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Annemarie Roelofs

Eine Expertin der Improvisation

Wenn man Jazz leben könnte, wäre Annemarie Roelofs ein gutes Beispiel. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bewegt die Professorin ihre Studenten, als Ehrenvorsitzende sorgt sie im Frauenmusikbüro für Rhythmus. Ein Porträt über eine Holländerin, die in Frankfurt ihre zweite Heimat gefunden hat.

(bo/pia) Annemarie Roelofs ist ein Improvisationstalent. Als die Musikprofessorin gebeten wird, bei einer Beerdigung mit einer New-Orleans-Jazzcombo aufzutreten, zögert sie nicht lange. Mit ihren Studenten probt sie alte Dixieland-Klassiker und steckt dann die jungen Musiker in schwarze Trauerkleidung. Zwei Tage später marschiert das Ensemble auf dem Friedhof auf. Die Verstorbene hat keiner der Musiker gekannt, ihren letzten Wunsch erfüllen alle, manche trotz Erkältung. Swing low sweet chariot, coming for to carry me home.

Herausforderung Hochschule

Seit 2002 arbeitet Annemarie Roelofs an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Als Professorin für Ensemblespiel, Jazz und Pop bringt sie ihren Studenten bei, was es heißt zu improvisieren. Auch in Situationen wie der Beerdigung, vor allem aber im gemeinsamen Spiel, wenn etwa die Blockflöte mit dem Piano harmonieren und eine Melodie ohne Lehrbuch geschrieben werden soll. Für Annemarie Roelofs eine Herausforderung: "Die Arbeit an der Hochschule bringt völlig neue Aspekte meines Musikerdaseins zum Vorschein. Ich muss mich fragen: Was möchte ich den jungen Menschen beibringen?" Das Repertoire an Wissen, auf das die gebürtige Holländerin zurückgreifen kann, ist jedenfalls riesig. Mit fünf Jahren hat Annemarie Roelofs ihr erstes Musikinstrument in die Hand genommen. Die Geige war die Empfehlung der Klavierlehrerin ihrer Mutter, die dem Mädchen ein überdurchschnittlich gutes Gehör bestätigte.

Mit der Posaune ins „Cabaret“

Annemarie Roelofs beginnt in den siebziger Jahren ein Geige- und Posaune-Studium an der Sweelinck-Musikhochschule und wird schon in dieser Zeit Teil der Amsterdamer Free-Jazz-Szene. Genau wie ihre Studenten heute lernt sie in Workshops und Jam-Sessions das, was im Jazz den Ton angibt: die musikalische Improvisation. Die Melodien, die im Spiel der jungen Frau entstehen, klingen bald bis nach Deutschland. 1979 erhält die Posaune spielende Roelofs eine Einladung ins damalige West-Berlin zum Musical "Cabaret". Denn Besetzungsprobleme bei den Rollen der musizierenden Damen auf der Bühne hatte der Direktor nicht bei Klavier und Saxophon, erinnert sich die Musikprofessorin: "Aber Jazzposaune konnte damals noch keine Frau in Deutschland." Vier Monate spielte die damals 24-Jährige im "Theater des Westens" - und blieb insgesamt zwei Jahre in Berlin. Unter anderem schreibt sie Musik für das Kinder- und Jugendtheater "Rote Grütze", das, angestoßen durch die politisch-emanzipatorische Bewegung, das Genre des sozial engagierten Kindertheaters maßgeblich prägt. Sich selbst sieht Annemarie Roelofs nie als sonderlich politisch: "Eine Posaune spielende Frau an sich war Politikum genug." Sicherlich auch ihre Entscheidung, mit lauter Musik durch die Clubs zu ziehen und nicht an Familiengründung zu denken. "Vielleicht hätte man damals doch deutlicher kommunizieren sollen, dass es für Frauen mit Kind kaum Möglichkeiten gab, als Musikerin spät nachts zu arbeiten und auf Tournee zu gehen", sagt Roelofs heute.

Von Frankfurter „Gewusel“ überzeugt

 Anfang der 80er Jahre startet sie mit Engagements in Frankfurt, unter anderem in der "Paul Abrazzo Oper", am Schauspiel Frankfurt und beim "schlicksupp teatertrupp". Erster Anlaufpunkt am Main ist die "Batschkapp", in der sie mit einer Jazz-Rockband auftritt. Das "Gewusel" in der Mainmetropole gefällt Roelofs: "Die Stimmung war eine völlig andere als im geteilten Berlin der damaligen Zeit. Frankfurt war zwar kleiner, aber wesentlich offener." Mit der Schauspielerin Cornelia Niemann arbeitet die gebürtige Holländerin in den folgenden Jahrzehnten an verschiedenen gemeinsamen Kabarettproduktionen, komponiert, arrangiert, spielt oder leitet Bühnenmusik im Staatstheater Kassel und Wiesbaden, ist mit ihren eigenen Bands, der "Feminist Improving Group" und "Canaille" zu Gast auf Festivals und Konzerten in Europa und Amerika.

Studentinnen im Bandfieber

Nicht immer reicht Improvisationstalent allein. Um musizierende Frauen zu vernetzen, ist das Frankfurter Frauenmusikbüro eine wichtige Institution, und es ist auch eine Anlaufstelle für Veranstalter. Annemarie Roelofs geht dort ein und aus, schon seit den 90ern. 2007 ruft sie mit ihren Mitstreiterinnen das Projekt "Bandfieber" ins Leben: Dabei geben Studentinnen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst jungen Schülerinnen Bandunterricht. "Das bringt allen Beteiligten etwas. Den Studentinnen, weil sie Erfahrung im Unterrichten sammeln, und den Schülerinnen, weil sie ein weibliches Vorbild sehen", sagt die Expertin. Fünf Combos hat das Projekt schon hervorgebracht - und es sollen noch mehr werden. Roelofs selbst, mittlerweile Ehrenvorsitzende des Frauenmusikbüros, zieht sich zwar allmählich zurück, doch zusammen mit Kollegin Antje Köhn geht "Bandfieber" in weitere Runden. Das Engagement des Frauenmusikbüros - für Annemarie Roelofs auch ein Spiegelbild Frankfurts: "Hier ist so viel möglich, die Stadt ist multikulturell, die Menschen sind engagiert." Manchmal genügt der Main dennoch nicht. An solchen Tagen, an denen das Rauschen des holländischen Meeres zu sehr fehlt, isst die 54-Jährige einen Salzhering am Frankfurter Hauptbahnhof. Denn Annemarie Roelofs ist ein Improvisationstalent.

Quelle: Stadt Frankfurt

(Redaktion)


 


 

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