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Turnfest im Mai

Frankfurt wird ein buntes Wunder erleben

Vom 30. Mai bis 5. Juni bringt das Turnfest rund hunderttausend Aktive an den Main. Wer mit ihnen schlicht Drill an Reck und Barren verbindet, liegt falsch. Aerobic, Beach Volleyball oder Callanetics heißen heute die Trends. Und auch wenn es unter anderem um die Deutsche Meisterschaft geht: Das Turnfest wird vor allem eine große Party.

Einer schnarcht. Zwei tuscheln noch leise und kichern im dunklen Klassenzimmer. Vor der Tür trampelt eine Gruppe durch den Schulflur, kommt ein wenig spät und recht ausgelassen nach Hause. Nein, ruhige Nächte sind beim Turnfest nicht zu erwarten. Tut auch keiner. Wenn 25 in einem Klassenzimmer nächtigen, auf Feldbetten und Isomatten - "dann ist das ein bisschen schwierig mit dem Schlafen", sagt Ramona Vogt. Die 21-Jährige aus Rhens bei Koblenz hat da Erfahrung. Wenn sie im Mai nach Frankfurt kommt, dann ist das bereits ihr drittes Internationales Deutsches Turnfest.

Das Turnfest-Virus hat die Schleuderballerin schon lange befallen: "Das Fest, das gemeinsame Übernachten - das schweißt zusammen, das will man immer wieder erleben." Farbenfrohe Pulks in Frankfurts Straßen Und natürlich ist da noch der Wettbewerb: die Deutsche Meisterschaft im Schleuderball. "Davor versucht man auch früh ins Bett zu gehen", sagt Ramona und lacht. Das sind dann zwei Abende. Von fünf. "An den anderen Tagen ist auch schon mal Party."

Dann feuert sie lauthals andere Athleten an, besucht Showvorführungen der Akrobaten und erkundet die Gastgeberstadt. Eins ist dabei ganz wichtig für das Team: "Dass wir fast alles gemeinsam machen", sagt Ramona. Frankfurt wird daher Ende Mai noch sein blaues Wunder erleben. Oder vielmehr sein rotes, grünes, gelbes, weißes. Denn farbenfrohe Pulks werden durch die Stadt schwärmen: In Vereinsfarben gekleidet sind die Teilnehmer gerne grüppchenweise unterwegs - rund um die Uhr.

"Die Turner werden das Straßenbild do-minieren, es gibt kein Entkommen", sagt Dieter Donnermeyer, Leiter der Abteilung Grundsatzfragen/ Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Turner-Bund (DTB), scherzhaft. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Geschäftsstelle des DTB, hat schon einige Turnfeste miterlebt. Zwar seien die Sportler präsent, lautes Grölen in der Nacht sei ihnen aber fremd. Vom Reck zu Beach Volleyball und Tai Bo Alle Disziplinen sind dann in Frankfurts Straßen vertreten: die Gerät- und Trampolinturner, die Athleten der Rhythmischen Sportgymnastik.

Doch unter dem Oberbegriff Turnen wird weit mehr verstanden als diese drei olympischen Sportarten. Zum Beispiel auch Aerobic, Rhönradturnen, Beach Volleyball, Prellball, Korf-ball oder Indiaca. Und im weiten Feld der Gymnastik sprießen ständig neue Trends wie Pilze aus dem Hallenboden. Tai Bo, Pilates, Callanetics. "Kaum ist etwas neu und soll gesund sein, ziehen die Leute in die Vereine", sagt Donnermeyer.

Für viele sei heutzutage das Motiv fürs Sporttreiben eben der Gesundheitsgedanke. Und die moderne Gymnastik bedient das. Während sich bei anderen Sportarten schnell der Wettkampf vordränge, kann das beim Turnen durchaus zweitrangig bleiben. "So ist und bleibt Turnen ein Massensport."

