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Zwei Weltkriege und KZ-Haft überlebt

Der 103-jährige Österreicher Engleitner stellt auf Buchmesse Erinnerungen als Buch und Film vor

(bo/ddp-hes). Der Oberösterreicher Leopold Engleitner kann auf ein Leben zurückblicken, dass es einem die Sprache verschlägt. Er hat beide Weltkriege und drei Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt. Nun ist der einstige Kriegsdienstverweigerer 103 Jahre alt und stellte am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse seine Biografie und einen Dokumentarfilm vor. Und er erinnert sich: «Ich habe mir im KZ einen Koffer gekauft - weil ich immer an meine Heimreise glaubte.» Wegen eines Rückenleidens musste Engleitner zeitlebens gebeugt gehen, aber seine aufrechte Geisteshaltung demonstriert er bis heute.

Zu einer seiner wichtigsten Überzeugungen ist er nach dem Ersten
Weltkrieg gekommen, abgelegt hat er sie auch als 103-Jähriger nicht:
«Nie wieder Krieg!» Mit diesen Worten verteidigte sich Engleitner
immer wieder, der zeitlebens nie zu einer Waffe gegriffen hat, auch
1939 nicht, bevor er vor dem Linzer Landgericht wegen
Wehrkraftzersetzung angeklagt wurde. Großdeutschland, zu dem
Österreich damals gehörte, hatte gerade Polen überfallen. Der
Richter, glaubt Engleitner heute, habe ihm sogar Verständnis
entgegengebracht. «Sie haben das Verfahren eingestellt.» Doch zahlte
er dafür einen hohen Preis. Per «Schutzhaftbefehl» wurde er ins KZ
Buchenwald eingeliefert.

Der Vorwurf der Wehrkraftzersetzung hat dem Oberösterreicher nie
eingeleuchtet. Den Dienst an der Waffe habe er verweigert, weil das
dem fünften Gebot der Bibel widersprochen hätte. «Du sollst nicht
morden», lautet es in der Fassung Engleitners, der auf der Buchmesse
aus dem Rollstuhl heraus den Medien Rede und Antwort gibt. Den
Dokumentarfilm hat sein Biograf, der Österreicher Bernhard
Rammerstorfer gedreht. Das Buch «Ungebrochener Wille» erscheint
mittlerweile in dritter Auflage im Eigenverlag.

Engleitner und Rammerstorfer haben in den letzten zehn Jahren die
halbe Welt bereist, seine Lebensgeschichte hat der alte Mann
inzwischen Tausenden Schülern und Studenten erzählt. Zu seinem Leben
gehört, dass er 1932 aus der Kirche austrat und sich den
«Bibelforschern» anschloss - unter diesem Namen firmierten damals
noch die heutigen «Zeugen Jehovas». Dass diese Zugehörigkeit zu der
als Sekte geltenden religiösen Gruppierung bei vielen Zuhörern
Stirnrunzeln auslöst, weiß Engleitner. Aber er ist überzeugt, dass
ihm während der KZ-Zeit «nur das Bibelstudium» geholfen habe.

Nach Recherchen seines Biografen ist der 1905 in Strobl in der
Region Salzkammergut geborene und im nahen Bad Ischl aufgewachsene
Engleitner heute der älteste KZ-Überlebende weltweit. Ein Umstand,
der den Kriegsdienstverweigerer wenig interessiert. Die
zeitgenössische Aufarbeitung der NS-Gräuel bedeutet ihm mehr. «Sie
ist mir eine große Genugtuung», resümiert er.

Engleitner erinnert sich genau an die Nachkriegszeit in Österreich
in den 50er- und 60er-Jahren. «Viele haben ein schlechtes Gewissen
gehabt», sagt er. In den Augen seiner Mitmenschen war er ein
Widerstandskämpfer: «Sie haben uns wie Aussätzige behandelt, was uns
ehemalige KZ-Häftlinge sehr zu schaffen gemacht hat.» Die NS-Zeit war
bereits mehr als 60 Jahre vorbei, als Engleitner im Jahr 2007 mit dem
österreichischen Verdienstzeichen und dem deutschen Verdienstkreuz
ausgezeichnet wurde. «Wir alle haben uns damals für den Frieden
eingesetzt», sagt er stolz.

Zwischen seinen religiösen und politischen Beweggründen macht
Engleitner keinen Unterschied. In den von Rammerstorfer zutage
geförderten Gerichtsprotokollen der NS-Zeit wird der Bauernsohn als
«unpolitisch» beschrieben. Den Gegenbeweis tritt Engleitner auf der
Buchmesse an, indem er aus dem Vertrag von Saint Germain zitiert, in
dem 1919 der Republik Österreich die Wiedereinführung der Wehrpflicht
verboten wurde. «Das steht in Absatz fünf», sagt Engleitner. Und
fordert dann noch einmal aus seinem Rollstuhl: «Nie wieder Krieg!»

(Redaktion)


 


 

Leopold Engleitner
Buchmesse
Frankfurt am Main
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