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Diözesanmuseum Paderborn eröffnet große kunst- und kulturhistorische Ausstellung

Ein zeitloses aber zugleich höchst aktuelles Thema steht im Zentrum der neuen kunst- und kulturhistorischen Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn: die Nächstenliebe. Mit „CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart“ nimmt das Museum bis zum 13. Dezember 2015 die Geschichte der tätigen Nächstenliebe in den Blick und zeigt, wie sie sich in Kunst und Kultur der verschiedenen Epochen auf jeweils eigene Weise dargestellt hat. Es ist die erste umfassende Gesamtschau zu diesem bedeutenden Thema.

Rund 200 teils noch nie gezeigte, hochkarätige Leihgaben aus deutschen und europäischen Sammlungen und den USA zeichnen ein umfassendes Bild der verschiedenen Formen tätiger Nächstenliebe und ihrer Institutionalisierung bis in die unmittelbare Gegenwart. Dabei spannt sich der Bogen von antiken Sarkophagen und Zeugnissen früher Christen, Kostbarkeiten mittelalterlicher Buchmalerei und Schatzkunst über Gemälde bedeutender Künstler wie Raffael, Lucas Cranach d.Ä., Peter Paul Rubens, Eugène Delacroix, Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso und Käthe Kollwitz bis zu Foto- und Videoarbeiten von Vanessa Beecroft und Bill Viola. Zu den Leihgebern zählen etwa die British Library, der Louvre, das Metropolitan Museum, die Ungarische Nationalgalerie und die Vatikanischen Museen.

Die Ausstellung bietet jedoch nicht nur eine kulturhistorische Rückschau, sondern will auch zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart anregen. Sie stellt die Frage, wie heute in einer Zeit wirtschaftlicher Globalisierung , ungebremster Leistungssteigerung und zahlloser internationaler Krisenherde, die Vertreibung und Flucht mit sich bringen, Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Barmherzigkeit überhaupt noch gedacht und gelebt werden können.

Von der Antike bis zur Gegenwart

Zu Beginn der Ausstellung erwartet den Besucher ein zentrales Dokument der Christenheit, der kostbare Papyrus 46 aus der Chester Beatty Library in Dublin (175-225 n. Chr.). Es ist eine der ältesten Abschriften des berühmten Briefes, den der Apostel Paulus an die Korinther schrieb: „[…] Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe , diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor. 13,13). Die Liebe wird hier zur höchsten der christlichen Tugenden ernannt. Die frühen Christen waren der festen Überzeugung, dass alle Menschen, gleich welcher Herkunft, Kinder Gottes seien und somit einander lieben und einander helfen sollen. Konsequent erhoben sie dieses neue Menschenbild zur Maxime ihres Handelns. Ein Gedanke, der im Römischen Reich geradezu revolutionär war, dienten hier Wohltaten doch eher zur Untermauerung des Führungsanspruchs hochgestellter Persönlichkeiten, wie das kostbare Konsulardiptychon aus dem National Museum in Liverpool vor Augen führt (513).

Anschließend wendet sich die Schau der Institutionalisierung der Caritas in den Herrschaftsgebieten römischer Kaiser, mittelalterlicher Könige und Bischöfe sowie in den entstehenden Städten zu und zeigt die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Hungersnöten, Pest und Krieg. Die Vorstellung, dass jeder für seine guten Werke auf Erden im Himmel entlohnt würde, spielte eine wichtige Rolle und schlug sich künstlerisch u.a. in zahlreichen bildlichen Fassungen der „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ nieder. Mit dem prachtvollen elfenbeinernen und edelsteinverzierten Einband des Psalters der Königin Melisende aus der British Library ist eine der ältesten Darstellungen der „Werke der Barmherzigkeit“ zu sehen (1131-1143).

In der Zeit von Humanismus und Aufklärung seit dem 16. Jahrhundert änderte sich das Menschen- und Weltbild grundlegend: man suchte das Wirken Gottes in der Ordnung der Welt zu erkennen, diese in ihren Gesetzen sichtbar zu machen und zu erklären. An die Seite der Klöster trat zunehmend die institutionalisierte städtische bzw. frühstaatliche Fürsorge mit ihren Versorgungseinrichtungen. In dieser Zeit entsteht auch der Bildtypus der Caritas als liebende Mutter mit ihren Kindern, dem die Ausstellung eine eigene Abteilung widmet. Als einer der Höhepunkte kann das Museum eine einzigartige Altartafel von Raffael zeigen (1507), eine Leihgabe der Vatikanischen Museen.

