Weitere Artikel
Lena Strothmann

"Positive Anreize für die Konjunktur"

Handwerk hat goldenen Boden, sagt der Volksmnund. Das trifft leider heuzutage nicht immer zu, denn das Handwerk ist - wie andere Branchen der Wirtschaft auch - abhängig von der allgemeinen Konjunktur. Immerhin überwiegen im OWL-Handwerk zurzeit die positiven Faktoren. Dies sagt jedenfalls die Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, Lena Strothmann, im Interview mit business-on.de. Volker Pieper sprach mit ihr über Einzelheiten.

business-on.de: Wie geht es dem ostwesfälisch-lippische Handwerk im Moment?

Strothmann: Den Umständen entsprechend gut, könnte man sagen. Die letzte Umfrage vom März dieses Jahres ergab ein positives, wenn auch nicht ganz so optimistisches Bild wie noch im Herbst 2007, als sich die Geschäftslage im ostwestfälisch-lippischen Handwerk auf einem Zwölfjahreshoch befand. Trotz moderater Abkühlung und ungewöhnlich deutlicher Unterschiede zwischen den sieben Branchengruppen des Handwerks stabilisiert sich die Geschäftslage im regionalen Handwerk weiterhin. Besonders erfreulich ist, dass wir den Beschäftigungsrückgang stoppen konnten: Wir verzeichnen nun gut 126.000 Arbeitsplätze, ein Plus von knapp 1,5 Prozent. 2006 war es noch ein Minus von einem Prozent.

Rund vier Fünftel der Handwerksunternehmen in unserer Region bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder zufriedenstellend, nur jeder Fünfte ist derzeit unzufrieden. Bei den Zukunftserwartungen für das nächste Halbjahr überwiegen in allen Branchengruppen deutlich die Optimisten. Nach 22 Prozent im Herbst 2007 erwarten jetzt 27 Prozent eine Verbesserung ihrer Geschäftslage und nur 14 Prozent rechnen mit einer negativen Entwicklung. Fast 60 Prozent setzen weiterhin auf eine unveränderte Geschäftslage. Der Geschäftsklimaindex (kurz „GKI“), der die aktuelle Lageeinschätzung der Betriebe und deren Erwartungen für das nächste Halbjahr bündelt, stabilisiert sich mit 82,4 Punkten auf nahezu unverändert hohem Niveau. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Binnenkonsum noch nicht wirklich angesprungen ist und die Zuwächse hauptsächlich den steigenden Investitionen der Industrie geschuldet sind.

business-on.de: Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Branchen? Wo läuft es besonders gut, wo weniger gut?

Strothmann: Wie gesagt: Unterschiede gibt es. Die im Durchschnitt recht positive Beurteilung der aktuellen Geschäftslage wird getragen durch die überdurchschnittlich positiven Bewertungen aus den Handwerken für den gewerblichen Bedarf, dem Nahrungsmittelhandwerk sowie den Ausbaugewerben. In allen anderen Branchengruppen, insbesondere im Bauhauptgewerbe und im Kfz-Gewerbe, überwiegen derzeit deutlich die Negativmeldungen. Wir haben es hier mit einer Besonderheit zu tun: während sich der Index für die aktuelle Geschäftslage bei 92,8 Punkten in den Handwerken für den gewerblichen Bedarf bewegt, sind es nur 56,3 Punkte für das Kfz-Gewerbe. Diese „Spannweite“ von 36,5 Punkten zeigt eine deutlich gespaltene Geschäftslage im regionalen Handwerk an. Auf der einen Seite gibt es Konjunkturgewinner, die direkt oder indirekt vom gestiegenen Export, der energetischen Sanierung im Bestand oder verstärkter Nachfrage nach Qualität – so z.B. bei Lebensmitteln - profitieren. Ihnen gegenüber stehen die Branchen, die entweder durch die noch lahmende Binnenkonjunktur oder den absehbaren demografischen Wandel zu leiden haben: dazu zählen der KFZ-Bereich und natürlich der Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern. Wenn in Ostwestfalen-Lippe im vergangenen Jahr über ein Drittel, nämlich 35,1 Prozent weniger Anträge auf Wohnungsbau gestellt werden, dann bleibt das Bauhandwerk davon nicht unberührt.

business-on.de: Wie ist die Ausbildungsplatzsituation?

Strothmann: Auch wenn wir für 2008 noch keine Aussagen treffen können – dafür ist es zu früh, abgerechnet wird erst Ende August -, so sind wir noch recht optimistisch, was den Ausbildungsmarkt angeht. Als Orientierung gilt für uns das letzte Jahr: da konnten wir dank der guten Konjunktur den Ausbildungspakt übererfüllen. Das ostwestfälisch-lippische Handwerk hat 2007 bei den neuen Ausbildungsverträgen einen Zuwachs von 10,1 Prozent erzielt und 4.869 Neuverträge verbucht - 447 Verträge mehr als noch 2006. Die positive Entwicklung ist vor allem auf die bessere Konjunktur und den Einsatz von vier Lehrstellenwerbern zurückzuführen. Insgesamt werden im Handwerk der Region derzeit 13.010 junge Menschen ausgebildet, darunter sind besonders Kraftfahrzeugmechatroniker, Friseure, Anlagenmechaniker, Tischler sowie Maler und Lackierer vertreten. Die Ausbildungsquote liegt über zehn Prozent.

business-on.de: Welche Branchen haben Probleme, Nachwuchs zu finden?

