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Reaktionen auf die 'Berliner Rede' von Bundespräsident Horst Köhler

Gestern hat Bundespräsident Horst Köhler eine noch recht junge Tradition seiner Amtsvorgänger fortgeführt: in seiner diesjährigen 'Berliner Rede' forderte der amtierende Bundespräsident eine Abkehr vom System der "schrankenlosen Freiheit". Die Rede hat - auch wegen Köhlers Vergangenheit als Chef des Internationalen Währungsfonds - unterschiedliche Reaktionen in den Medien hervorgerufen.

Rheinische Post: Die Strafpredigt des Präsidenten

Düsseldorf. (Von Martin Kessler) Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Das Sprichwort trifft recht gut den Kern der vierten Berliner Rede, die der Bundespräsident diesmal im Zeichen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hielt. Köhler kennt die Akteure an den Märkten, viele sogar persönlich. Wenn er die Finanzelite für das Ausmaß der Krise verantwortlich macht und ihr die Leviten liest, dann trifft es gerade seine Zunft. Denn Köhler war zuvor Präsident des Sparkassenverbandes und des Internationalen Währungsfonds. Umso bemerkenswerter ist seine durchaus tief gehende Abkehr vom System der "schrankenlosen Freiheit". Er hat grundsätzlich recht, wenn er sich davon distanziert. Aber hat er in seinen früheren Funktionen nicht lange Zeit gute Miene zum bösen Spiel gemacht? Diesen Vorwurf muss er sich machen lassen, auch wenn er als IWF-Präsident Regeln für das schrankenlose Spiel des Casino-Kapitalismus eingefordert hat. Die Strafpredigt, die er jetzt als Bundespräsident hielt, hätte auch einem IWF-Lenker gut angestanden. Die Bürger hierzulande erreicht er mit einer solchen Rede gleichwohl. Und wenn er damit zugleich für die soziale Marktwirtschaft wirbt, hat er dem angeschlagenen System sogar einen guten Dienst erwiesen.

Neue Westfälische: Bundespräsident Köhler zur Lage der Nation - bittere Wahrheiten

Bielefeld. (Von Uwe Zimmer) Wo bleibt das Positive? Selten ist diese Frage in der Bundesrepublik häufiger gestellt worden. Auch an die Medien. Statt mit reißerischen Berichten Menschen zu entmutigen, sollten sie Erfolge im Zeichen der Krise und deren baldiges Ende vermelden. Keiner hat deutlicher als das deutsche Staatsoberhaupt die Antwort darauf gegeben. Woher Optimismus nehmen, wenn die Fakten große Hoffnungen nicht zulassen? Köhlers Klartext lässt für Schönfärberei keinen Raum. Es wird in den nächsten Monaten einen bedrohlichen Zuwachs an Arbeitslosigkeit geben. Auch deshalb, weil viele Unternehmen ohne Stellenabbau, also Kostenminimierung, nicht überleben können. Der Auftragseinbruch trifft den Exportweltmeister mit voller Wucht. Die Folge: Kurzarbeit oder Entlassungen. Und auch für die Gefühle der Betroffenen hat Köhler die richtigen Worte gefunden: Ohnmacht, Hilflosigkeit und Zorn. Oder wäre Wut angemessener? Auf Bankmanager beispielsweise, die ehrbare Kunden um ihre Alterssicherung gebracht, Vermögen verspekuliert haben und immer noch dreist nach Boni und Gratifikationen verlangen, während ihre Institute unter die staatlichen, von Steuergeldern finanzierten Rettungsschirme flüchten? Die Wirtschaftskrise gebiert weiteres Unheil. Viele Staaten, darunter auch europäische, stehen faktisch vor dem Staatsbankrott. Die Prognosen für den Welthandel sind katastrophal. Die Dritte Welt leidet am meisten und treibt ihre Bewohner in die Armutsflucht. Hoffnung macht allein, dass alle Betroffenen in einem Boot sitzen. Einzellösungen für die Krise gibt es nicht. Starke Regierungen müssen zusammen harte, auf Gerechtigkeit zielende Entscheidungen treffen. Wer seine Bürger dagegen durch wahltaktische Spektakel verunsichert, der ist sich der übernommenen Verantwortung offensichtlich nicht bewusst.

Neue Osnabrücker Zeitung: Passend zur schwierigen Lage

Osnabrück. Die voreiligen Wahlkämpfer hat Horst Köhler an ihre Verantwortung erinnert. Wahlkampf in eigener Sache betrieb er gestern jedoch nicht. Vielmehr wurde er dem Anspruch seines überparteilichen Amtes gerecht, was seiner Konkurrentin Gesine Schwan die Kandidatur nicht leichter macht. Zwar war nichts ganz neu in Köhlers Rede, doch alles passend zur schwierigen gegenwärtigen Situation, wie die einhellig positiven Reaktionen zeigten. An Deutlichkeit ließ der Präsident nichts zu wünschen übrig. Einfache Wahrheiten eigentlich, die man in dieser Klarheit auch aus der Regierung gern lauter gehört hätte: dass es Freiheit nicht ohne Verantwortung geben kann etwa, dass der Staat der Gier und Maßlosigkeit klare Grenzen setzen muss und dass das Auftürmen von Finanzpyramiden nicht zum Selbstzweck werden darf.Die Verantwortlichen der Finanzkrise schonte Köhler nicht, forderte vielmehr Überfälliges ein: Selbstkritik und Entschuldigungen. Ob mit Erfolg? Das ist zu hoffen, nach den bisherigen Erfahrungen aber eher zu bezweifeln. Umso wichtiger wäre, dass der Geist der Präsidentenrede fortwirkt: nicht in düsterer Stimmung zu verharren, sondern den Blick stärker auf die Chancen in der Krise und damit nach vorn zu richten

(Redaktion)


 


 

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