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Um die Wette denken

Beim ersten «Philosophy Slam» an der Universität Kassel ist spontaner Tiefsinn gefordert

(bo/ddp-hes). Angst vor einer Blamage hat Martin Böhnert nicht. «Jeder, der da teilnimmt, wird wohl ein bisschen extrovertiert sein», sagt der Student und schließt sich selbst nicht aus. Mut zur Selbstdarstellung braucht der 30-Jährige: An diesem Freitag (17. Oktober) stellt er sich beim ersten «Philosophy Slam» an der Kasseler Universität dem Wettstreit der Denker: Einen Abend lang soll um die Wette philosophiert werden. Den Gewinner bestimmt das Publikum.

Schon der Name der ungewöhnlichen Veranstaltung verweist auf das
Vorbild «Poetry Slam»: Vor mehr als 20 Jahren in den USA erfunden,
ist die kneipentaugliche Variante der Literaturlesung mittlerweile
auch hierzulande fest etabliert. Vornehmlich junge Poeten
präsentieren dabei in vorgegeben knapper Zeit ihre Werke und
versuchen, sich mit dem originellsten Inhalt und der besten
Performance gegen ihre Konkurrenten durchzusetzen und den meisten
Applaus einzuheimsen.

Als der Kasseler Philosophie-Dozent Dirk Stederoth auf die Idee
kam, nach diesem Prinzip einen philosophischen Schreibwettbewerb
auszurichten, fühlte er sich noch als Erfinder des «Philosophy Slam»
- bis er feststellen musste, dass Amerika auch hier schneller war: Im
Land des scheinbar unbegrenzten Einfallsreichtums wird an Schulen und
Universitäten schon seit Jahren über den Sinn des Lebens oder den
freien Willen geslammt. Sogar Kindergartenkinder können alljährlich
beim landesweiten «Kids Philosophy Slam» zu Fragen wie «Ist die
globale Erwärmung die größte Herausforderung für die Menschheit?»
ihre Gedanken einreichen oder dazu etwas malen.

Das wohl erste Experiment in Deutschland wurde im Sommer an der
Universität Augsburg gestartet - «mit großem Beifall», wie es heißt.
Eigentlich aber, sagt Stederoth mit einem Augenzwinkern, ist die Idee
ohnehin schon viel, viel älter. Rund 2400 Jahre nämlich: «Platons
'Symposion' ist so etwas wie ein früher Philosophy Slam», erklärt der
Hochschullehrer. «Man trifft sich zum Essen, hält reihum Vorträge
über den Eros, und am Ende gewinnt Sokrates.»

Der Kasseler «Philosophy Slam» aber ist trotzdem eine Premiere.
Nicht vorproduzierte Texte werden vorgetragen, sondern das Ergebnis
spontanen Nachdenkens: Die Teilnehmer erfahren die Aufgabe erst am
Abend selbst und haben dann 45 Minuten Zeit, um zu schreiben, was sie
später vorlesen werden. «Da ist der Professor gegenüber Erstsemestern
oder interessierten Laien nicht im Vorteil», glaubt Organisator
Stederoth. Sein Versprechen, eine «ganz einfache Frage» zu stellen,
beruhigt Teilnehmer Martin Böhnert freilich nicht. «Das ist am
schwersten», sagt der gelernte Krankenpfleger, der jetzt im siebten
Semester Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften studiert:
«Aber irgendwas wird sicher zustande kommen.»

Die geforderte Kreativität und Spontanität schreckt ihn nicht ab,
im Gegenteil: «Das wird sehr spannend», glaubt der Student. «Denn es
ist eine ganz andere Art und Weise, sich mit einem Thema
auseinanderzusetzen, als zu Hause am Schreibtisch, wenn ich unendlich
viel Zeit habe.» Und für akademische Profilierungsversuche sei der
«Philosophy Slam» sowieso der falsche Ort: «Ich glaube, es wird
keiner versuchen, einen trockenen, rein wissenschaftlichen Text zu
verfassen.»

Der Wettstreit der Denker soll in erster Linie Spaß machen - und
nebenbei vielleicht auch Werbung für die Philosophie sein. Stederoth
hofft darauf, dass Podium und Publikum nicht nur mit Lehrenden und
Studenten seines Fachs besetzt sein werden. Wie beim «Poetry Slam»
laute das Motto: raus aus dem Elfenbeinturm. Und wie beim
dichterischen Vorbild gibt es für die Teilnehmer, denen die Besucher
am Ende die meisten Punkte gegeben haben, auch etwas zu gewinnen. Was
genau, ist noch geheim. Als Zeremonienmeister kündigt Stederoth
jedoch nur «kleine Preise» an. «Es ist gut», erklärt der 40-Jährige
mit Galgenhumor, «wenn die Studierenden rechtzeitig sehen, dass sie
mit Philosophie kein Geld verdienen können.»

www.uni-kassel.de/philosophie

(rheinmain)


 


 

Philosophy Slam
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Kassel
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