Weitere Artikel
Museum für Kommunikation

Ein Turm aus dreizehn Millionen Steuererklärungen

Ein Streifzug durch die Welt des Formulars. "Am Anfang war - DAS FORMULAR" nennt sich eine Ausstellung im Museum für Kommunikation, die am 17. September eröffnet wird. Sie belegt, dass die Menschen seit Jahrtausenden offizielles wie privates Geschehen ordentlich festhielten, auf Stein, in Ton, als Knoten und auf Papier. Die meist gebrauchten Formulare von heute sind Vordrucke für Steuererklärungen.

Eine sehr interessante Erkenntnis gewinnt man in dieser Ausstellung: Die Bürokratie ist so alt wie die Menschheit. Oder doch fast so alt. Zwar weiß man nicht, ob schon steinzeitliche Jäger die Zahl ihrer erlegten Mammuts durch Ritzungen in Felswände katalogisierten, aber in einer der ältesten Zivilisationen ging’s bereits los. So gruben in Mesopotamien Archäologen fünftausend Jahre alte Tontäfelchen aus, die sie als Listen mit Stückzahlen von Nahrungsmitteln entzifferten. Drei Eintragungen weist zum Beispiel eines dieser tönernen, frühen "Formulare" aus der Zeit um 3200 v.Chr. auf, das aus Uruk im alten Zweistromland stammt, eines für "Bier", eines für "Schaf", ein drittes Zeichen blieb bislang unenträtselt, möglicherweise hat sich damit der einst zuständige Beamte verewigt.

5000 Jahre standardisierte Kommunikation

"Am Anfang war - DAS FORMULAR" nennt Kurator Benedikt Burkard folgerichtig die auf seiner Idee basierende Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation (18. September bis 16. November). Wie wahr! Beispiele für "5000 Jahre standardisierte Kommunikation" hat er in großer Zahl gefunden. Geknickte Wände aus zerknülltem, grauem Einwickelpapier - Schrenzpapier lautet der Fachausdruck dafür - bilden den Hintergrund für einen ebenso informativen wie amüsanten Streifzug durch die Welt des Formulars von einst bis heute. Auf der rechten Seite beginnt der historische Teil mit den beiden kleinen, sumerischen Tontafeln, gefolgt von einem "Quipu" aus dem Inkareich in Alt-Peru im 14. bis 15. Jahrhun-dert. Ein Quipu, in der Inkasprache "Knoten", besteht aus Fäden mit unterschied-lichen Knoten. Sie waren ein wichtiges Herrschaftsinstrument im alten Inkareich, das keine Schrift kannte, aber auf dieses Weise Informationen festhielt, wie etwa die Ernteabgaben unterworfener Völker. Bei den Römern wurde die Sache schon perfekter.

Bürgerrechtsurkunden umfassen bereits neben Namen, Dienstgrad und Titel eines Empfängers auch familiäre Angaben wie die Zahl seiner Kinder. Die Urkunde, auf der zudem der kaiserliche Erlass und die Bestätigung der offiziellen Überprüfung des Textes zu lesen sind, konnte sich der frisch gebackene römische Bürger dann als Metallplatte um den Hals hängen. Filmausschnitte aus "Asterix in Rom" geben dabei einen vergnüglichen Einblick ins Bürokratentum des untergegangenen Weltreichs.

Ein Versprechen von Ordnung

Wer bisher glaubte, Johannes Gutenberg, der Erfinder des Druckens mit beweglichen Lettern, habe zunächst mal eine Bibel gedruckt, liegt falsch. Als erstes Verkaufsprodukt stellte der Mainzer ums Jahr 1450 nämlich ein Formular für einen Ablassbrief her. Eine praktische Sache, denn in das Papier musste nur noch handschriftlich der Name des Begünstigten eingefügt werden, der sich für eine bestimmte Geldsumme die Vergebung seiner Sünden erkaufen konnte. Was charakterisiert überhaupt ein Formular? "Ein Formular ist ein Gerüst für Mitteilungen, die aus konstanten Informationen und aus variablen Informationen bestehen. Formulare sind das Versprechen von Ordnung in einer komplizierten Welt", sagt Benedikt Burkard. Manchmal machen sie die Welt vielleicht auch etwas komplizierter. Tatsache aber ist, dass ihr Siegeszug durch die Jahrhunderte nicht mehr zu stoppen war. Formulare sind, so heißt es, "ein Spiegelbild der Institutionen und der Gesellschaft, die sie hervorbringen". Während früher nur Beamte Formulare ausfüllten, dürfen es die Bürger erst seit etwa fünfzig Jahren selbst tun.

In einem einzigen Finanzamt zählte man 1735 Vordrucke

Hübsche Beispiele für allerlei Auflistungen und Vorgedrucktes finden sich im historischen Teil der Schau: erste Scheckformulare, Quittungen, Muster für Schulzeugnisse, Lieferscheine und sogar ein Schema zum Einzeichnen von Stickmustern aus dem 16. Jahrhundert. Aufschlussreich eine Rechnung des Gasthofs "Schwarzer Adler" im heute polnischen Oppeln von 1840, die genau unterscheidet zwischen der Verpflegung der "Herrschaft", der "Domestiken" und der Pferde. Im zweiten Teil der Ausstellung trifft man auf Bekanntes und Gegenwärtiges und all die Dinge, mit denen wir nicht wenig Zeit verbringen. Mit der Steuererklärung zum Beispiel. Die ist das wahrscheinlich häufigste Formular in Deutschland. Ein eingangs errichteter zwei Meter hoher "Turm" führt das bildhaft vor Augen, er besteht aus dreizehn Millionen Formularen für die Einkommenssteuererklärung, die von ebenso vielen Menschen jedes Jahr ausgefüllt werden müssen. Ohnehin gibt es bei der Finanzverwaltung die meisten Vordrucke, im Jahr 1978 wurden in einem einzigen Finanzamt 1735 verschiedene gezählt.

Schlaglicht auf das Schicksal einer jüdischen Familie

Neben all den sachlichen Anträgen, Plänen und Protokollen lässt sich aber auch sehen, wie Formulare eine ganze - furchtbare - Geschichte erzählen können. So zeigen Dokumente auf einer Wand schlaglichtartig das Leben einer jüdischen Familie im 20. Jahrhundert. Sie begleiten den 1915 in Berlin geborenen Hugo-Kurt Chotzen und seine Eltern über mehrere Stationen bis zur Deportation in ein Vernichtungslager der Nationalsozialisten.

Quelle: Stadt Frankfurt

(rheinmain)


 


 

Museum für Kommunikation
Am Anfang war - DAS FORMULAR
Ausstellung
Museum
Formular
Papier
Frankfurt a

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Museum für Kommunikation" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: