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Äste brechen unter der Apfellast

Keltereien nehmen Streuobst seit Anfang September entgegen

(bo/ddp-hes). Gertrud Krämer erkennt unreife Äpfel selbst dann, wenn sie noch in einem Jutesack stecken. «Die hätten auch noch ein bisschen Zeit gehabt», sagt sie, als ein Mann seine Äpfel auf das Förderband kullern lässt. Es wird an diesem Tag nicht das letzte Mal sein, dass sie diesen Satz sagt. Seit dem ersten Septemberwochenende nimmt die Odenwälder Kelterei Krämer in Reichelsheim-Beerfurth Äpfel an.

«In diesem Jahr haben wir eine sehr gute Ernte, aber im Moment ist noch zu viel unreifes Obst dabei», sagt die 62-jährige Chefin des Familienbetriebs. Schon in der ersten Woche waren es so viele Äpfel wie im vergangenen Jahr in der ganzen Saison.

Alice Weber und ihr Mann warten auf dem tuckernden Traktor, bis am
Förderband Platz für ihren Anhänger ist. Fünf Tage lang haben sie zu
zweit Äpfel gelesen und zwei Anhänger beladen. Als sie ans Förderband
fahren und den Hänger abkippen, poltern minutenlang die Äpfel
herunter. «An allen 330 Bäumen sind die Äste abgebrochen», seufzt
Alice Weber. Überall zeigt sich in der Gemarkung das gleiche Bild:
Die Bäume auf den Streuobstwiesen hängen voll, die Äste brechen unter
der Last zusammen. Die Äste mit Holzgerüsten stützen wie früher - das
tun heute die wenigsten.

«Es ist eine überdurchschnittliche Ernte», sagt Martin Heil,
Vize-Vorsitzender des Verbands der Hessischen Apfelwein- und
Fruchtsaftkeltereien. Nach der miserablen Apfelernte im vergangenen
Jahr geht Heil davon aus, dass der Apfelbedarf der Keltereien in
diesem Jahr mit heimischem Obst gedeckt wird und nichts aus anderen
Regionen oder dem Ausland zugekauft werden muss. Dass Anlieferer
wegen regionalen Apfelüberschusses abgewiesen werden müssen, schließt
er allerdings aus. In den vergangenen Jahren seien die Press- und
Lagerkapazitäten kontinuierlich ausgebaut worden. Allenfalls müssten
Anlieferer ein paar Kilometer weiter in eine andere Kelterei fahren.

Die «Kernkompetenz der Keltereien» sei der Apfelwein, sagt Heil.
Den wollten die Kunden dann aber auch aus hessischen Keltereien
haben. Heil rechnet in diesem Jahr mit einem Absatz von 40 Millionen
Litern Apfelwein und 20 Millionen Litern Apfelsaft. Insgesamt macht
die Branche mit rund 470 Arbeitsplätzen in Hessen einen Jahresumsatz
von 45 Millionen Euro.

«Das Interesse der Leute, Äpfel zu pflücken und die Bäume zu
pflegen, hat wieder zugenommen», sagt Heil. In den vergangenen zehn
Jahren seien 35 000 neue Bäume gepflanzt worden. Ein Anfang. Denn:
«Fakt ist, dass der Baumbestand zu alt ist», sagt Heil. In den 50er
Jahren habe es noch rund fünf Millionen Bäume gegeben. Groben
Schätzungen des Hessischen Umweltministeriums zufolge gibt es heute
noch rund eine Million Streuobstbäume im Land, 70 Prozent davon sind
Apfelbäume. Um einen genauen Überblick zu bekommen, hat der
Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaftspflege dazu
aufgerufen, die Bäume zu zählen und nach Sorten und Pflegezustand zu
klassifizieren.

Neben der Wetterau und dem Taunus gehört der Odenwald zu den
bekanntesten Streuobstregionen. Die Tanks der Kelterei Krämer fassen
knapp zweieinhalb Millionen Liter. Seit 1928 produziert die Kelterei
Apfelsaft und -wein. Die Chefin wird dabei von Ehemann Reinhard und
dem 32-jährigen Sohn Stefan unterstützt. «Dieses Jahr werden
garantiert alle Tanks voll», sagt Gertrud Krämer.

Die Stammkunden haben Verträge. Für 100 Kilogramm Äpfel gibt es
sieben Euro. Kleinanlieferer, die ihr überschüssiges Obst aus dem
Garten bringen oder eine Obstwiese haben, sind häufig sogenannte
Lohnmost-Kunden. Das heißt: Für die gelieferten Äpfel bekommen sie
verbilligten Apfelsaft oder Apfelwein.

Noch hat die Hauptsaison nicht begonnen. Die steht erst Ende
September, Anfang Oktober bevor. «Der Apfel wird erst richtig gut in
der Zeit, in der er reift», sagt Gertrud Krämer. Bis dahin weist die
Kelterei die Kundschaft mit Schildern darauf hin, dass nur reifes und
gesundes, sprich: kein faules Obst angenommen wird.

Der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien

Mehr als 50 regionale Keltereien haben sich im Verband der
Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien zusammengeschlossen.
Die Keltereien stellen vom «Stöffche» in Reinform über Apfelsaft bis
hin zu Apfelbränden alles her, was man Trinkbares aus Äpfeln machen
kann.

Die Keltereien werben über den Verband für ihre Produkte und
betreiben gemeinsam eine Homepage. Dort findet man nicht nur die
Adressen der Apfelwein- und Furchtsaftkeltereien aus der Region,
sondern auch Informationen rund um Apfel, Apfelwein und Obstwiesen
sowie Veranstaltungsankündigungen und Rezepte.

Darüber hinaus ist der Verband zusammen mit Naturschützern an der
Obstwiesenkampagne 2008 beteiligt, die das Hessische
Umweltministerium kürzlich gestartet hat. Ziel der Kampagne ist es,
die Pflege der Bäume zu verbessern und für Produkte aus der Region zu
werben.

Informationen: www.apfelwein.de

(rheinmain)


 


 

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