Den Herausforderungen durch Massenverelendung im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden neuen Formen karitativer Hilfeleistung in staatlichen und kirchlichen Initiativen entgegengesetzt. Ein eigenes Kapitel stellt das Wirken karitativer Verbände, aber auch internationaler Hilfsorganisationen vor der Folie der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts dar. Auf eindringliche Weise wird diese Zeit in Werken illustriert wie dem Ölgemälde „Ausgabe der Morgensuppe“ von Norbert Goeneutte aus dem Musée d’Orsay in Paris (1880), den Radierungen von Käthe Kollwitz aus „Ein Weberaufstand“ (1893-1897) sowie die vom Schrecken der Schützengräben gekennzeichnete Interpretationen des „Barmherzigen Samariters“ von Ferdinand Hodler, Ernst Barlach und Erich Heckel.

Ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst verdeutlichen, dass Mensch- und Mitmenschlichkeit auch heute Thema künstlerischer Auseinandersetzungen sind. Die Videoarbeit „Observance“ von Bill Viola (2002) sowie die Fotoarbeiten „Sourround“ von Danica Dakić (2003/2008) und „South Sudan“ von Vanessa Beecroft (2006). In einer multimedialen Filminstallation begegnen die Besucher schließlich Menschen, die sich heute für andere einsetzen: etwa einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Welthungerhilfe, dem rappenden Altenpfleger Idref oder der Gründerin der Bielefelder Initiative für „Unbedacht Verstorbene“. Sie erzählen von den persönlichen Beweggründen ihres Handels und laden zum Nachdenken ein.

Das Begleitprogramm

Auch das umfassende Begleitprogramm setzt sich mit der Gegenwart auseinander. So liest der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Navid Kermani aus seinem Roman „Ungläubiges Staunen“, in dem er als Muslim einen Blick auf die Bildwelt des Christentums wirft (29.10.) und in der Podiumsdiskussion „Die Welt iSst nicht gerecht“, die gemeinsam mit der Welthungerhilfe durchgeführt wird, sprechen Experten wie Filmemacher Valentin Thurn über Nahrungsmittelverschwendung (16.10.). Die inklusive Autorengemeinschaft „(k)EIN Kommentar“ stellen ihre selbstverfassten Texte zur Ausstellung vor (20.9.) und Flüchtlinge von 1945 und von heute berichten, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen (26.11.).

Neben dem breiten Führungsangebot mit u.a. öffentlichen Führungen, Angeboten für Gruppen, Familien und Schulklassen werden auch besondere Programme für Menschen mit Behinderung angeboten. Führungen, eine Website sowie ein eigener Ausstellungskatalog in „Leichter Sprache“ ermöglichen Menschen mit kognitiver Einschränkung einen Zugang zum Thema. Für blinde und seheingeschränkte Besucher wurde ein Audioguide entwickelt und für Gehörlose werden Führungen in Gebärdensprache angeboten. In Kooperation mit dem Malteser Hilfsdienst Westfalen-Lippe wird Rollstuhlfahrern eine Unterstützung beim Ausstellungsbesuch angeboten. Gästen, die in ihrem eigenen Rollstuhl die Ausstellung sehen möchten, ermöglicht der Hilfsdienst einen Besuch der Hauptebenen. Einen kompletten Ausstellungsbesuch bieten die Malteser mit Hilfe eines Tragestuhls an (Vorbestellung unter: +49(0)5251-1251400 oder Bestellung vor Ort an der Kasse – mit Wartezeit).

Das Diözesanmuseum knüpft mit „CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart“ an die Reihe der erfolgreichen kunst- und kulturhistorischen Ausstellungsprojekte in Paderborn an: „799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit“ (1999), „Canossa 1077 – Erschütterung der Welt“ (2006), „Franziskus – Licht aus Assisi“ (2011/12) sowie „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ (2013).

(Redaktion)


 


 

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