20.04.2012  09:45 Uhr

Börsenkompass
Die tägliche Einschätzung der Börse

Rhein-Main. Das Topthema des Tages beruht auf dem neu implementierten Subventionspaket in Brasilien. Der Aktienmarkt wird weiterhin von der europäischen Staatsschuldenkrise bestimmt. Die Finanzmärkte blieben am gestrigen Tag schwankungsintensiv.

Rentenmarkt / Konjunktur

Trotz einer erfolgreichen Emission von zwei- und zehnjähr. spanischen Staatsanleihen im Volumen von 2,54 Mrd. EUR blieben die Finanzmärkte im gesterigen Tagesverlauf nervös und schwankungsintensiv. Mit 5,74% lag die Emissionsrendite der 10-jähr. Laufzeit immerhin fast 35 BP über der Rendite der letzten vergleichbaren Aktion im Januar. Die Fluchtbewegung in deutsche Staatsanleihen setzte sich im Tagesablauf fort, die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe unterschritt am Abend wieder die Markte 1,7%. Auch französische, niederländische und österreichische Anleihen tendierten gestern schwächer. Die Nervosität führt offensichtlich dazu, dass der Markt nur noch Deutschland zu Kerneuropa zählt. Die weiteren politischen Schritte der EZB mit Blick auf etwaige erneute Eingriffe an den Rentenmärkten behalten vor diesem Hintergrund ihr besonderes Gewicht. In diesem Zusammenhang spielten die US-Makrodaten keine wesentliche Rolle. Weder der nochmals ertwas höhere Wert bei den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe – 386’000 in der vergangenen Woche nach revidiert 388’000 in der Vorwoche – noch der Rücklauf beim Philadelphia Fed Index auf 8,5 nach 12,5 Pkt. im April haben in dem nervösen Umfeld für eine gesonderte Bewegung gesorgt. In ähnlicher Struktur wie bereits beim lokalen Frühindikator für das Verarbeitende Gewerbe in New York ist dies als Einmündung in die bevorstehende volatile Seitwärtsbewegung der US-Frühindikatoren zu sehen. Im Zentrum der Nervosität steht weiter die EWU-Staatsschuldenkrise mit ihren Risiken.

Aktienmarkt

Die europäische Staatsschuldenkrise hält die internationalen Aktienbörsen weiterhin fest im Griff. Die erfolgreich verlaufene Auktion spanischer Staatsanleihen konnte nicht lange für Erleichterung sorgen, spätestens nach den Gerüchten um eine mögliche Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs zogen die Renditen spanischer, italienischer und französischer Papiere wieder an. Auch die eher schwach ausgefallenen US-Konjunkturdaten konnten den Märkten keine Stütze geben. So behaupteten sich im Dax hauptsächlich defensive Werte, vor allem Beiersdorf (+2,5%) profitierte von einer Hochstufung durch eine Investmentbank. Dagegen standen Automobilaktien unter Druck. VW Vz. (-3,4%) waren nach dem vorsichtigen Ausblick auf der Hauptversammlung der Tagesverlierer, Daimler-Aktien (-2,8%) wurden durch Spekulationen über einen Ausstieg der Emirats Abu Dhabi belastet. Noch stärker als Automobile (-2,4%) kamen im beschriebenen Umfeld die europäischen Banken (-3,3%) unter Druck. Lediglich die defensiven Branchen Versorger (-0,2%) und Pharma (-0,4%) konnten die Verluste einigermaßen eindämmen. In den USA drehten die Indizes nach leicht festerem Start wegen der enttäuschenden Konjunkturdaten und uneinheitlich aufgenommener Quartalsvorlagen ebenfalls ins Minus. Trotz mehrheitlich über den Erwartungen liegender Zahlen verlor neben der IT-Branche besonders der Finanzbereich (je -0,8%). Die asiatischen Börsen entwicklen sich heute Morgen uneinheitlich mit überwiegend schwächerer Tendenz. Auch die europäischen Märkte sollte etwas leichter eröffnen. Im Fokus der Anleger dürfte neben der Entwicklung der Staatsrenditen und einiger Unternehmensberichte der deutsche ifo-Index stehen.

Topthema des Tages

Zur Förderung der in den vergangenen Monaten schwächelnden Industrie hat Brasilien ein neues Subventionspaket implementiert. Vor allem für arbeitsintensive Industriezweige soll es Steuererleichterungen (u.a. Abschaffung der Arbeitgeberbeiträge zur Rentenversicherung für 15 Industriesparten) und verbilligte Kredite geben. Mittlerweile machen Rohstoffe rd. die Hälfte der Exporte des Landes aus, Industriegüter hingegen nur noch ein Drittel. Vor fünf Jahren war das noch umgekehrt. Brasiliens Industrie verliert zusehends an Wettbewerbsfähigkeit, was aber nicht nur am starken Real liegt. Vergleichsweise hohe Löhne, hohe Lohnnebenkosten, eine aufwendige Bürokratie und eine schlechte Infrastruktur tragen ebenso zur Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit bei. Die jüngste Zinssenkung der brasilianischen Notenbank – der Leitzins wurde um 75 Basispunkte auf 9% gesenkt – dürfte den Real kurzfristig schwächen, was die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie tendenziell stärken dürfte. Die Zentralbank deutete vor dem Hintergrund der fragilen globalen Konjunktur sowie abebbender Inflationsrisiken weitere Zinssenkungen an. Grundsätzlich dürfte diese zumindest eine Stütze für den Aktienmarkt sein. Allerdings ist momentan noch fraglich, ob die Investoren in Anbetracht einer möglicherweise zu sorglosen Geldpolitik die mittelfristigen Inflationsgefahren als zu hoch einschätzen und somit ihre Engagements am Aktienmarkt drosseln. Der Bovespa hat seit Jahresbeginn 11% zugelegt. Mit einem KGV (MSCI Brasilien) von 6,6 auf Basis des für 2013 prognostizierten Wachstums der Unternehmensgewinne von 13,3% (J/J) ist der Aktienmarkt u.E. aber nicht teuer. Regional empfehlen wir weiter eine Übergewichtung.


 

(ots / Commerzbank AG)

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