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Ein Jahr vor der Kulturhauptstadt

Ja, wir können es.

(bo/ots) - Wenn die Welt brennt, fällt es schwer, über Kultur zu reden. So esehen, müsste Kultur allerdings abgeschafft werden. Ihre Geringschätzung angesichts der Bedrohung durch Armut, Krieg und Unterdrückung ist aber auch deshalb falsch, weil Kultur nicht die schönste Nebensache der Welt ist, sondern Lebensmittel. Kultur hilft denken, und menschlich denken. Sprechen wir also von der Kulturhauptstadt.

Ein Jahr vor dem Start liegt eine merkwürdige Zurückhaltung über dem Ruhrgebiet. Der große Jubel über den Titel hat sich gelegt, neue Euphorie ist nicht zu erkennen. Worauf warten wir? Auf einen Urknall?
Den hatten wir schon, wir haben es nur vergessen. Denn so einfach war es ja nicht, dass man nur hätte zusammenzählen müssen, was längst da ist. Es musste ein neuer Geist her, ein Geist der Kulturhauptstadt, der Stadtgrenzen überfliegt und Gedankensperren. Wo ist dieser Geist geblieben?

Ja, wir haben die Kulturhauptstadt erfunden; allein, uns fehlt der Glaube. Dafür zeigen wir umso mehr kritischen Eifer und zähe Lust am Demontieren. Wenn man den Intellektuellen glauben darf, ist alles nur ein populärer Unsinn. Singen, auf Schalke! Wobei es nichts zur Sache tut, dass das Programm erst zum Teil bekannt ist. Das ficht auch die Freie Theater- und soziokulturelle Szene nicht an, die laut klagt, die Kulturhauptstadt fördere nur elitäre Hochkultur.

Beides ist falsch. Die einen wollen nicht wahrhaben, dass auch Erlebnisse, die Menschen fröhlich miteinander verbinden, zur Kultur gehören. Die anderen hatten sich die Kulturhauptstadt als eine Art Milchvieh gedacht. Die Kulturhauptstadt ist aber weder ein Schlaraffenland für alternative Gruppen noch ein überflüssiger Musentempel für Krawattenträger. Sie ist ein Projekt, das Strukturen und Gedanken nachhaltig verändern kann.

Und sie hat schon damit begonnen. Allein, dass die Städte der Region angefangen haben, miteinander zu reden, kann als mittleres Pfingstwunder gelten.

Noch ein Jahr bis 2010. Und bald sollen wir mehr wissen. Es wird nicht jedem alles gefallen, es werden Fehler gemacht werden. Aber ein bisschen Zurückhaltung beim Kleinreden, eine gewisse Grundbegeisterung wären schon gut. Der Geist der Kulturhauptstadt könnte sich sonst mit Grausen wenden, und statt stark aufzubrechen, werden wir versinken im nüchternen Alltag des Strukturwandels. Der hat seinen Platz, aber Kultur braucht Herz, um zu wirken. Yes, we can, Ruhrgebiet! Ja, wir können es.

Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung

(Redaktion)


 


 

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