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Interview

Reinhard Mohn - sein letztes Interview

Wie kaum ein anderer Unternehmer hat sich Reinhard Mohn mit den politischen und kulturellen Veränderungen der zurückliegenden Jahrzehnte auseinandergesetzt. Das nachfolgende Interview stammt vom Anfang dieses Jahres - das letzte, das er geführt hat.

Das Gespräch fand für den aktuellen Jahresbericht der Bertelsmann Stiftung statt. Reinhard Mohn befasste sich darin vor allem mit Beiträgen der Stiftung zum Dialog der Kulturen - als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander in der globalisierten Welt.

In Ihrer persönlichen wie beruflichen Entwicklung wurden Sie durch Ihre Erfahrungen, die Sie im Ausland gewonnen haben, entscheidend geprägt. Welche Rolle spielten Ihre Auslandserfahrungen bei der Stiftungsarbeit?

Reinhard Mohn: Wo Menschen sich begegnen, wo Menschen miteinander arbeiten und leben, muss die Frage nach gemeinsamen Werten gestellt werden. Wer wie ich auf unzähligen Reisen ein großes Spektrum menschlicher Sitten und Bräuche kennen lernen durfte, weiß um die enormen Impulse, die von der Begegnung mit der Fremde, mit den Erfahrungen eines anderen Kulturkreises ausgehen. Und er erfährt, dass es sehr wohl Werte gibt, die als universell zu betrachten sind, wie er auch zahlreichen Werten begegnet, die ihre Wurzeln eher in lokalen Gepflogenheiten haben. Um das eine vom anderen zu unterscheiden, gibt es nur ein Mittel: das Gespräch! Gerade die Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen öffnen uns den Blick für das breite Spektrum menschlicher Lebensweisen und Lebensformen, aber auch für die verbindenden Wurzeln der Humanität, wie sie sich in fast allen Kulturen finden lassen.

Frieden braucht Freiheit

Als junger Mann habe ich die furchtbaren Konsequenzen des II. Weltkrieges erleben müssen. Von daher stand und steht für mich die Frage nach den Möglichkeiten der Friedenssicherung in unserer Welt an oberster Stelle. Frieden braucht Freiheit, Frieden braucht aber auch engagierte Bürger, die bereit sind, sich für eine demokratische Kultur und ein friedliches Zusammenleben der Völker einzusetzen. Die geschichtliche Erfahrung, dass auch Macht und Gewalt auf Dauer die Ordnungen der Menschen nicht erhalten können, zeigt unverminderte Aktualität. Was also befähigt uns, die unaufhaltsamen Veränderungen in den Bereichen der Kultur und Politik, der Wirtschaft und der staatlichen Ordnungssysteme nicht nur zu erdulden, sondern als Chance zu begreifen, die Zukunft mit persönlicher Kraft und eigenständigem Handeln zu gestalten? Welche geistigen, gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen sind nötig, damit das gelingt?

In einer Demokratie , die die Fähigkeiten ihrer Bürger zur Entfaltung bringen soll, kommt den Politikern dabei die Aufgabe zu, neue Möglichkeiten anzuregen und zu steuern. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass die Einwirkung des Staates dabei sowohl förderlich als auch hinderlich sein kann. Zu viel Staat beschränkt die kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten seiner Bürger. Zu wenig Staat verhindert die gemeinschaftliche Ausrichtung einer Gesellschaft. Aus den Erfahrungen unseres Unternehmensaufbaus verstand ich auch die gesellschaftspolitische Steuerung eines Gemeinwesens als einen vielgestaltigen Prozess, dessen unablässige Veränderung und Weiterentwicklung die politische Führung zum Dialog mit kritischen Bürgern, kompetenten Persönlichkeiten, wissenschaftlichen, staatlichen und privaten Institutionen veranlassen sollte.

Im Interesse des Fortschritts, Leistungsvergleiche aller Länder sichtbar zu machen

Aus diesen Überlegungen heraus wurde die Bertelsmann Stiftung als operative, konzeptionell arbeitende Einrichtung geplant, die bei der Gestaltung und Durchführung ihrer Projekte nicht nur national, sondern auch international ausgerichtet ist. Wir brauchen den Vergleich, wir müssen überprüfen können, wer für welche gesellschaftliche Herausforderung die besten Modelle entwickelt. Auf vielen Arbeitsfeldern ist es der Bertelsmann Stiftung gelungen, mithilfe von Entwicklungs- und Leistungsvergleichen aus dem Ausland im Zuständigkeitsbereich des Staates erheblichen Reformbedarf aufzuzeigen und bahnbrechende Neuerungen durchzusetzen. Auch in Zukunft gehört es zu den vorrangigen Aufgaben der Stiftung, im Interesse des Fortschritts die Leistungsvergleiche aller Länder sichtbar zu machen und mittels der erzielten Ergebnisse den öffentlichen Dialog der demokratischen Systeme zu befördern.

