22.03.2012  13:50 Uhr

Jeder ist Dichter
Brentano-Gesellschaft sammelt Werke von sechs- bis 107-jährigen Hobbylyrikern

Rhein-Main. (dapd-hes). Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des "Jahrbuchs für das neue Gedicht" zusammen - ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.

Die "Frankfurter Bibliothek" bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, "Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft", betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. "Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab."

Das Erzählgut des Volkes sei wichtig und sammelwürdig, zitiert der studierte Theologe den Namensgeber der Gesellschaft, Clemens Brentano. Von Hänsel-Hohenhausen betrachtet die "Frankfurter Bibliothek" als eine "Spiegelung der Volkskultur im Gedicht", einen "Querschnitt durch die Lebenswirklichkeit der Gegenwart" und daher als wichtiges authentisches Zeugnis für nachfolgende Generationen.

Am operativen Geschäft ist von Hänsel-Hohenhausen nicht beteiligt, das Lektorat und Korrektorat übernehmen vier Vollzeitkräfte. Sie sind damit beschäftigt, jährlich rund 10.000 Einsendungen zu sichten, gut die Hälfte davon wird abgedruckt. Ein Gedicht müsse nicht das Beste sein, sondern der Dichter sein Bestes geben, umreißt von Hänsel-Hohenhausen den Anspruch des Wettbewerbs.

Von der Raumpflegerin bis zum ehemaligen Staatsminister

Jeder Autor darf nur ein Gedicht im Jahr per Post oder online einreichen. Es muss in deutscher Sprache verfasst und darf nur 20 Zeilen lang sein. Werke, die die Höchstlänge überschreiten, werden von vornherein aussortiert, betont von Hänsel-Hohenhausen - außerdem Gedichte mit anstößigem, antisemitischem, sexistischem oder allgemein menschenverachtendem Inhalt. Der Name des Autors sollte angegeben werden, genauso wie der Geburtsjahrgang, "um das Gedicht besser verstehen und einordnen zu können".

Viele Menschen schrieben ihr Leben lang für die Schublade, "sie freuen sich, wenn sie ihren Namen gedruckt lesen", sagt von Hänsel-Hohenhausen. "Vom Sechs- bis 107-Jährigen und der Raumpflegerin bis zum ehemaligen Staatsminister - alle haben schon Gedichte eingesandt", freut sich der Begründer. "Wir geben noch unbekannten Autoren die Möglichkeit zu publizieren." Viele seien Wiederholungstäter und reichten im darauf folgenden Jahr wieder etwas ein. Zu gewinnen gibt es ein Stipendium für ein Autoren-Fernstudium an der von der Brentano-Gesellschaft betriebenen Cornelia-Goethe-Akademie.

"Das Licht" und "Das Währende" sind Themen 2013

In den Bänden zeigten sich "Verbreitung und Vielseitigkeit der lyrischen Ausdrucksformen, Kraft und Bedürfnis dichterischen Ausdrucks", schrieb von Hänsel-Hohnenhausen im Vorwort der ersten "Frankfurter Bibliothek" im Jahr 2000. Seitdem ist jedes Jahr eine Ausgabe erschienen. Neben allgemeinen Themen wie "Jahreszeiten" (Jahrbuch 2006) nimmt sich die Brentano-Gesellschaft auch konkreten Ereignissen wie dem 11. September (Jahrbuch 2005) an.

Für die "Frankfurter Bibliothek 2013" kann entweder ein Gedicht zu einem frei gewählten Thema eingereicht werden oder zu den Überbegriffen "Das Licht" und "Das Währende". "Vorgegebene Themen lösen Kreativitätsschübe aus", ist sich von Hänsel-Hohnenhausen sicher. Der Einsendeschluss ist 1. Oktober, der Band erscheint immer kurz vor Weihnachten und kostet den Angaben zufolge rund 140 Euro. Für Hänsel-Hohenhausen ist der Preis durch Papier- und Bindequalität gerechtfertigt. Es habe aber auch schon einzelne Beschwerden von Autoren gegeben. Gebraucht gibt es das Buch deutlich günstiger. Es kommt außerdem in die Deutsche Nationalbibliothek.

Von Hänsel-Hohenhausen hat mit den Abläufen nicht viel zu tun, er lebt in England und koordiniert die Geschäfte der Gesellschaft aus der Ferne. Am Telefon trägt er eines seiner Lieblingsgedichte der Ausgabe 2011 vor: "Das Segelbrot erkennst du leicht, weil's ausnahmslos in Wasser weicht, bevor es bald, gewichtsbedingt, als U-Brot auf den Boden sinkt." Er wolle das Gedicht nicht kommentieren, sondern wirken lassen, sagt er. Literatur solle das reale Leben reflektieren, betont von Markus Hänsel-Hohenhausen. "Jeder ist Dichter, davon profitiert unser Projekt."


 

(dapd-hes)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © pixelio.de Dorothea Jacob



 


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