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Jüdisches Museum

Eine Reise mit Rückfahrschein

Am 17. September eröffnet im Jüdischen Museum die Ausstellung "Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland". Sie dokumentiert ein spannendes Kapitel nicht nur der Frankfurter Geistesgeschichte. Im Mittelpunkt der Schau steht die Zeit von der Emigration bis in die sechziger Jahre.

Es war, zunächst, eine Reise mit Rückfahrschein. So hatte Horkheimer die amerikanische Staatsbürgerschaft im Gepäck, als er 1948 wieder deutschen Boden betrat. Bei Adorno wiederum, der gut ein Jahr später kam, kann "die Angst, keinen anderen Pass als den deutschen zu haben, gar nicht groß genug veranschlagt werden", wie sein Biograph Detlev Claussen schreibt. Beide waren sich zunächst nicht sicher, ob und wie lange sie bleiben würden.

Ein spannendes Kapitel der Geistesgeschichte

Was Horkheimer und Adorno dennoch bewog, nach Jahren des Exils in Frankfurt wieder heimisch zu werden, wie man sie hier empfing und warum und auf welchem Wege das von ihnen geführte Institut für Sozialforschung zur weltberühmten "Frankfurter Schule" avancieren konnte - davon erzählt die Ausstellung "Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland", die am 17. September im Jüdischen Museum Frankfurt eröffnet wird. Im Zentrum steht die Zeit von der Emigration bis in die Mitte der sechziger Jahre, jene Epoche also, in der Adenauer, der Kalte Krieg, Westbindung und Wiederbewaffnung das politische Klima der jungen Bundesrepublik prägten, in der sich aber auch jüdische Gemeinden neu gründeten und die Deutschen mit Hilfe von Entnazifizierungs- und Reeducation-Programmen zu Demokraten umgeschult werden sollten. Die maßgeblich von Adorno und Horkheimer entwickelte Kritische Theorie galt noch als rein akademische Disziplin und nicht als Aufruf zur Revolte, und ’68 war damals keine Chiffre, sondern ein künftiges Kalenderjahr.

Komplexe Motivlage

Die treibende Kraft für die Rückkehr sei Max Horkheimer gewesen, ist Eric Riedel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jüdischen Museum, überzeugt. Gleichwohl war die "Motivlage komplex". Pragmatische Erwägungen, der Wunsch nach "Sekurität", wie Adorno es nannte, am liebsten in Gestalt einer verbeamteten Professoren-Existenz, spielten ebenso hinein wie moralische Motive: "Unsere Arbeit für die Vereinigten Staaten und den Frieden wäre in Europa viel wirkungsvoller als in den USA selbst. Dort gibt es Menschen, die uns brauchen...", schrieb Horkheimer 1948 an seinen Freund Friedrich Pollock. Nach dem Tode des Tyrannen kehren die Exilierten selbstverständlich zurück, lautete hingegen Adornos vereinfachende Erkläru ng. Doch gerade ihm bedeutete die Rückkehr in die Stadt seiner Kindheit gewiss weit mehr.

Frankfurt setzte auf die Internationalisierung seines Geisteslebens

Andererseits dürfte sich Frankfurt als Standort für das 1923 gegründete Institut für Sozialforschung, das 1933 seinen Sitz nach Genf und später dann in die USA verlegt hatte, erneut angeboten haben. "Hier herrschte in den frühren Nachkriegsjahren eine starke Dynamik", erzählt Riedel. Der damalige Bürgermeister Walter Kolb war glaubhaft bemüht, einen Prozess der Demokratisierung und dezidiert antifaschistischen Ausrichtung einzuleiten - "und in dieser Stadt schien das ernster gemeint zu sein als an anderen Orten". Mit dem renommierten Institut und seiner transatlantischen Kooperation mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA hoffte Frankfurt au erdem auf eine Internationalisierung seines Geisteslebens. Schließlich waren bedeutende Denker wie Herbert Marcuse und Leo Löwenthal in Amerika - und von dort aus in engem Kontakt mit Horkheimer - geblieben.

"Süß, aalglatt und verlogen ehrenvoll"

Insgesamt kamen ja nur wenige jüdische Emigranten nach Deutschland zurück, und bei denen, die diesen Schritt wagten, blieb das Misstrauen stets latent vorhanden. Als "süß, aalglatt und verlogen ehrenvoll" empfand auch Horkheimer seine Begrüßung an der Frankfurter Universität. Gleichwohl: Nur drei Jahre später, 1951, wird er deren Rektor sein. Adorno ist der akademische Betrieb in Deutschland ebenfalls zunächst nicht geheuer: "Mein Seminar gleicht einer Talmudschule ... - ... wie wenn die Geister der ermordeten jüdischen Intellektuellen in die deutschen Studenten gefahren wären", heißt es in einem Brief an Hork-heimer. Während dieser sich letztlich im Tessin niederließ, richtete sich Adorno dauerhaft in seiner Geburtsstadt ein. Er und seine Frau Gretel bezogen eine Altbauwohnung im Frankfurter Westend, nur wenige Straßen vom Institut entfernt.

Selbst im Spiegel

Die Ausstellung des Jüdischen Museums gliedert sich in drei chronologische Abschnitte: Emigration, Rückkehr nach Frankfurt und die Frankfurter Schule in der frühen Bundesrepublik. Die internationale Vernetzung des Instituts und seine Beziehung zu den Medien werden gesondert dargestellt. Gerade der Umstand, dass Adorno und Horkheimer keine Berührungsängste gegenüber Radio und Fernsehen hatten, sondern sie bewusst nutzten, um Inhalte zu vermitteln und gesellschaftlich zu wirken, hat die Schau davor bewahrt, allzu textlastig zu werden. So hat man zahlreiche Audio-Stationen eingerichtet, an denen die Besucher Adorno, Horkheimer und Friedrich Pollock im Originalton hören können, auch einige Fernsehaufzeichnungen kan n man ansehen, hinzu kommt eine Fülle von Fotos. Dazu können sich die Besucher in einem eigenen Raum mit ihren Handy- oder Digitalkameras im Spiegel fotografieren, wie einst Adorno in der berühmten Porträt-Serie „Selbst im Spiegel“ von Stefan Moses, die das Jüdische Museum vor kurzem erworben hat. Eine Auswahl der so entstandenen Bilder soll in der Ausstellung und auf der Website des Museums gezeigt werden. 

Quelle: Stadt Frankfurt

(Redaktion)


 


 

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