Für mich persönlich hat sich in den Initiativen der Bertelsmann Stiftung jenes praktische demokratische Engagement bewiesen, von dem ich seit meiner Zeit im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Concordia geträumt hatte. Bürgernah und unmittelbar auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen des modernen Staates ausgerichtet, konnten die Stiftungsprojekte einen Weg erproben, unsere Demokratie effizienter und den Kapitalismus menschlicher zu machen.

Gibt es Auslandsreisen, mit denen Sie besondere Erfahrungen verbinden?

Reinhard Mohn:  Während meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung unternahm ich gemeinsam mit meiner Frau Liz zahllose Auslandsreisen, um sowohl beispielhafte Initiativen aus anderen Ländern für Deutschland als auch umgekehrt die in Deutschland durch die Stiftungsarbeit erprobten Modellprojekte für andere Länder nutzbar zu machen. Kern dieser Gespräche und Bemühungen war immer der Dialog über nationale Interessen und kulturelle Unterschiede hinweg. Oft löste das Engagement in einem Land das Interesse eines anderen Landes aus, und so fügten sich im Lauf der Jahre viele länderübergreifende Bausteine zusammen. Beispielsweise veranstalteten wir 1991 in Barcelona eine Tagung der Bertelsmann Stiftung, welche die internationale Zielsetzung unseres Hauses mit besonderem Schwerpunkt auf den Mittelmeerländern zum Thema hatte. Vor zahlreichen Politikern und Pressevertretern stellten wir die Tätigkeitsfelder der Stiftung vor und erläuterten Beispiele unseres Engagements im Bildungswesen.

Aufbau einer Journalistenschule in Israel

Exemplarisch dafür war der Aufbau einer Journalistenschule in Israel, die ich gemeinsam mit meinem Freund Teddy Kollek, dem damaligen Bürgermeister von Jerusalem, initiiert und konzeptionell entwickelt hatte. Am Ende der Tagung sprachen mich zwei Journalisten aus Ägypten an, die sich nach Möglichkeiten der Bildungsförderung in ihrem Heimatland erkundigen wollten. Diese Anfrage löste weitere Überlegungen zu einem Bildungsprojekt in Ägypten aus. In diesem Land mit seinen beeindruckenden historischen Bauten und seiner großen Geschichte herrschten außerhalb der Städte erschreckende Armut und minimale Fortbildungsmöglichkeiten.

Bei unserer Kontaktaufnahme mit der Frau des ägyptischen Präsidenten, Suzanne Mubarak, stellten wir eine hohe Übereinstimmung in Bildungsfragen fest und beschlossen schon in unserem ersten Gespräch, das Bibliothekswesen als exemplarisches Instrument der Bildungsförderung in Ägypten systematisch zu entwickeln. Für dieses Modell hatten wir in Deutschland mit der Neukonzeption von Stadtbibliotheken, auch in meiner Heimatstadt Gütersloh, wertvolle Erfahrungen gewonnen, die wir nun in Ägypten zur Anwendung bringen konnten. Unser Projekt zur Bildungsförderung in Ägypten zielte auf den Ausbau des Bibliotheksnetzes im ganzen Land, so wie die erforderliche Ausbildung von Bibliotheksleitern initiiert und systematisiert werden musste.

Geduld, Engagement und Freundschaften sind unentbehrliche Helfer

Alles in allem haben wir an diesem Projekt in erfreulicher Zusammenarbeit mit Frau Mubarak und dem ägyptischen Kultusministerium viele Jahre lang gearbeitet. Ich selbst bin mit meiner Frau Liz für dieses Bildungsprojekt sicherlich dreißigmal in Kairo gewesen. Bis heute denke ich gerne an unsere Arbeit in Ägypten und an unsere dortigen Freunde zurück. Wir erleben derzeit in Europa, wie schwierig es ist, Kulturen, die über Jahrtausende gewachsen sind, friedlich zu integrieren. Das Beispiel Ägypten ließ mich erkennen, dass Geduld, Engagement und Freundschaften unentbehrliche Helfer sind, wenn man Frieden und Fortschritt in unserer Welt weitertragen und sichern möchte. Mit der Region des Nahen Ostens bin ich auf vielfache Weise verbunden. Das gemeinsam mit dem Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek entwickelte Engagement in Israel hat bis heute zahlreiche Kooperationen der Stiftung mit Israel begründet. Im Jahr 2003 erhielten meine Frau und ich von der Regierung in Jerusalem den Teddy Kollek Award für unsere Bemühungen um das Land Israel. Ich habe diesen Preis, der den Namen meines alten Freundes trägt, mit besonderer Freude entgegengenommen.

Was können wir vom Ausland, was kann das Ausland von uns lernen?

Reinhard Mohn: Die Erfahrungen des Hauses Bertelsmann beim Aufbau internationaler Beziehungen und die Erfahrungen der Bertelsmann Stiftung auf dem Gebiet der internationalen Kooperation haben mich gelehrt, dass der unmittelbare Dialog und eine auf gemeinsame wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Ziele ausgerichtete Zusammenarbeit geeignet sind, Grenzen zu überwinden und kulturelle Verständigungsmöglichkeiten erfolgreich zu erproben. Eine besondere Rolle kommt hierbei der Entwicklung von Führungstechniken zu, die geeignet sind, die demokratischen Ordnungen im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu machen.