Strothmann: Die Metall-, Elektro- und Baubranche gehören eindeutig dazu. Besonders der Wettbewerb um gute Schulabgänger hat begonnen, hier vor allem in den anspruchsvollen technischen Berufen im Handwerk. Sie haben bereits 2007 Personal aufgestockt und erwarten auch für die kommenden Jahre weiteren Fachkräftebedarf. Gesucht werden hier Schulabgänger mit guten Noten in Mathematik und Naturwissenschaften. Weil nicht alle sich für das Handwerk entscheiden, müssen wir leider befürchten, dass auch in diesem Jahr Lehrstellen unbesetzt bleiben werden.

business-on.de: Was erwarten Sie für die Zukunft?

Strothmann: Dieses Jahr sehe ich eine verhaltene Entwicklung, vielleicht ein Prozent Umsatzwachstum. Sollte sich allerdings der Aufschwung aus dem letzten Jahr weiter fortsetzen, dann haben wir ein ganz anderes Problem: den oben erwähnten Fachkräftemangel erleben schon jetzt einige spezialisierte Branchen wie die Feinmechanik. Auch alle anderen Gewerke werden das spätestens im Jahr 2012 zu spüren bekommen, wenn unsere Region Ostwestfalen-Lippe die Folgen der Geburtenrückgänge im dualen Ausbildungssystem verzeichnen wird. Noch sind unsere Ausbildungszahlen recht stabil. Und zwar nicht nur in der Masse, sondern auch in der Klasse: drei Bundessieger im vergangenen Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks sind der Beweis, dass die Qualität in der handwerklichen Ausbildung stimmt, um die uns so viele Länder rings um Deutschland herum beneiden. Das gilt nicht nur die Ausbildung, sondern neben Gesellen- und Meisterbrief auch für die fortdauernde Weiterqualifizierung. Umso erfreulicher ist es daher, dass wir dieses Jahr den ersten Jahrgang der „Betriebswirte des Handwerks“ feiern, die seit 25 Jahren ihr Diplom in der Tasche haben. Sie sind der Beweis, dass es eine Nachfrage nach Angeboten für lebenslanges Lernen gibt und dass es richtig ist, den Meister in Studiengänge wie den Handwerksbachelor der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld zu integrieren. Denn nur so entsteht Fortschritt und Leistung, entstehen neue Betriebe und Arbeitsplätze.

business-on.de: Gibt es spezielle Forderungen an die Politik?

Strothmann: Um das gesamte Handwerk auch in Zukunft wetterfest zu machen, arbeiten wir mit unseren Organisationen aktiv daran, weitere Reformschritte für die arbeitsintensiven Betriebe des Mittelstands zu erreichen.
Zu nennen sind hier die weitergehende Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung von jetzt 3,3 auf 3 Prozent, die Begrenzung und Rückführung weiterer Lohnzusatzkosten durch Überprüfung des Leistungskatalogs, z.B. bei der Unfallversicherung, eine Reform des Einkommenssteuerrechts, die die Leistungsträger unserer Gesellschaft entlastet, indem die Steuerprogression linear ansetzt und nicht mehr den bekannten „Mittelstandsbug“ aufweist, die Erhöhung der steuerlichen Absetzbarkeit von Handwerkerrechnungen auf 1.000 Euro – also 25 Prozent von maximal 4.000 Euro Arbeitskosten, um der Schattenwirtschaft wirkungsvoll zu begegnen und Reformen im Arbeitsrecht, vor allem beim Kündigungsschutz: Dass die Zeitarbeit dermaßen boomt, liegt hierin begründet.

Was die Reform der Erbschaftssteuer angeht, so fordern wir – wenn schon nicht Wegfall – dann wenigstens eine Verringerung der Haltezeit im Rahmen des Abschmelzmodells von 15 auf 10 Jahre. Außerdem muss jedes Jahr Anrechnung finden, eine „Alles-oder-Nichts“-Lösung nach dem „Fallbeil-Prinzip“ ist fehl am Platze. Entscheidend ist für das Handwerk, dass das Ziel der Reform eingehalten wird – die steuerliche Erleichterung von Betriebsübergaben und damit die Lösung dieses wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problems. Entlastung, Transparenz, Rechtssicherheit – dies bleiben die Anforderungen an eine Erbschaftsteuerreform.

Gleichzeitig wird das Programm zur energetischen Gebäudesanierung in diesem und im nächsten Jahr fortgeführt. Das heißt natürlich nicht, dass man hier noch mehr machen könnte. Wir begrüßen es daher, dass es seit März eine Ausweitung der Förderung gerade für kleine und mittlere Betriebe gibt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und die KfW Förderbank haben den "Sonderfonds Energieeffizienz in KMU" gestartet, ein Programm, mit dem die Steigerung der Energieeffizienz von kleinen und mittleren Unternehmen gezielt gefördert wird. Ergänzend ist auch eine Komponente zur Förderung von Beratungsleistungen geplant.
Mit der Gewährung von Zuschüssen in Höhe von maximal 80 % für die Durchführung unabhängiger und qualifizierter Energieberatungen sollen Informationsdefizite über betriebliche Energieeinsparpotenziale bei kleinen und mittleren Unternehmen abgebaut werden. Hier engagiert sich die Handwerkskammer als Regionalpartner.

Wenn die öffentlichen Körperschaften sich wieder über steigende Steuereinnahmen freuen, so hoffen wir natürlich, dass das Land und die Kommunen nach Jahren des Investitionsstaus wieder mehr Geld in die Hand nehmen, um ihre Infrastruktur zu modernisieren, Stichwort Straßen und Schulen. Es gibt also für 2008 durchaus positive Anreize für die Handwerkskonjunktur, vielleicht nicht für alle Gewerke und Betriebe, aber doch für die Mehrheit, wie ich hoffe.

(Volker Pieper)


 


 

OWL-Handwerk
Strothmann
Konjunktur.Ausbildungsplätze

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "OWL-Handwerk" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: