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Porträt

Reinhard Mohn - ein Jahrhundertunternehmer

Bücher zu den Menschen bringen

Als die Geschäfte zum Jahresende 1949 so schlecht liefen, dass das Unternehmen in seiner Existenz bedroht war, vertraute Reinhard Mohn dem Gespür seines Vertriebschefs: Wenn die Kunden nicht zu den Büchern kämen, dann müsse man die Bücher zu den Menschen bringen, hatte dieser gesagt. Die sogenannte „Königsidee“ war geboren. Mohn machte sich diese Idee mit einem Elan, der Berge versetzten konnte, zu Eigen.

Am 1. Juni 1950 wurde der Bertelsmann Lesering ins Leben gerufen. Die Idee wurde von den Kunden begeistert aufgenommen. Schon nach einem Jahr hatte der Lesering mehr als 100.000 Mitglieder. Nach vier Jahren waren es eine Million. Schon bald wurde der Bertelsmann Lesering zum Symbolträger des deutschen Wirtschaftswunders.

Mohn begegnete Widrigkeiten immer wieder mit neuen Ideen. „Der eine trinkt gerne ein Bier, der andere liegt gern in der Sonne – ich denke gern.“ Wenn andere sich zufrieden zurücklehnten, fragte er sich: Wie können wir es besser machen? Die unablässige Suche nach neuen Wegen und Lösungen war ein Teil seiner Natur. Mohn verlangte viel von seinen Führungskräften und Mitarbeitern – denn er selbst war bereit, alles zu geben. Die Menschen bei Bertelsmann wussten, dass Mohn für sie durchs Feuer gegangen wäre – und dieser Geist hat das ganze Unternehmen geprägt.

Als die deutschen Lexikonverlage dem Bertelsmann Buchclub keine Lizenz überlassen wollten, gründete Mohn kurzerhand eine Lexikonredaktion und ein kartografisches Institut. Als die Plattenfirmen dem Bertelsmann Schallplattenring ebenfalls keine Lizenzen gewährten, gründete er die Ariola. Mit Künstlern wie Heintje, Udo Jürgens, Peter Alexander oder Robert Stolz wurde diese in kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten deutschen Plattenlabel.

Und so wie sich das Geschäft inhaltlich ausdehnte, verbreitete sich die Idee der Buchclubs auch geografisch. Zuerst – 1962 – in Spanien, sieben Jahre später auch jenseits des Atlantiks in Südamerika. 1970 wurde der französische Buchclub France Loisirs gegründet, der sich schnell zum größten Auslands-Club entwickelte.

Aufstieg Bertelsmann ist eine unternehmerische Erfolgsgeschichte

Der Aufstieg des Hauses Bertelsmann ist eine unternehmerische Erfolgsgeschichte, die ohne Frage in die Reihen der großen Börsenwerte hätte führen können. Aber Reinhard Mohn hat diesen Weg nie als zwangsläufig, als den einzig möglichen und schon gar nicht als den Königsweg betrachtet.

Schon Anfang der Neunziger Jahre hatte Mohn den Großteil seiner Anteile am Konzern an die 1977 gegründete Bertelsmann Stiftung übertragen. Auch dies war typisch für den Unternehmer Reinhard Mohn. Die Stiftung spiegelt seine Überzeugung wider, dass Eigentum im besten Sinne des Grundgesetzes verpflichtet. Und sie ist gleichzeitig frei von jeder politischen Programmatik.

Pragmatisch, nüchtern und rational traf er auch alle seine großen und grundlegenden Entscheidungen für das Unternehmen. Sein Wechsel vom Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsrat, als er die von ihm selbst für das Management auferlegte Altersgrenze von 60 Jahren erreichte. Sein Rückzug vom Aufsichtsratsvorsitz zehn Jahre später. Seine Arbeit in der Stiftung. Die Übertragung der Eigentumsanteile und Stimmrechte: Reinhard Mohn sah seinen Führungsanspruch nicht als Privileg. Er sah ihn als Verpflichtung gegenüber dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Und gegenüber der gesamten Gesellschaft.

Es ist die Bertelsmann Stiftung, die Mohns Ideen aus dem unternehmerischen Umfeld immer wieder ins Gesellschaftliche überträgt – als unabhängige Forschungseinrichtung und Reformwerkstatt. „Ich hoffe, dass die Technokraten irgendwann einmal begreifen, welche Kraft im Menschlichen liegt. Erfolg und Partnerschaft bedingen einander“, beschrieb Mohn die Zielsetzung dieser Arbeit.

Trotz des geordneten Rückzuges aus dem Alltagsgeschäft: Reinhard Mohn blieb bis zum Schluss ein Ideengeber. Ein unbequemer Frager. Und war immer wieder auf der Suche nach neuen Antworten. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern hat Mohn seine unternehmerischen Vorstellungen, das Konzept seines Führungsverhaltens und seiner Verantwortung gegenüber der Gesellschaft dargelegt. In letzter Zeit beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema geistige Orientierung. Ihn, der Organisationsstrukturen und Führungstechniken immer wieder erdacht und erprobt hatte, faszinierte zutiefst, wie andere Institutionen diese Aufgaben bewältigt haben.

Seine Inspirationsquellen kannten genau wie sein Denken keine Grenzen. Außenstehende konnten sich nicht selten des Eindrucks erwehren, Reinhard Mohn habe in anderen Dimensionen gedacht.

Bertelsmann war sein Leben

Aber wenn er auch mit 88 Jahren mittags noch in die Kantine der Konzernzentrale in Gütersloh kam, dann gehörte dies für ihn zu seinem Tagesablauf. Wer erlebte, wie er bis zuletzt bei seinen täglichen Gängen zwischen der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann AG jeden Mitarbeiter persönlich grüßte, auch mit den jungen Mitarbeitern scherzte und sprach, der spürte genau: Bertelsmann war sein Leben.

Für die Mitarbeiter war all dies die tägliche Erinnerung daran, dass bei Bertelsmann vieles grundlegend anders ist als in anderen Konzernen dieser Größe. Da war ein Mensch, der Vorbild sein wollte. Und der diese Haltung im Geiste der gemeinsamen Verantwortung und Partnerschaft auf unnachahmliche Weise verkörperte.

Reinhard Mohn war Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und zahlreicher anderer Auszeichnungen und Preise. Er war Ehrendoktor der Universität Münster und Ehrenmitglied des Club of Rome. Er wurde ausgezeichnet als Denker, als Stifter, als Bürger und als Gründer. Und 1998 als Unternehmer des Jahrhunderts.

(Redaktion)


 


 

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