Sie sind hier: Startseite Rhein-Main Aktuell News
Weitere Artikel
Finanzkrise in Region angekommen

Keine Rezession herbeireden – IHK unterstützt Bundesregierung

Die IHK-Blitzumfrage hat es bereits verdeutlicht: Die Finanzkrise hat Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft. Rund ein Drittel aller Unternehmen aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau erwarten schlechtere Geschäfte wegen der Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten. Dr. Wolfgang Maaß, Präsident der IHK Gießen-Friedberg, ging vor der Presse auf die globale Turbulenzen und deren Ursachen ein. Dr. Matthias Leder, Hauptgeschäftsführer der IHK, zeigte mit seinen Ausführungen Wege aus dem Dilemma auf. Dabei ging Leder insbesondere auf ordnungspolitische Dimensionen ein.

Rund ein Drittel der Betriebe gingen von einer schlechteren Entwicklung aufgrund der Krise aus. Darunter seien fünf Prozent, die sogar von einer deutlichen Verschlechterung ausgingen. Die ersten deutlichen Äußerungen in diese Richtung kamen von der deutschen Automobilindustrie, von den Maschinenbauern, aber auch beispielsweise von großen Dienstleistern, erklärte Maaß. Damit sei klar, dass die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen ist.

Die Antworten zur Blitzumfrage, so betonte Maaß, wurden vor dem Fall Hypo-Real-Estate, den Problemen in Island oder dem „Schwarzen Herbst“ an den Bösen gegeben. Erneut habe sich das Drei-Säulen-Modell in der Kreditwirtschaft durch Sparkassen, Volksbanken und Privatbanken bewährt. Beim gestrigen Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken in Frankfurt wurden erneut eindrucksvoll die Stabilität und die Bekenntnisse zu den Regionen und zum Mittelstand bestätigt.

 „Kreditklemme“ sei der Begriff, der den Kern des Problems beschreibt. Geben die Banken keine Kredite mehr, könne nicht investiert und nicht konsumiert werden. Deshalb das Rettungspaket der Bundesregierung. „Dieses Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Stabilisierung der Finanzmärkte wird von uns unterstützt. Es ist eine notwendige Maßnahme, um die Finanzmarktstabilität in Deutschland wiederherzustellen. Beachtlich und positiv schätzen wir überdies das gemeinsame internationale Handeln ein, um die weltweite Vertrauenskrise zu beenden“, erklärte Maaß.

 Auch ohne die Finanzkrise stünden wir im kommenden Jahr vor dem Ende des Aufschwungs. Für 2009 werde im besten Fall ein geringes Wachstum oder eine Stagnation erwartet. „Im schlimmsten Fall“, so der IHK-Präsident weiter, „wenn die Finanzkrise voll durchschlägt, gehen wir in eine Rezession“. Dies sei auch die Meinung des Herbstgutachtens der Wirtschaftsforschungsinstitute. Allerdings, mahnte Maaß: „Wir sollten jetzt auch die Rezession nicht herbeireden. Noch ist es durchaus möglich, dass, wenn die internationalen Rettungsmaßnahmen greifen, Deutschland ein geringfügiges Wachstum haben wird.“

