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Modernisierungsschub "à la française"

Als die Franzosen den Frankfurtern heimleuchteten

Es ist der Neujahrstag 1759, als französische Truppen Frankfurt besetzen. Zuvor haben die Bürger noch schnell ihre Vorräte aus Angst vor Plünderungen in Sicherheit gebracht. Nachdem die Keller gefüllt sind, müssen auch ungewöhnliche Orte dafür herhalten: Die Apfelernte des vergangenen Jahres wird in den Kanonen der Stadt versteckt. Diese werden in absehbarer Zeit ohnehin nicht benötigt, denn die Übergabe der Stadt wird kampflos erfolgen.

Frankfurt wird französisch

Bereits seit 1756 währte die Auseinandersetzung zwischen Preußen und dem Reich, die später als der "Siebenjährige Krieg" in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Frankfurts Loyalität als Freie Reichsstadt galt selbstverständlich dem Kaiser, und so kam sie ihren militärischen Verpflichtungen ihm gegenüber auch nach - freilich ohne sich dabei durch übergroßen Enthusiasmus auszuzeichnen. Ein Großteil der Bevölkerung war nämlich preußisch gesinnt, weswegen die Franzosen als kaiserliche Verbündete schon länger erwogen hatten, sich der strategisch bedeutenden Stadt am Main lieber vorsorglich zu bemächtigen. Und so geschah es. In der Empörung über diese Annexion - und als nichts anderes empfand man diesen "Freundschaftsbesuch" - waren sich in Frankfurt alle vollkommen einig. Schließlich musste man nicht nur kostenlose Quartiere für die Soldaten bereitstellen: Nach der Schlacht bei Bergen vom 13. April 1759, in der die französischen Truppen die preußischen zurückschlugen, wurde Frankfurt zudem in ein riesiges Lazarett verwandelt - mit nicht unbeträchtlichen gesundheitlichen Folgen für die Einwohner.

Goethe lernt die französische Kultur kennen

Goethes Vater Johann Caspar, ein großer Bewunderer des Preußenkönigs Friedrich des Großen, traf die französische Besatzung ins Mark: Er musste für zwei Jahre einige Zimmer seines Hauses ausgerechnet für den ranghöchsten französischen Offizier räumen, den Stadtkommandanten Graf François de Thoranc. Der gebildete Offizier versuchte die Lebensgewohnheiten seines unfreiwilligen Gastgebers so weit wie möglich zu schonen, trotzdem kam es zu provokanten Auftritten Johann Caspar Goethes gegenüber dem Stadtkommandanten. Sohn Johann Wolfgang Goethe wusste die Kunstsinnigkeit Thorancs weit mehr zu schätzen, nachzulesen in "Dichtung und Wahrheit". Der Statthalter machte sich mit den einheimischen Malern bekannt, überließ ihnen ein Mansardenzimmer als Atelier und beauftragte sie mit Wandgemälden (insgesamt vierhundert!) für sein Schloss in Grasse, wo einige von ihnen heute noch hängen. Johann Wolfgang Goethe verdankte ihm außerdem die erste eindringliche Begegnung mit französischer Kultur. Durch die im Tross der Soldateska mitgereiste Schauspieltruppe lernte er die Tragödien von Corneille und Racine sowie die Komödien von Molière kennen.

Die Franzosen brachten die Hausnummern

mit Überhaupt hatte die bis zum Ende des Kriegs dauernde Okkupation für die Frankfurter nicht nur negative Auswirkungen - ganz im Gegenteil. Angeregt durch die oftmals deutlich weltläufigeren Besatzer wurde die städtische Infrastruktur enorm verbessert: So wurde etwa die Nummerierung der Häuser eingeführt. Frankfurts Häuser waren vorher nur durch ihre Namen zu unterscheiden gewesen. Bei gleichen oder ähnlichen Bezeichnungen hatte das häufig zu Verwechslungen geführt und die Zustellung der Post massiv behindert. Aus dem gleichen Grund wurden auch die Straßen beschildert. Vor der französischen Besetzung waren zudem nur wenige Hauptstraßen befestigt gewesen: Nun intensivierte man nun auch die Bepflasterung der Wege, die zuvor den überwiegenden Teil des Jahres bessere Schlammlöcher gewesen waren und ein Vorwärtskommen sehr erschwert hatten.

"Mehr Licht" für Goethes Frankfurt

Die wichtigste Neuerung war allerdings die Installation der ersten Stadtbeleuchtung in den Jahren 1761 und 1762. Rüböllampen wurden an einem Seil aufgehängt, das von zwei Masten zu beiden Seiten der Straße gehalten wurde. Diese Lampen spendeten ein aus heutiger Sicht spärliches Licht. Damals wurde es jedoch als ausgesprochen grell empfunden. Die bis 1783 in Frankfurt und Sachsenhausen aufgestellten 604 Laternen sorgten jedenfalls für einen starken Rückgang der Kriminalität, weil sie "lichtscheues Gesindel" vertrieben. Für die Wartung der Öllampen - also das An- und Ausmachen, Befüllen, Reinigen und Reparieren - waren städtische Lampenfüller zuständig. Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte liegt heute noch ein Kalender, der die Brenndauer der einzelnen Laternen exakt verzeichnet. Da die Straßenbeleuchtung eine teure Angelegenheit war, wurden dabei auch die Mondphasen berücksichtigt. Bei Vollmond etwa wurde kein künstliches Licht angezündet, auch wenn die Nacht wegen Nebel- oder Wolkenbildung so dunkel war, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Außerdem wurde flugs eine neue Steuer erhoben, das so genannte "Lichtergeld". Und als besonders drakonische Strafe für die mutwillige Zerstörung der Beleuchtungskörper wurde "Spießrutenlaufen" festgesetzt - eine Prügelstrafe mit oft tödlichem Ausgang.

"Kanonesteppel" (er)finden den Apfelwein

Doch wie ist die Sache mit den Äpfeln im Kanonenversteck ausgegangen? Nur wenige Monate, nachdem die Franzosen einmarschiert waren, wollten sie sich Frankfurts Geschütze zunutze machen und ordneten daher deren Reinigung an. Die Männer, die bei der Artillerie Dienst taten, nannte man am Main von jeher "Kanonesteppel". "Steppel" ist die mundartliche Bezeichnung für kleinwüchsige Personen, und Artilleriesoldaten waren meist von kleiner Statur. Als die Kanonesteppel also die Kanonen reinigen wollten, quoll ihnen aus den Rohren plötzlich der Saft der inzwischen gegorenen Früchte entgegen. Der Ebbelwoi war ein weiteres Mal erfunden! Silke Wustmann

Quelle: Stadt Frankfurt

(Redaktion)


 


 

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