Rund fünf Millionen Mitglieder haben die über 20.000 Turnvereine und -abteilungen in Deutschland. Nur eine Million mehr verzeichnen die Fußballclubs. Allerdings: In den Kickvereinen verbrüdern sich die Männer, Turnen ist vor allem Frauensache. "Vieles hat heute mit Musik und Tanz zu tun", erklärt Donnermeyer. "Da haben die Männer wohl nicht so die Affinität zu." Gut 70 Prozent der Mitglieder sind weiblich, quer durch alle Altersklassen. Das war nicht immer so: Zu Beginn der Turnbewegung war Turnen die Domäne junger Männer.

Um 1811 sah "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn in den Leibesübungen vor allem ein Mittel zum Zweck. "Da ging es um Disziplinierung und Wehrertüchtigung", sagt Donnermeyer. Militärischer Drill zog auch in die seit 1860 organisierten Turnfeste ein. "Heute ist das jedoch weit entfernt davon", sagt Donnermeyer. Alte Zöpfe und Traditionen gebe es aber immer noch. So wie der Eröffnungsfestzug mit Kapellenmusik und Fahnenträgern. Oder die "Großgruppenvorführungen": Hundertschaften standen dabei früher auf der Wiese, reckten alle im gleichen Takt Arme und Beine. "Heute ist der Drill weg, und es ist mehr eine Choreografie", sagt Donnermeyer. "Keine Vorführung mit abgehackten, zackigen Bewegungen, sondern sehr lebendig."

Über fast 200 Jahre hinweg hat die Turnbewegung sich immer wieder gewandelt - Kämpfertum zu Anfang, politische Züge um 1848 herum, Arbeitersport, Körperkult der Nazis, Entmilitarisierung nach 1945. Immer aber hatte Turnen auch soziale Bedeutung - wenn sich die kleinen Gruppen in Gasthaussälen zum Sporttreiben trafen und anschließend noch zum Bier blieben. Und so fahren die Zehntausende schon immer nicht allein wegen des Wettkampfs zum Turnfest - sondern auch zum Austauschen, Diskutieren und Feiern. "Im Fußball könnte es so ein Ereignis nicht geben", meint Donnermeyer. "Da ist alles viel zu sehr auf Wettkampf und Konkurrenz ausgerichtet."

Genauso wie auch in den meisten anderen Ländern das Turnfest nicht denkbar sei: "Denn Turnen ist dort fast überall auf den Wettkampfsport reduziert", sagt Donnermeyer. Aber auch wenn das Gemeinschaftserlebnis eine große Rolle spielt - es geht natürlich ebenso um die sportliche Herausforderung. Für Spitzensportler sind das die Deutschen Meisterschaften, für andere Pokalgewinne. Schlafen kann man ja dann zuhause Geht es um nationale Meisterschaften ist der Ehrgeiz natürlich doch groß. Wie bei Ramona. Sie will ihre Platzierung vom Turnfest in Berlin übertreffen. Rang sechs erreichte sie damals, "dieses Mal soll es noch besser sein", sagt sie.

Gerade bei Turnfesten sind die Sportler besonders motiviert. Die Ringtennisspieler und Seilspringer, Orientierungsläufer und Faustballspieler. Schließlich haben die dort die seltene Gelegenheit, sich vor Publikum zu präsentieren. Beim Turnfest ist nämlich alles anders: ausverkaufte Hallen, frenetische Zuschauer, aufwändige Siegerehrungen. "Es ist einfach toll, wenn dann 3.000 Leute applaudieren, und man seinen Namen über die Lautsprecher hört", sagt Ramona. Ein Grund für sie, auch beim kommenden Turnfest wieder dabei zu sein. Und beim übernächsten. Zum Wettkampf wie zum Feiern. "Schlafen kann man ja dann zuhause."

Quelle: Stadt Frankfurt, Sandra Busch

Quelle Bild: pixelio.de, S. Hofschlaeger

(Redaktion)


 


 

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