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Lehman-Pleite

Die Bankenkrise in den USA gibt Anlass für Expertenstreit

(bo/ddp.djn). Finanzexperten und Politiker sind sich in der Bewertung des jüngsten Höhepunkts der Finanzkrise in den USA nicht einig. Der Bankenexperte Wolfgang Gerke sagte am Dienstag, er rechne nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers mit einem baldigen Ende der Turbulenzen. Der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, rief zu Gelassenheit auf.

Dagegen sah der Leiter des Center for Financial Studies, Jan
Pieter Krahnen, auch deutsche und europäische Geldinstitute in
Gefahr. Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel sah den Bundeshaushalt
in Gefahr.

Gerke sagte, der schlimmste Teil der Krise sei vorbei. «Ich war
einer der ersten, die das Ausmaß der Krise vorhergesehen und davor
gewarnt haben, dass sie auch auf die Realwirtschaft durchschlagen
wird. Jetzt aber sage ich - vielleicht auch wieder als einer der
ersten - dass es Anlass für die Hoffnung gibt, dass wir dem Ende der
Krise entgegensteuern», sagte er. Die US-Regierung habe es abgelehnt,
Lehman Brothers zur Seite zu springen, und so gezeigt, dass die
Banken sich nicht auf eine staatliche Rettung verlassen können. Es
sei richtig, dass die Europäische Zentralbank Geld in den Markt
pumpe, um diesen zu beruhigen. «Man muss es nur rechtzeitig wieder
herausziehen», mahnte der Experte. Schließlich sei die US-Notenbank
nicht unschuldig an der Krise. «Sie hat zu viel Geld in den Markt
geschleust», sagte Gerke. Die Krise werde auch Gewinner
hervorbringen. Banken wie Goldman Sachs oder die Bank of America, die
sich vergleichsweise wenig am Markt für zweitklassige
Immobilienkredite engagiert hätten, seien nun in der Lage, diese
Kredite günstig aufzukaufen.

Straubhaar sagte, in Deutschland müsse keine Panik ausbrechen.
«Wenn der Dax um vier Prozent abstürzt, heißt das noch lange nicht,
dass die deutsche Konjunktur in gleichem Maße betroffen sein wird»,
sagte er. «Diese neue Welle der Finanzkrise wird hierzulande
allenfalls geringe Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben.
Wachstumsprognosen werden maximal um einige wenige Prozentpunkte nach
unten zu revidieren sein.» Dem Ökonom zufolge ist Deutschland gut
gegen Krisen gerüstet. «Wir werden diese Rezession deutlich weniger
zu spüren kriegen als alle anderen US-Rezessionen aus der
Nachkriegszeit, weil wir besser als je zuvor für diese
Herausforderung gerüstet sind», sagte Straubhaar. Deutschland habe
begonnen, den Staatshaushalt zu sanieren und wichtige
Strukturreformen am Arbeitsmarkt vorgenommen.

Krahnen sagte, zwar habe sich die direkte Ansteckungsgefahr für
deutsche Banken durch Lehman Brothers' Insolvenzantrag nicht erhöht.
Sehr groß sei aber das indirekte Ansteckungsrisiko über den Markt für
Kreditderivate, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), auf dem auch
der angeschlagene US-Versicherer AIG und Lehman Brothers tätig seien.
«Wenn das Vertrauen in den CDS-Markt erschüttert ist, wird das auch
für die europäischen und deutschen Banken sehr unangenehme Folgen
haben», sagte Krahnen. Auch die Aufsichtsbehörden seien mit den sehr
komplexen Kreditderivaten überfordert gewesen. «Diese
Undurchschaubarkeit war von manchen Banken durchaus gewollt», sagte
Krahnen. «Es ging oft auch darum, Risiken an Parteien zu verschieben,
deren Risikomanagement weniger gut war.»

Scheel warnte vor milliardenschwere Haushaltsrisiken für den Bund.
Die Auswirkungen der Börsenturbulenzen vom Montag könnten sich bis
2012 für den Bund auf zehn Milliarden Euro bis 2012 belaufen, sagte
sie.

(rheinmain)


 


 

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