Die Finanzkrise sei grundsätzlich eine Weltwirtschaftskrise. Ausgelöst durch Fehler im amerikanischen Finanzsystem. Dort fehlten einfach Regulierungen, die im europäischen Bankensystem selbstverständlich seien. „Da waren zu viele risikobereite Spieler ohne ausreichendes Eigenkapital am Werk. Und leider haben auch eine Reihe europäischer und deutscher Banken zur Erzielung höherer Renditen „mitgespielt“, die damit inzwischen ihre Unabhängigkeit, in einigen Fällen gar ihre Existenz aufs Spiel gesetzt haben“, äußerte Maaß kritisch.Der IHK-Präsident ging auf die Frage ein, ob die Wirtschaft mit den gigantischen Garantiezusagen und möglichen Beteiligungen des Staates an den Banken einverstanden sei und ob das nicht das Ende der Marktwirtschaft bedeute. „Es geht nicht um die Rettung einzelner Banken – mit gleichem Recht könnten sich sonst auch Betriebe aus anderen krisengeschüttelten Branchen melden. Es geht auch nicht um die Begünstigung der Wirtschaft, etwa im Gegensatz zur dringend gebotenen Entlastung der Bürger oder zu anderen wichtigen Politikfeldern, wie Bildung, Forschung oder Soziales. Nein, es geht allein um die öffentliche Aufgabe der Gewährleistung eines funktionierenden Finanzsystems. Würde der Staat in der jetzigen Lage nicht eingreifen und es käme zur Katastrophe, wären die Folgen ungleich schlimmer. Deshalb halten wir das Krisenmanagement mit staatlichen Garantien, gigantischen Beträgen und notfalls einer temporären staatlichen Beteiligung an einzelnen Banken für angebracht: Aber wir müssen daraus lernen und international klare Regulierungen einbauen“, bezog der IHK-Präsident klar Stellung.Grundsätzlich gehöre der Bankensektor nicht in Staatshand. Die bisher größten Verluste seien aber bei den Landesbanken und anderen staatlich kontrollierten Banken angefallen. Wenn sich der Staat nun mit Steuergeldern an den Banken beteilige, könne der Steuerzahler durchaus erwarten, dass der Staat auch Auflagen formuliere. Dabei erwähnte Maaß auch die Anpassung der Vergütungssysteme. „Denn es ist doch offensichtlich: Die Erfolgsvergütungen in weiten Teilen der Branche waren einfach zu exzessiv. Wie kann es angehen, dass junge Investmentbanker Zigmillionen Dollar pro Jahr über Boni verdient haben, ohne dass dahinter reale Werte standen? Da sind die Maßstäbe völlig durcheinander geraten“ unterstrich der IHK-Präsident.

Schließlich schilderte Maaß seine jüngsten Eindrücke aus Brüssel. Vorgestern fand dort im Europäischen Parlament ein Treffen von rund 700 Unternehmern aus allen 27 EU-Mitgliedsstaaten mit u. a. Jose Manuel Barroso, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Vizepräsident Günter Verheugen und Hans-Gert Pöttering, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, statt. Eindrücklich wurde dort jedermann klar, wie hilfreich und längst unverzichtbar im globalen Krisenmanagement inzwischen die europäische Zusammenarbeit und die institutionalisierten Abstimmprozesse, aber auch die weitgehend gemeinsam genutzte Währung und die Zentralbank geworden seien. Die am Ende der vierstündigen Sitzung durchgeführte Sonderabstimmung zum Erhalt eines europäischen Meinungsbildes zu den aktuellen Auswirkungen der Finanzmarktkrise habe dabei ein kritischeres Bild als die bisherigen Einschätzungen aus Deutschland ergeben. Denn unter den europäischen Unternehmern gingen rund zwei Drittel von einer Anpassung ihrer Investitionsstrategie und die Hälfte von einer Verschärfung der Kreditgewährung aus. Die internationale Politik bleibe daher uneingeschränkt gefordert, alles ihr Mögliche zur Eindämmung der Krise und Wiederherstellung von Vertrauen zu tun. „Und hier sind auch die europäischen Beschlüsse heute Nacht zu begrüßen“ beschloß Maaß seine Darstellung.

