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Jüdisches Museum

Ausstellung über Oscar Schindler - Interview mit CDU-Politiker Ernst Gerhardt

(bo/ddp-hes). Das Jüdische Museum in Frankfurt am Main zeigt ab Donnerstag eine Ausstellung über Oskar Schindler. Der Mann, der rund 1200 Juden das Leben rettete, lebte von 1957 bis zu seinem Tod 1974 weitgehend unbekannt in der Mainmetropole und wäre am 28. April 100 Jahre alt geworden. Zu den Gästen bei der Ausstellungseröffnung zählt auch Ernst Gerhardt, der Schindler persönlich kannte. ddp-Korrespondent Stefan Höhle sprach mit dem 86-Jährigen, der in den 60er Jahren Frankfurts CDU-Vorsitzender war.

ddp: Herr Gerhardt, die meisten Menschen kennen Oskar Schindler erst, seit sie Spielbergs «Schindlers Liste» gesehen haben. Das Schreibmaschinendokument bewahrte über 1000 Juden vor dem Tod, und Schindler verfasste es unter Einsatz seines Lebens. Was hat er nach dem Krieg seinen Freunden darüber erzählt?

Gerhardt: Alles - wenn wir es wissen wollten. Aber meistens mussten wir ihn danach fragen, er hat nie triumphiert oder Heldengeschichten erzählt. Vieles erfuhren wir auch von geretteten Juden, die ihn in Frankfurt besuchten.

ddp: Nach dem Krieg war Schindler nach Argentinien ausgewandert, ging dort aber mit einer Pelztierzucht Pleite. Während der Nazi-Zeit war er ein reicher Fabrikant. Wie waren seine Lebensumstände, als er ab 1957 wieder in Frankfurt wohnte?

Gerhardt: Er war stets knapp mit Geld und wohnte in einem Zimmer in der Bahnhofsgegend. Aber sein Lebensstil, sein Auftritt war immer weltläufig. Seine Leichtlebigkeit war wohl nicht jedermanns Sache, aber eigentlich machte sie ihn liebenswürdig.

ddp: Selbst in Frankfurt ging es seinerzeit provinzieller zu. Hat Schindlers schillernde Persönlichkeit da eigentlich hineingepasst?

Gerhardt: So oberprovinziell war es auch nicht. Immerhin hatten wir damals die Studentenbewegung, wovon ich als CDU-Magistratsabgeordneter ein Lied singen kann. Und obwohl Oskar Schindler ein ungewöhnlicher Mensch war, schwamm er zu allen Zeiten wie ein Fisch im Wasser. Wollte immer überleben.

ddp: In der NS-Zeit gelang ihm das so gut, dass er in seiner Position am Ende vielen das Leben retten konnte. Hatten manche Menschen ein schlechtes Gewissen, als sie ihm in Frankfurt begegneten? Schließlich hatte er Mut gezeigt, den andere nicht aufbrachten.

Gerhardt: Schindler war ein Spieler, das liegt nicht jedem. Wenn er von seinen Schwarzmarktgeschäften während der Nazi-Zeit erzählte, die ihm Geld für die Bestechung von SS-Leuten einbrachten, hatte das auch eine kriminelle Note. Und dann hat er sie noch alle unter den Tisch gesoffen.

ddp: Haben Sie ihn als einen Widerstandskämpfer gesehen?

Gerhardt: Nein, er sich selbst auch nicht. Schindler war kein politischer Mensch, auch nie mein Parteifreund. Aber er hatte eben Charakter. Bei all seinen Schwächen.

ddp: Auch gerade deswegen sollen ihn die Frauen geliebt haben.

Gerhardt: Das können Sie laut sagen. Wir sind mit Schindler damals auch mal um die Häuser gezogen, selbst wenn wir nicht so trinkfest waren wie er. Wenn ich mich recht entsinne, war er jedes Mal in anderer weiblicher Begleitung.

FAKTEN ZUR AUSSSTELLUNG:

ORT: Jüdisches Museum Frankfurt / Museum Judengasse, Kurt-Schumacher-Straße 10

DAUER: 24. April bis 31. August

ÖFFNUNGSZEITEN: dienstags bis sonntags von 10.00 bis 17.00 Uhr, mittwochs bis 20.00 Uhr

EINTRITT: vier Euro, ermäßigt zwei Euro

WEITERE INFOS: juedischesmuseum.de; E-Mail: [email protected], Telefon: 069-2977419

(rheinmain)


 


 

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