Der Dialog der Kulturen und das Bemühen um politische und wirtschaftliche Kooperationsformen darf nicht aus der diffusen Haltung einer vermeintlichen abendländischen Überlegenheit heraus gestaltet werden, sondern sollte sich aus der Offenheit und dem Respekt für andere Lebensformen und aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen begründen. Mit dem Carl Bertelsmann-Preis der Stiftung würdigen wir wegweisende Konzepte und nachahmenswerte Lösungen, die sich oft genug im Ausland finden lassen - wie etwa die Auszeichnung einer Schule in Toronto im Jahr 2008 für ihr vorbildliches Engagement bei der Integration und Bildungsförderung von Kindern und Jugendlichen aus Einwandererfamilien.

Wie wichtig ist der von Ihnen angesprochene Dialog der Kulturen für ein friedliches Zusammenleben, und wie kann die Stiftung diesen Dialog fördern?

Reinhard Mohn: Die Geschichte hat bewiesen, dass Macht und Gewalt auf Dauer die Ordnungen der Menschen nicht erhalten können. Unverzichtbar gehört dazu auch die geistige Orientierung. Die Werte und Regeln einer jeden Kultur entscheiden letzten Endes über ihre Existenz. Wer politische und gesellschaftliche Reformen einläuten will, sollte auch die Frage nach der geistigen Orientierung der Gesellschaft oder Staatengemeinschaft stellen.

Die unablässige Diskussion um kulturell verbindende Werte über nationale, religiöse und politische Grenzen hinweg muss zu unseren vordringlichsten Bemühungen gehören! Nur wenn die Menschen einer Gemeinschaft über gemeinsame Werte und Ziele verfügen, werden sie sich mit deren Weiterentwicklung identifizieren können und in persönlicher Motivation dafür einstehen. Und so arbeiten wir gleichermaßen mit Wissenschaftlern und Fachkräften aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Fachgebieten zusammen, die in engem Kontakt mit staatlichen und privaten Institutionen stehen. In über dreißig Jahren Stiftungsarbeit erwuchsen so Hunderte von Projekten, die in den Bereichen Wirtschaft und Politik, Staat und Verwaltung, Hochschule und Medien, Kultur und Medizin, Schul- und Bibliothekswesen exemplarische Modelle und gesellschaftspolitische Impulse vermitteln konnten. Unsere zahlreichen politischen Gesprächsforen, aber auch die internationalen Kulturdialoge sind herausragende Beispiele.

Welche Bausteine benötigen wir, um den gesellschaftlichen Fortschritt in einer globalisierten Welt zu sichern?

Reinhard Mohn: In der Zeit globaler Informations- und Handelsströme erwarten die Menschen überall auf der Welt Fortschritte in ihren persönlichen Lebensverhältnissen wie auch in der Weiterentwicklung ihrer Gesellschaftsordnung hin zu mehr Frieden und Gerechtigkeit. Es ist höchste Zeit, dass wir auf nationaler wie auf internationaler Ebene die verengende Perspektive einer Streitkultur hinter uns lassen und unseren Blick auf die Chancen eines gemeinsamen Menschenbildes richten. Das Wissen um die Bedeutung geistiger Orientierung ist dabei unerlässlich.

Dass es bis heute in den unterschiedlichen Kulturkreisen verschiedene Auffassungen der Menschenrechte gibt, sollte uns aber nicht daran hindern, den Blick in die Zukunft zu richten. Auf der ganzen Welt sind die Menschen an einer Verbesserung ihrer Lebensumstände interessiert. Wer das Ethos eines globalen Miteinanders ernst nimmt, muss sich zu seiner Verantwortung bekennen und partnerschaftliche Ordnungssysteme anstreben, die Menschlichkeit und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen. Während Macht- streben zu Unrecht und Kampf führt, kann die Verbindung von wirtschaftlicher Leistung und menschlich vorbildlicher Führung auf der ganzen Welt Menschen für sich gewinnen. Gewalt und Überheblichkeit sind dann keine Alternativen mehr.

Grundfragen nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit im Mittelpunkt der Stiftungsstrategie

Im globalen Wettbewerb wird sich zeigen, dass der westlich geprägte Kapitalismus nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Grundsätze der Menschlichkeit darin Beachtung finden. Die von mir bereits in den Siebzigerjahren angestoßenen Überlegungen führen uns heute mit den Veränderungen eines weltweiten Globalisierungsprozesses weit über Deutschland hinaus und fordern uns mit ihren Fragen nach einer gerechten Teilhabe und Integration in einer globalisierten Welt zur politischen Stellungnahme und zu aktivem Handeln auf.

Die aus den Stiftungsprojekten erwachsene Kontinuität des gesellschaftskritischen Dialogs mit kompetenten Kulturträgern, Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern und Politikern ist mir über Jahrzehnte ein Quell kritischer Reflexion geblieben. Bis heute stehen die Grundfragen nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit in den politischen und gesellschaftlichen Systemen dieser Welt im Mittelpunkt der Stiftungsstrategie.

Quelle: Bertelsmann Stiftung

(Redaktion)


 


 

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