Weitere Artikel
Eine Schau über «brutale Kreativität»

Der 70-jährige Jakob Eichner führt seit 15 Jahren durch das Rüdesheimer Foltermuseum

(bo/ddp-hes). Seit 15 Jahren macht Jakob Eichner diesen Job schon. Und noch immer schwingt in jedem seiner Worte Entrüstung mit. Der 70-Jährige führt Besucher durch das Mittelalterliche Foltermuseum in Rüdesheim und berichtet von grausamen, menschenverachtenden Foltermethoden aus vergangenen Jahrhunderten. «Die brutale Kreativität der Inquisitoren von damals macht mich heute noch wütend», sagt er. Aber Eichner will nicht nur von Vergangenem berichten, sondern auch aufklären. Denn in vielen Ländern sei Folter heutzutage noch immer gang und gäbe.

Eichner steht in einem schummrig ausgeleuchteten Kellergewölbe, es
ist kühl, die Luft ist feucht, es riecht muffig. An den Wänden hinter
dem 70-Jährigen reiht sich ein monströses Folterwerkzeug an das
andere. Hier der Nachbau einer Guillotine und einer Streckbank, dort
ein originaler «Befragungsstuhl» aus dem 17. Jahrhundert. Auf das mit
harten Holzspitzen bestückte Möbel wurden die vermeintlichen Sünder
oder Verbrecher im Mittelalter geschnallt, erzählt Eichner. «Nackt»,
fügt er hinzu. Wer nicht sagte, was der Inquisitor hören wollte, der
wurde einfach fester auf den Stuhl gedrückt - und verblutete.

Ihn fasziniere nicht das Leiden der Gefolterten, stellt Eichner
klar. Vielmehr sei es die Tatsache, dass Abertausende Menschen Opfer
einer brutalen Willkür wurden, sagt er. Denn im Mittelalter sei vor
allem im Namen der Kirche gefoltert worden: nach Ehebruch, wegen
gotteslästernder Bemerkungen oder allein, weil man am Sonntag nicht
immer in die Kirche ging. «Wer heute aus der Kirche austreten will,
der unterschreibt einmal hier und dort - und fertig», sagt der
Folter-Experte. Damals seien die Menschen zu Tode gequält worden.

Beim Foltern sei es nicht darum gegangen, jemanden schnell oder
gar schmerzlos zu töten. «Es ging um Demütigung, um Macht», sagt der
70-Jährige. «Man kann einen Körper bis zu zehn Zentimeter strecken,
bevor der Mensch stirbt», erläutert er. Für diese Prozedur hätten
sich die Scharfrichter und Inquisitoren viel Zeit gelassen.
Schließlich sollte bei der oft öffentlichen Folter auch ein
«Geständnis» oder ein «Widerruf» aus dem angeblichen Sünder
herausgepresst werden.

Bevor er sich für das Thema Folter vor knapp 15 Jahren zu
interessieren begann, war Eichner im mittleren Management tätig. Aus
gesundheitlichen Gründen ging er dann in den Ruhestand. Herzinfarkte
und eine Bypass-Operation liegen hinter ihm - doch wie 70 schaut er
beim besten Willen nicht aus. Eher wie Anfang 60. «Das ist die kalte
und feuchte Luft», sagt er lachend. Das privat geführte Museum ist in
einem ehemaligen Weinkeller untergebracht, gefoltert wurde hier
vermutlich nie jemand. So ernst und mitunter traurig das Thema des
Museums ist, verzweifeln dürfe man daran nicht, sagt Eichner.

Und doch fällt ihm dieser selbst verordnete Abstand zu den vielen
Gräuelwerkzeugen schwer - eben weil viele von ihnen auch heute noch
in abgewandelter Form verwendet werden. Mit der sogenannten Garotte
wird das Folteropfer schlichtweg erwürgt: Das Opfer sitzt auf dem
Stuhl, während die Metallschlaufe um seinen Hals immer enger gezogen
wird. Eine Abwandlung dieses Folterwerkzeugs sei noch in den 1970er
Jahren im faschistischen Franco-Spanien genutzt worden: Regimegegnern
wurde mit einer speziellen Garotte das Genick gebrochen, «während
sich viele Touristen an den Stränden den Bauch gebräunt haben», sagt
Eichner.

Das solle nun nicht moralinsauer klingen, betont der 70-Jährige.
Es sei nur so, dass «viele unserer Besucher sehr erstaunt sind, wenn
man ihnen erzählt, dass heute auch noch in einigen Ländern Europas
gefoltert wird». Nicht nur, aber auch deshalb würde Eichner gerne bei
der Menschenrechtsorganisation «Amnesty International» arbeiten. Aber
dafür sei er «einfach zu alt», sagt der Folter-Kenner. Deshalb bleibt
er im feucht-kühlen Gewölbekeller des Museums und informiert von dort
aus seine Besucher über die Gräuel der Folter.

(rheinmain)


 


 

Rüdesheim
Foltermuseum
Museum

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Rüdesheim" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: