15.03.2011  09:54 Uhr

Interview mit Christoph Brüning
Interview mit dem Rohstoffexperten und Fondsmanager Brüning über „Seltene Erden“

Rhein-Main. Christoph Brüning ist Gründer der Value Relations GmbH. Der Rohstoffexperte sitzt im Aufsichtsrat zahlreicher Unternehmen der Branche und veranstaltet verschiedene Rohstoffmessen.

Herr Brüning, der Begriff „Seltene Erden“ war noch vor nicht allzu langer Zeit vollkommen unbekannt. Mittlerweile findet man ihn regelmäßig in den breiten Publikumsmedien. Was genau sind bitte „Seltene Erden“?

Brüning: Erst einmal ist der Begriff irreführend. Diese Elemente sind nicht selten. In der Häufigkeit rangieren viele der insgesamt 17 Seltenerdmetalle, so der heute gebräuchliche Name, vor Gold oder auch Silber. Der Struktur nach sind es zudem Metalle. Selten sind hingegen Vorkommen, in denen die einzelnen Elemente auch in einer ökonomisch nutzbaren Häufung auftreten. Derzeit beherrscht China den Weltmarkt mit einem Produktionsanteil von mehr als 95% - und das obwohl maximal 70% der Vorkommen in China liegen.

Und warum interessiert sich auf einmal die breite Öffentlichkeit dafür?

Brüning: Grundsätzlich handelt es sich dabei um Technologiemetalle, die in vielen alltäglichen Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind. Ob das Neodym in Magneten oder Cer in Abgaskatalysatoren. Oft werden zwar nur sehr kleine Mengen benötigt, aber das besondere ist auch, dass einige Elemente nicht zu ersetzen sind. Bricht hier die Versorgung zusammen, dann können Massengüter wie Computerchips nicht mehr produziert werden. Daher ergibt sich auch die strategische Bedeutung der Metalle.

F: Wie kamen Sie zum Thema "Seltene Erden"?

Brüning: Auf einer Veranstaltung im Januar 2008 hatten zwei Aussteller einen "Prius" vor ihren Stand gestellt. Die Vorstände trugen alle Krawatten mit dem Periodensystem als Muster, da wurde ich sofort aufmerksam. Nach einem ausführlichen Gespräch habe ich verstanden das beide Firmen Seltene Erden explorieren und wofür diese eingesetzt werden. Ich hielt das für einen Zukunftsmarkt und habe dann detaillierter informiert, so ist auch dann die erste Studie zum Thema im März 2009 entstanden.

Würden Sie die seltenen Erden von ihrer politischen Bedeutung her mit dem Erdöl gleichsetzen?

Brüning: Es gibt hier schon Parallelen aber der große Unterschied ist das die SE noch ein sehr kleiner Markt ist und von einem Land kontrolliert wird. Die Folgen der Exportbeschränkungen und Ausfuhrsteuern haben lediglich die Preise der Endprodukte beeinflusst, einen Autofreien Sonntag haben wir nicht zu erwarten.

Sie sagen, ein Großteil der Vorkommen liegt auf chinesischem Boden. Gibt es anderorts keine Vorkommen, lohnt es sich nicht, die Vorkommen andernorts auszubeuten oder wurde einfach noch nicht mit der Erschließung begonnen?

Brüning: Doch diese Vorkommen gibt es schon. Vor der chinesischen Dominanz lag das Zentrum der weltweiten Produktion in den USA. Die Mountain Pass Mine wird derzeit von Molycorp wieder in Produktion gebracht. Mit dem Start dort ist 2012 zu rechnen. Schon Ende 2011 will Lynas in Australien das Mount Weld Projekt starten. Früher wurde auch in der ehemaligen Sowjetunion, exakt in Kirgistan, produziert. Diese Mine hat nun Stans Energy übernommen. Die wenigen Vorkommen in Europa sind noch weit von der Produktion entfernt. Tasman Metals entwickelt jedoch ein Vorkommen in Schweden, was sich durch die Nähe zu wichtigen Abnehmerländern wie Deutschland auszeichnet. 

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung im Bereich seltene Erden
ein? Was geschieht, wenn China die Märkte im Regen stehen lässt?

Brüning: Wir erwarten, dass China seine Ausfuhrquote für die zweite Jahreshälfte im Juni weiter senken wird. Dies hat zwei Effekte: Erstens werden die Preise weiter steigen und es werden weniger Industrieprodukte fertig gestellt und die Preise der Aktiengesellschaften sollten stabil bleiben oder steigen. Außerdem bleiben viele Technologien in den Schubladen, denn solange die Versorgung für SE nicht gesichert ist, wird kein Manager ein Projekt beginnen.

Kann der Hochtechnologiesektor auf Alternativen ausweichen?

Brüning: Nicht vollständig. Aber teilweise passiert das schon. So hat der PC-Hersteller Dell Inc. schon reagiert und verzichtet bei seinen neuen Produkten auf Tantal. Sicherlich arbeiten Ingenieure überall an günstigeren Alternativen, aber ein schneller Wechsel zu Alternativen ist nicht möglich. Ein Effekt ist aber zu erwarten, wenn der Markt für Seltene Erden nicht in absehbarer Zeit ausreichend bedient werden kann, dann werden sicher andere Märkte entstehen.

Können Anleger von der geschilderten Situation profitieren? Wenn ja, wie?

Brüning: Für uns stellt die Situation immer noch eine Chance dar, aber man muss hier die Spreu vom Weizen trennen. Nur die führenden und am weitesten fortgeschrittenen Unternehmen werden von der anstehenden Entwicklung profitieren. Aber auch auf einige der Nachzügler kann man noch setzen, doch sollte zumindest schon eine Ressourcenschätzung vorliegen. Die Trittbrettfahrer unter den Unternehmen, die jetzt aufspringen, sollte man jedoch meiden.

Gibt es im Markt der seltenen Erden einen großen Standardplayer, den man sich ins Depot legen kann, oder muss man auf kleinere Unternehmen ausweichen?

Brüning: Wir haben in unserem Buch den gesamten Sektor analysiert und sind zu dem Resultat gekommen, dass eine Handvoll Unternehmen überproportional von der Entwicklung profitieren werden. Hier sollte man auf die Unternehmen achten, die nahe an der Produktion sind und auf die Projekte, die einen hohen Anteil an den schweren Seltenerdelementen haben.

Weitere Informationen unter: http://www.financebooks.de


 

(Sebastian Dürnagel)

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