Internetknoten
Fünfzig DVDs jede Sekunde
Frankfurt/Main. Im Kontorhaus im Frankfurter Osthafen haben Werbeagenturen und Trickfilmproduktionsgesellschaften ihren Sitz. In den Büros zwischendrin sitzt unscheinbar die Firma, die ihnen den Zugang zum Internet ermöglicht – und den Zugang Deutschlands und Osteuropas gleich mit: die DE-CIX Management GmbH.
Fünfzig DVDs rauschen derzeit durch den Frankfurter Internetknoten DE-CIX, Sekunde für Sekunde. Eine unvorstellbare Menge an Daten. Summa summarum kommt so Inhalt für 4,6 Millionen DVDs zusammen – pro Tag. Würden sie alle aneinandergelegt, reichte die Strecke von Frankfurt über Paderborn bis nach Hamburg: 552 Kilometer an pickepackevollen Datenträgern. Kein Wunder, dass der Frankfurter Internetknoten der dickste und verkehrsreichste der Welt ist. Knapp zwei Terabit an Einsen und Nullen schießen pro Sekunde auf der einen Seite des Knotens rein und auf der anderen Seite mit einem neuen Ziel wieder raus – der DE-CIX ist eine riesige Vermittlungsstelle, die den Datenpaketen den richtigen Weg ins gewünschte E-Mail-Postfach zeigt, das neueste Amazon-Produkt aufs Handy oder das meist geklickte YouTube-Video auf den heimischen Bildschirm holt.
Hier steigen die Daten um
„Wir sind der ‚Flughafen-Betreiber‘“, vergleicht Frank Orlowski das Geschehen im Knoten mit dem Gewusel im Luftverkehr. „Die Internet-Daten können dort umsteigen." Je besser, zuverlässiger und schneller die Verbindung, desto mehr „Traffic“ – auch wenn der Weg manchmal etwas länger ist. „Eine E-Mail, die von St. Petersburg nach Moskau geschickt wird, wird über Frankfurt geleitet“, so Orlowski von „Digital Hub FrankfurtRheinMain“. Der Verein will „FrankfurtRheinMain zum bedeutendsten digitalen Knotenpunkt in Europa“ machen. Denn auf der weltweiten Spitzenposition darf sich Frankfurt angesichts der digitalen Konkurrenz aus Amsterdam und London, vor allem aber der asiatischen Boomtowns, keinesfalls ausruhen. Die städtische Wirtschaftsförderung und die Goethe-Uni, die Volks- und die Commerzbank haben den Verein zusammen mit der DE-CIX und vielen anderen Frankfurter Organisationen aus der Kreativ- und der Internetwirtschaft gegründet. Er will die Internet-Infrastruktur in der Region weiter ausbauen und setzt auf den verstärkten Ausbau der Glasfaserkapazitäten.
Schneller an den Kunden
Und das scheint auch nötig zu sein, denn: Jedes Jahr verdoppelt sich der Datendurchsatz. Internet-Fernsehen und Videokonferenzen machen den Löwenanteil des Datenverkehrs aus – Dienste, die vor fünfzehn Jahren noch völlig exotisch anmuteten. Jetzt wandert selbst das gute alte Telefonat ins Internet. Seit Jahresbeginn kann der Frankfurter Internet-Knoten deshalb auch Sprachkommunikation weitaus einfacher vermitteln als bisher. 350 internationale und deutsche Internet-provider und Telekommunikationsfirmen sind bereits direkt an den Knoten angeschlossen „Es wird dem weltweiten Trend gerecht, Telefonservices grundsätzlich über das Internet bereit zu stellen“, sagt Harald Summa, Geschäftsführer des DE-CIX. Multimedia natürlich auch: Manche Fernsehsender streamen ihr Programm direkt in den Knoten. Und große Suchmaschinen wie Google und Yahoo begnügen sich nicht mit einem Rechenzentrum in Amerika. Sie haben ebenfalls einige Slots des Knotens direkt belegt, weil sie so näher an den europäischen Kunden „dran“ sind, die Suchergebnisse schneller bereitstellen können.
Künftig zwanzig Gigabit pro Sekunde
Vor 15 Jahren war bei privaten Internetanschlüssen ISDN-Geschwindigkeit das Maß aller Dinge. Heute ist es VDSL mit 32 MBit, eine Steigerung um den Faktor 500. „Rechnet man den Bedarf hoch, sind in zehn bis 15 Jahren Bandbreiten von zehn oder gar zwanzig Gigabit pro Sekunde für jeden Haushalt realistisch“, rechnet Frank Orlowski vor. Immer mehr Anwendungen wandern vom heimischen PC ins Internet. Wenn zukünftig jede Wohnung automatisiert ist und sowohl Lichtschalter wie Heizungsthermostate ans Netz angeschlossen sind, jedes Kleidungsstück und jeder Sensor im Auto auch - das sogenannte „Internet der Dinge“ also Realität ist -, wird der Datenverkehr selbstverständlich um viele weitere Zehnerpotenzen zulegen. Kupferkabel sind mit solchen Datenmengen längst überfordert, 50 Megabit pro Sekunde auf der sogenannten „letzten Meile“ bis zur Wohnung sind das höchste der DSL-Gefühle. Eine einzige Glasfaser hingegen überträgt heute schon die doppelte Datenmenge im „Normalbetrieb“ pro Kanal – 512 Gigabit sind bereits möglich, und statt eines Kanals kann eine einzelne Faser 48 davon übertragen. Macht den Inhalt von 3.700 CDs – pro Sekunde.
Frankfurter Kongress über IPv6
Das „Internet der Dinge“ wird mit einem neuen Protokoll möglich, das zwar schon seit 15 Jahren existiert und von fast allen Computern, Geräten und Internetbrowsern verstanden wird, das aber trotzdem noch einen Dornröschenschlaf schläft. „IPv6“ heißt das Zauberwort, mit dem alles und jedes ins Netz eingebunden werden kann und das den derzeitigen Standard IPv4 ersetzen soll. Ein Problem der bisherigen Internet-Adressen ist, dass es viel zu wenige von ihnen gibt – nicht mal für jeden Menschen eine. In ganz Asien gibt es mittlerweile keine freien Adressen mehr und in Europa gehen sie noch in diesem Jahr zur Neige. IPv6 mit seinen unfassbaren 340 Sextillionen Adressen löst dieses Problem auf einen Schlag und bietet noch viele weitere Vorteile. Allerdings tun sich manche Provider – darunter auch Behörden – noch schwer, auf das neue Protokoll umzustellen. Aber auch hier hilft DE-CIX in Frankfurt mit seinem Knowhow der Internet-Wirtschaft weiter: Am 10. und 11. Mai organisiert der Knotenbetreiber zusammen mit dem Fachverlag Heise den führenden Kongress dazu. Passenderweise in einem Multiplexkino, das schon häufiger durch Veranstaltungen der Kreativwirtschaft von sich reden machte und das eine Zukunftsvision im Namen trägt: das „Metropolis“ am Eschenheimer Turm.
Harald Ille
(Stadt Frankfurt am M Presse- und Informationsamt)
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