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Kummerkasten für Börsianer

In der Frankfurter Nikolaikirche können von Finanzkrise gestresste Banker derzeit Beistand von oben erbitten

(bo/ddp-hes). Falls mancher Banker in der Finanzkrise wieder das Beten lernen sollte, in Frankfurt am Main bekommt er jetzt sogar ausdrücklich Gelegenheit dazu: In der Alten Nikolaikirche am Römerberg - im Herzen des Bankenstandorts Frankfurt - hat Gemeindepfarrer Jeffrey Myers einen Krug aufgestellt und in einer Aufschrift «Banker, Anleger und andere Besucher» eingeladen, ihre «Fürbitten und Sorgen» auf Zettelchen zu schreiben und in das Gefäß zu legen. «Wir sammeln täglich die Notizen ein und beten für die Menschen», sagt der 55-jährige Geistliche. Die Meinungen der Kirchenbesucher darüber sind geteilt.

«Ich weiß nicht, wen die Aktion ansprechen soll - mich jedenfalls
nicht», sagt eine junge Frankfurter Kirchenbesucherin. Zusammen mit
ihren Freundinnen hat sie zuvor die vielen, häufig auf Englisch
geschriebenen Einträge im mächtigen Gästebuch bewundert, das am
Eingang ausliegt. Pfarrer Myers sieht in der Idee mit dem Banker-Krug
dennoch keinen PR-Gag, allenfalls ein Stück US-amerikanischer
Kirchenkultur. Er selbst hat im kalifornischen San Francisco das
evangelische Seminar besucht, nachdem er sich in seiner Heimatstadt
Kansas zunächst als Banker versucht hatte.

Die in ihren Grundfesten fast 1000 Jahre alte Nikolaikirche steht
in Sichtweite der himmelhohen Bankentürme, in deren zahllosen Etagen
zurzeit nicht nur erfreuliche Nachrichten die Runde machen. Der
schmucke rötliche Sakralbau am Römerberg ist beliebte Einkehrstation
für Touristen aus aller Welt, die Nikolaikirche versteht sich wegen
ihrer zentralen Lage als «internationalste» Gemeinde Frankfurts.
Andachten und Abendgebete werden hier regelmäßig auch zweisprachig in
Deutsch-Englisch gehalten.

Einige Banker, berichtet Myers, kämen oft in ihrer Mittagspause
für einen Moment der Besinnung oder ein Gebet herüber - und in den
letzten Wochen machten sich viele von ihnen Gedanken um ihre Zukunft.
Ein Freund, ein britischer Börsenmakler, habe Myers in der Idee
bestärkt, den Krug aufzustellen und die Sorgen und Nöte himmelwärts
zu schicken. Zusätzlich würden er und die Gemeinde für die
Bittsteller beten. In der Kerzenecke nahe des Altars steht nun seit
Dienstag früh der fast meterhohe Krug, der am Abend bereits mit
einigen Zetteln gefüllt war.

Allerdings teilen nicht alle Kirchenbesucher die Sorgen der Banker
und haben bisher auch nicht den Wunsch verspürt, deren Kummer in ihre
Gebete einzuschließen. «Ich habe 670 Euro Rente, mein Sohn bekommt
Hartz IV», sagt ein 70-Jähriger aus dem Erzgebirge, der gerade den
Altar in der Nikolaikirche fotografiert hat. «Von den Politikern
bekommen die Banker jetzt Milliarden aus Steuergeldern geschenkt -
und nun wollen sie noch unsere Gebete.»

Selbst wer in weniger bedrängter Situation ist, hat für Myers
Aktion nicht unbedingt Verständnis. Die junge Frankfurterin, die
schon das Gästebuch studiert hatte, scheint gar bibelfest zu sein.
«Wir können Gott dienen oder dem Mammon - das ist der Punkt», sagt
die gläubige Christin. «Für mich ist es nicht vorstellbar, für
steigende Aktienkurse zu beten.» Pfarrer Myers sieht da keine Kluft.
Viele Banker, die er persönlich kenne, hätten momentan Zukunftsangst.
«Ich bete gern für jemanden, der seinen Job behalten will», sagt er.

In seiner australischen Gemeinde, erzählt ein Student aus
Adelaide, würden die Mitglieder auch für sinkende Benzinpreise oder
für die Examensnote einer Nachbarstocher beten. «Das stärkt unsere
Zusammengehörigkeit.» Einen Tag später, Mittwoch früh, hat Myers die
ersten Zettel dem Krug entnommen. «Es ist viel von Unsicherheit zu
lesen», resümiert er. Eine Nachricht gibt er besonders gern weiter.
«Mit weniger komme ich auch zurecht», lautet die Botschaft, die ein
Kirchenbesucher dort hinterlassen hat.

(rheinmain)


 


 

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