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Trotz Lähmung tanzt Dergin Tokmak im Cirque du Soleil

(bo/ddp-hes). Dergin Tokmaks Beine sind viel zu dünn zum Tanzen. Den Schwung nimmt der Tänzer des weltbekannten Cirque du Soleil allein aus seinem starken Oberkörper und seinen muskulösen Armen.

Auf Krücken wirbelt er über die Bühne, seine langen Haare
wirbeln dabei umher, seine Füße schleifen über den Boden. Einmal geht er in den Handstand, eine halbe Minute lang. «Meine Arme sind auch meine Beine», sagt er nach der Probe hinter der Bühne. Denn seine Beine tragen ihn nicht. Als kleines Kind erkrankte Dergin Tokmak an Polio, Kinderlähmung. Seitdem kann er weder gehen noch stehen. Aber er tanzt. Für den vielleicht berühmtesten Zirkus der Welt.

Tokmaks gut fünfminütige Solo-Nummer gehört zu den
eindruckvollsten Passagen der Show «Varekai», die der Cirque du
Soleil ab Donnerstag (17. Juni) in Frankfurt am Main als letzter
Station in Deutschland zeigt. Dergin Tokmak ist auch der einzige
Deutsche unter den insgesamt rund 1200 Artisten des Zirkusses aus dem kanadischen Montreal - und der einzige, der im Rollstuhl sitzt. Seit
2004 gehört er zum weltweit spielenden Ensemble.

Der 36-Jährige erinnert sich, wie er daheim in Augsburg den Anruf
vom Cirque du Soleil erhielt: «Da war ich erst einmal ein paar
Minuten still. Per Post kamen dann vier Seiten mit genauen
Anforderungen. Etwa, was meine Körpergröße betrifft oder meine
Muskulatur. Und ich dachte: Hey, macht mal halblang, wie viele Leute
auf der Welt können denn auf Krücken tanzen?» Er habe dann einfach
ein Video von sich mit einem Lebenslauf nach Kanada geschickt. «Zwei
Wochen später kam das Ticket nach Montreal.» In einem
Intensiv-Workshop lernte er über Choreografie, Akrobatik und
Schauspielerei.

Bis dahin hatte sich Dergin Tokmak alles selbst beigebracht. Das
Kind türkischer Zuwanderer erkrankte mit einem Jahr an Poliomyelitis.
Als Junge verbrachte er sehr viel Zeit in Krankenhäusern - und
begeisterte sich für Breakdance. Mangels Beinmuskulatur tanzte er nur
auf dem Boden, bis er den Film «Breakin'» sah. «Darin gab es einen,
den nannten sie 'Handyman', der war ebenfalls gelähmt und tanzte auf
Krücken», berichtet Tokmak fast 25 Jahre danach. «Handyman» brachte
ihn auf die Idee, es ihm nachzumachen.

Seine Eltern, sagt Tokmak, hätten versucht, ihm das Tanzen
auszureden: «Ich sei ein Träumer, sagten sie. Von ihnen hab' ich
wenig Unterstützung bekommen.» Er erlernte einen ordentlichen Beruf,
Technischer Zeichner, und machte weiter mit dem Tanzen, probierte
Bewegungen aus, erdachte Choreografien. «Ich entwickelte einen
eigenen Stil.»

«Varekai» ist die Geschichte von Ikarus - einer Figur aus der
griechischen Mythologie -, der nach seinem Absturz vom Himmel in
einer fantastischen Welt voll seltsamer Geschöpfe landet. Tokmak
spielt einen hinkenden Engel, der Ikarus den Glauben an seine
Fähigkeiten zurückgibt. Sein Auftritt ist an zentraler Stelle. Als
der Cirque du Soleil mit «Varekai» in München gastierte, sahen Dergin
Tokmaks Eltern zu. «Sie waren begeistert», sagt der Sohn, und seine
braunen Augen leuchten.

Er sei ja ein Träumer gewesen, sagt Tokmak. Diesen Traum habe er
sich erfüllt: Tänzer beim Cirque du Soleil, reizvoller sei da nur,
etwas Eigenes aufzubauen, sagt er. «Ich hatte aber auch den Ehrgeiz
zu sehen, was ich aus meinem Körper rausholen kann. Ich wollte das
mit der Lähmung nicht auf mir sitzen lassen und mir mein Leben schön
gestalten.»

(Der Cique du Soleil gastiert bis 18. Juli in Frankfurt am Main)

(ddp-Korrespondent Ulrich Breitbach)


 


 

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