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Viel Kritikerlob für die documenta 13

Zur Halbzeit ist aus anfänglicher Skepsis Begeisterung geworden - Kunsthistoriker werten Schau als "eine der besten"

Überschwängliche Vorschusslorbeeren hat es für die documenta 13 nicht gegeben. Kein Kritiker hatte irgendwas gesehen, da schlug der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev schon Skepsis bis harsche Kritik entgegen. Im Fokus des Interesses standen einzelne, zugegeben skurrile Äußerungen der italienisch-amerikanischen Kuratorin, die auch nicht davor zurückschreckte, ein Wahlrecht für Tiere und Pflanzen zu fordern. Doch kaum war die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst eröffnet, wendete sich das Blatt. Am Wochenende ist Halbzeit der 100 Tage langen Ausstellung - und die CCB genannte Chefin darf nun auffallend viel Lob genießen.

"Das ist eine der besten documenta-Ausstellungen, die es je gab", sagt der Kunsthistoriker Michael Diers, Professor an der HFBK Hamburg und der Humboldt-Universität zu Berlin im dapd-Interview. "Die Mehrheit der Arbeiten ist großartig, es gibt ganz wenige Flops", findet seine Kollegin Anne-Marie Bonnet von der Universität Bonn. "Ich war selten so begeistert von einer Ausstellung wie von dieser", lobt die Kritikerin des Kunstmagazins " Monopol ", Antje Stahl.

Christov-Bakargiev ist nicht nur belesen und eloquent, sondern auch extrem extravagant - das brachte der documenta vor der Eröffnung auch das Etikett "ultrazeitgenössisch" ein. Inzwischen besteht indes viel Einigkeit darüber, dass CCB keineswegs Protagonistin ist: "Die Kuratorin tritt in der Ausstellung zurück", betont Stahl. "Es gibt zwar Wandtexte, aber die Kunst verschwindet nicht hinter kuratorischen Konzepten." Im Vorfeld viel belächelte Arbeiten wie Schmetterlingsgarten und Hundeparcours werden zudem zur Randnotiz.

"Es gibt keine Kunst, die sich nicht erschließen lässt", sagt Diers, der seit 1972 jede documenta gesehen hat. Der documenta 13 gelinge es, unterschiedliches Publikum anzusprechen: den Intellektuellen wie den Durchschnittsbürger. "Thematische Schwerpunkte erschließen sich von selbst und lassen sich wie bei einer Schnitzeljagd immer wieder von neuem entdecken", sagt Stahl. Bonnet, die seit 1977 jede Kasseler Schau besucht, sagt, der diesjährigen Ausstellung sei es über "Erlebnismomente" gelungen, "dass Kunst berührt und auf die Welt verweist". Diers lobt: "Kunst wird nicht gewaltsam koordiniert, nicht bevormundet, sondern zum Sprechen gebracht."

Kunst ohne Fokus auf Auktiones-Preise

Christov-Bakargiev kokettierte damit, kein Konzept zu haben, kündigte aber an, die Definition von Kunst zur Debatte zu stellen. Das scheint ihr gelungen zu sein. Bonnet sagt: "Ich habe noch nie so intensiv über Kunst, was die Kunst will, und was ich von der Kunst will, diskutiert wie auf dieser documenta." Und lobt: "Man sieht mal wieder Kunst, bei der es nicht darum geht, bestimmte Preise bei Auktionen zu erzielen, sondern sich damit auseinanderzusetzen, was es heute heißt, Künstler zu sein, Mensch zu sein."

Die Kunsthistorikerin besuchte die Schau mit Studierenden und war überrascht, wie gefesselt die jungen Leute waren: "Ich sage meinen Studenten in jeder Vorlesung, seid mal nicht auf Facebook, seid mal hier und jetzt. Es ist wahnsinnig schwierig, die mal hier und jetzt zu haben. Und das hatte ich sie auf der documenta." Die diesjährige Schau zeige Kunst, "die etwas über die Gesellschaft aussagt, das ist nicht mehr so oft". Alle Arbeiten hätten das Thema Zerstörung und Verfall und viele Studenten sagten im Anschluss: "Unserer Welt geht es aber schlecht, ich muss wohl mal wieder Zeitung lesen."

Diers schätzt auch, dass es bei der documenta 13 keine Audioguides gibt. Er wünscht sich nämlich eine andere Art des Ausstellungsbesuches. "Das ist ein großes Problem bei unserer üblichen Kunstrezeption, wir haben zu schweigen in den Räumen, wir verhalten uns sehr still statt uns auszutauschen mit den Besuchern", sagt er. Sein Konzept sei dagegen oft, "Leute zu fragen, auch die Aufseher. Es ist interessant, was da zur Sprache kommt, das ist kein verstiegener Diskurs der Kunstkritik, sondern oftmals aufschließend".

Besucherzahlen verraten die documenta-Verantwortlichen übrigens noch nicht: Erwartet werden bis 16. September aber rund 750.000 Menschen - so viele bei der documenta 12 in 2007.

(Nadine Emmerich)


 


 

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