„Die Finanzkrise ist der beste Beleg für die Erforderlichkeit eines klaren Ordnungsrahmens“ begann Dr. Matthias Leder seine Erklärung. Die Finanzkrise mit all ihren Exzessen sei aufgetreten, weil falsche Erwartungen systematisch aufgebaut und lawinenartig als hohl und falsch entlarvt worden seien. Märkte funktionierten immer nur bei Spielregeln, die stabile Erwartungen begründen und vernünftige Anreize setzten. Alle Fehler im Spielregelsystem beruhten darauf, daß diejenigen, die Risiken eingingen, diese Risiken nicht selbst zu tragen hätten, fuhr der IHK-Hauptgeschäftsführer fort: „Die Risiken wurden sozialisiert, die Gewinne aber privatisiert. Daß so etwas in einer Marktwirtschaft schief gehen mußte, liegt auf der Hand. Deshalb müssen jetzt in vier Bereichen Spielregeln definiert werden, die auf einen Gleichklang von Risiken eingehen und Risiken tragen abzielen.“

Zunächst müssten  die Regeln für die Geldpolitik geändert werden. Die Finanzkrise habe nämlich ihren Ausgangspunkt in der laxen Geldpolitik der Fed, der amerikanischen Notenbank genommen. Die Geldmenge wurde in großem Stile ausgeweitet, niedrige Zinsen waren das Instrument dazu. „Klar, daß die Konsumenten und viele Investoren sich deshalb Geld liehen, zu viel Geld. Nach einer gewissen Zeit hatten die Schuldner nicht mehr genügend Geld, um ihre Schulden zu bezahlen und mußten reihenweise den Offenbarungseid leisten. Die Hypotheken, mit denen die Kredite abgesichert wurden, waren im besten Falle von zweifelhafter Natur. Die Banken, die derartige Hypotheken in ihren Depots hielten, gerieten auf einmal selbst in Schieflage. Zum  Lawineneffekt und zur jetzigen Finanzkrise ist es gekommen, weil die Banken einerseits nicht wissen, wieviele der zweifelhaften Hypotheken sie selber halten, und weil sie sich untereinander kein Geld mehr leihen. War vorher also zuviel Geld im Kreislauf, so droht der Geldkreislauf auf einmal weltweit auszutrocknen“, erklärte Leder. Die ordnungspolitische Konsequenz müsse also lauten, daß man als Aufgabe von Zentralbanken die Gewährleistung eines funktionsfähigen Geld- und Kreditmarktes und die Bekämpfung von Inflation gesetzlich festschreibe. Konjunktur - und Wachstumspolitik dürfe nicht die Aufgabe von Zentralbanken sein und müsse ihnen untersagt werden.

Leder weiter: „Ein Großteil der Finanzkrise wurde ausgelöst durch grottenfalsche Ratings. Reihenweise wurden Wertpapiere schlechtester Bonität mit dem höchsten Gütesiegel - nämlich mit Triple A – bewertet.“ 80 bis 95 Prozent der Einnahmen von Ratingagenturen seien Zahlungen der Emittenten für Erstellung und Überprüfung des jeweiligen Ratings. Man nenne dies beantragtes Rating . Das beantragte Rating habe für die Ratingagenturen eine überragende wirtschaftliche Bedeutung. Die Anreize der Ratingagenturen, eine zutreffende Bewertung abzugeben, seien völlig falsch gesetzt.

 Wie schon warnende Studien im Jahre 2003 darauf hinwiesen,  könne es wegen der gewinnmaximierenden Motive der Ratingagenturen und des Wettbewerbs um Marktanteile zu einer inflationären Vergabe guter Ratings und somit zu einer Abwärtsspirale hinsichtlich der Ratingqualität kommen. „Und genauso ist es jetzt gekommen!“ sagte Leder.

 Wenn es weiterhin private Ratingagenturen geben solle, müssten bestimmte formalisierte Zulassungsverfahren und die Erfüllung von Mindestqualitätsstandards für Ratingagenturen verpflichtend eingeführt und durchgesetzt werden. Außerdem müßte das Vergütungssystem von Ratingagenturen grundlegend geändert werden, damit Anreize zu gewinnmaximierendem Verhalten aus der Vergabe von guten Ratings unterbunden würden. Eine andere Möglichkeit bestehe aber auch darin, den Ratingagenturen die Verantwortung aus der Finanzmarktregulierung zu entziehen und diese Verantwortung unabhängigen Institutionen wie dem Weltwährungsfonds oder Zentralbanken zuzuordnen.

