. Dass gerade diese in jüngster Zeit den Sparzwängen der Kommunen zum Opfer fallen, hält Prof. Dr. Sabine Andresen für grundlegend falsch: „Es ist ohnehin ein Skandal, dass wir in Deutschland so viele Kinder haben, die in Armut leben. Ihnen nimmt man jetzt auch noch die wenigen Räume, die neben dem Elternhaus Verlässlichkeit und Sicherheit bieten.“

Wonach sich arme Kinder wirklich sehnen, ist auch eines der Themen einer internationalen Tagung im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld. Dort werden vom 16. bis 18. September 2009 auf Einladung des Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung die Ergebnisse aus „25 Jahre Jugendforschung“ an der Universität Bielefeld diskutiert.


 


 

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