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Schüler-Patenschaft

Schüler übernehmen Patenschaft für jüdischen Friedhof

(dapd). Nur der kühle Wind streift an diesem grauen Nachmittag über die Gräber des jüdischen Friedhofs in Dreieich südlich von Frankfurt; ab und zu huscht ein Spaziergänger mit seinem Hund am Tor vorbei. Auf etliche Grabsteinen haben Besucher Steine hinterlegt, ein jüdischer Brauch. In einigen Wochen wird es auf dem Friedhof jedoch wieder umtriebiger zugehen. Dann nämlich werden Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasiums die Grabsteine vom Moos befreien und Unkraut jäten.

Es ist die erste Schule Hessens, die eine Patenschaft für einen jüdischen Friedhof übernommen hat. Da überall die teils jahrhundertealten Gräber zu verwittern drohen, hoffen die jüdischen Gemeinden, dass andere Schulklassen dem Beispiel folgen.

Parallel zur Arbeit auf dem Friedhof lernen die Mädchen und Jungen aus den Klassen 5 bis 7 historische Fakten über das Leben und die spätere Vernichtung der jüdischen Gemeinde durch die Nazis in Dreieich. "Auch die Religionsgeschichte, die religiöse Rituale sowie einzelne Biografien werden in den Religions- und Ethikunterricht einfließen", sagt die Historikerin Myriam Andres. Bei dem Projekt im vergangenen Jahr habe sich schnell gezeigt, dass die Schüler ein starkes Interesse an der Heimatgeschichte Dreieichs, den Denkmälern und alten Gebäuden der Stadt, entwickelten.

Keine Ruhefristen für jüdische Gräber

Die Idee, Schüler in die Pflege der jüdischen Friedhöfe einzubinden, kam von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach - die mit der Aufsicht über die Friedhöfe betraut ist. Bei einer routinemäßigen Begehung des Friedhofes hatten die Mitarbeiter festgestellt, dass viele Grabsteine verwittert und mit Pflanzen zugewachsen waren. Das gleiche Bild bietet sich bei vielen der insgesamt etwa 350 jüdischen Friedhöfen in Hessen. Da es keine Ruhefristen für die Gräber gibt, muss der jüdische Friedhof selbst dann erhalten bleiben, wenn dort niemand mehr bestattet wird.

Die Projektleiterin bezeichnet es als wichtigen Nebeneffekt des Unterrichts, dass die etwa 150 Gräber in Dreiech-Sprendlingen auf diese Weise besondere Pflege zukommt. Die Toten, die auf dem 180 Jahre alten Friedhof beerdigt sind, hätten schließlich im Ort keine Angehörigen mehr. Die meisten Verwandten der hier Begrabenen sind während der Nazi-Tyrannei umgekommen oder ins Ausland geflohen. Es gibt daher keine Angehörigen mehr, die sich ab und zu um die Blumen kümmern oder das Moos von den Grabsteinen entfernen.

51 Cent pro Quadratmeter

"Deswegen ist es sehr erfreulich, dass sich die Schüler so rührend um die Gräber kümmern", sagt Klaus Werner, der so etwas ist wie der Hüter der Jüdischen Friedhöfe in Hessen. Der 52 Jahre alte Historiker, der unter anderem Judaistik studiert hat, ist Beauftragter für die jüdischen Friedhöfe beim Verband Jüdischer Gemeinden in Hessen. Wie er sagt, sind die Beerdigungsstätten heute weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dies rühre einerseits aus ihrer Lage häufig etwas außerhalb der Ortschaften, aber auch aus der Tatsache, dass in Folge des Naziregimes die jüdische Gemeinden stark dezimiert wurden und daher auf den meisten jüdischen Friedhöfen auch keine Toten mehr bestattet werden.

Zwar gibt es, sagt der Historiker, seit den 1950er Jahren eine Übereinkunft zwischen Bund, Ländern und Kommunen, wonach der Staat die Kosten für die Friedhofspflege übernimmt und Städte sowie Gemeinden sich um die Pflege kümmern. Doch die 51 Cent pro Quadratmeter, die sich Bund und Länder teilen, reichten kaum für mehr, als zerfallene Friedhofsmauern wieder aufzurichten und den Rasen zu mähen. Leistungen, die darüber hinausgingen, seien in Zeiten leerer Kassen eher eine Ausnahme, sagt Werner.

Von historischem Interesse

Insofern sei zu hoffen, dass das Beispiel des Ricarda-Huch-Gymnasiums auch anderen Schulen als Inspiration diene. Zumal die Beerdigungsstätten auch für Nichtjuden von hohem historischen Interesse seien. So sind in den Jahrhunderten unterschiedliche Grabsteinformen mit verschiedenartiger Ornamentik und Symbolik entstanden. "Der Einfluss der christlichen Umwelt auf die jüdische Friedhofsgestaltung nahm beispielsweise ab dem 19. Jahrhundert im Rahmen der jüdischen Assimilationsbewegung deutlich zu", sagt Werner.

Die Begräbnisanlagen glichen sich besonders bei den sogenannten Reformgemeinden vielfach den bürgerlich-christlichen Gegebenheiten in Form, Gestaltung und Material nach dem jeweilig vorherrschenden Zeitgeschmack an und waren häufig von diesen in ihrem äußeren Erscheinungsbild kaum noch zu unterscheiden. Zumal die hebräische Grabsteinbeschriftung zunehmend durch deutsche ergänzt oder aber vollständig ersetzt wurde. "All dies zu erhalten, ist eine große Aufgabe", sagt Klaus Werner.

Stephen Wolf

(dapd )


 


 

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