 Anschließend ging Leder auf die Bilanzierungsregeln ein, die nicht nur den Aktionären, sondern auch den Gläubigern dienen sollten: „In Deutschland war es bis vor kurzem üblich, daß die Hauptadressaten von Bilanzen die Gläubiger waren. Die Gläubiger sollten durch eine entsprechend „konservative“ Bilanzierung geschützt werden. Diese konservative Bilanzierung führt zum Aufbau von stillen Reserven. Derartige Reserven bedeuten aus Sicht von Aktionären eine Schmälerung ihres Gewinns und sind aus deren Sicht eher unerwünscht“, betonte Leder.

Aus Sicht von Aktionären seien die angloamerikanischen oder angloamerikanisch geprägten Bilanzierungsvorschriften nach US-GAAP oder IFRS günstiger, weil diese zu einem höheren kurzfristigen Bilanzgewinn führten. Im Zuge der Globalisierung habe sich die angloamerikanische Bilanzierungssichtweise durchgesetzt. Die Politik müsse nun entscheiden, was ihr wichtiger sei: Förderung des Ausweises von kurzfristigen Erfolgen und der Aktionäre oder Förderung des Ausweises des langfristigen Erfolgs und der Schutz von Gläubigern. „Wir plädieren dafür, nicht jeder Entwicklung aus dem angloamerikanischen Raum hinterherzulaufen, sondern das Handelsgesetzbuch zu bewerben und zu modernisieren“ verdeutlichte Leder.

 Ebenfalls kritisch setzte sich der IHK-Hauptgeschäftsführer mit der Managervergütung auseinander. Aus Amerika habe man für viele Berufe die Praxis übernommen, ein relativ niedriges Fixgehalt und dafür aber eine hohe variable Vergütung anzusetzen. Was als gute Idee startete, sei längst pervertiert. Die variablen Anteile hätten die Manager eher zu kurzfristigen Maßnahmen als zur Erreichung langfristiger Ziele verleitet. Besonders schlimm würde es, wenn die variable Vergütung von der Erreichung kurzfristiger Ziele abhängig sei und eine Haftung aus der Verfehlung langfristiger Gewinnziele nicht existiere. Damit setze man systematisch Anreize, kurzfristige Gewinne zulasten nachhaltigen Wirtschaftens zu erzielen. „Und genau diese völlige Fehlmotivierung war für viele Investmentbanker und Fondsmanager Grund ihres gesellschaftlich schädlichen Handelns, das die Finanzkrise mit ausgelöst hat. Hier ist die Politik gefordert, einen Gleichklang zwischen individueller Gewinnrealisierung und kollektiver Risikoübernahme herzustellen. Dies bezieht sich sowohl auf die Haftung von Managern als auch auf die Ausgestaltung der variablen Vergütung, die man ab einem bestimmten Verhältnis zum Fixgehalt als sittenwidrig ansehen könnte“, sagte Leder.

 Der Staat bzw. die internationale Staatengemeinschaft seien gefordert, die Rahmenbedingungen für Geld- und Finanzmärkte zu verbessern. „Die Krise hätte dann etwas Gutes mit sich gebracht, wenn künftig Nachhaltigkeit in das Markthandeln einziehen würde – ein ordnungspolitischer Gedanke par excellence!“ schloß Leder seinen Vortrag. 

Weitere Informationen: www.giessen-friedberg.ihk.de

Quelle: IHK Gießen-Friedberg

Quelle Foto: www.pixelio.de

(Redaktion)


 


 

IHK Bundesregierung; Finanzkrise Region Hessen; IHK-Blitzumfrage

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "IHK Bundesregierung; Finanzkrise Region Hessen; IHK-Blitzumfrage" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: