Weitere Artikel
Ehrgeizige Energiepläne

Marburg will mit Solarpflicht für alle Gebäude bundesweiter Vorreiter werden

(bo/ddp-hes). Mit der Ankündigung, eine Solarpflicht für Bauherren und Hausbesitzer einzuführen, ist die 80 000 Einwohner zählende Universitätsstadt Marburg bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Ab 1. Juli müssen sich die Bürger eine solarthermische Anlage anschaffen, sobald sie ein neues Haus bauen, die Heizungsanlage austauschen, ein Gebäude erweitern oder ein Dach sanieren. Es fehlt nur noch die Zustimmung des Stadtparlaments, die aber als sicher gilt. Damit ist Marburg die erste deutsche Stadt, die eine solche Regelung einführt. ddp-Korrespondentin Gesa Coordes sprach mit dem Marburger Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) über den umstrittenen Plan.

ddp: Herr Kahle, wie lange wird es dauern, bis jedes Haus in Marburg eine Solaranlage auf dem Dach hat?

Kahle: Es gibt einige historische Gebäude wie das Schloss und die Elisabethkirche, da wären Solaranlagen nicht ratsam. Bei den normalen Gebäuden stelle ich mir einen Zeitraum von etwa 20 Jahren vor.

ddp: Wie viele von Marburgs Häusern haben schon eine Solaranlage?

Kahle: In Marburg gibt es 400 solarthermische Anlagen. Das heißt, dass jeder 200. Bürger eine Anlage besitzt. Damit werden pro Jahr 160 000 Liter Heizöl und 800 Tonnen Kohlendioxid gespart. Mit den 209 Photovoltaik-Anlagen, die es in Marburg gibt, holen wir an einem schönen Sonnentag bereits vier Prozent des Strombedarfs der Stadt.

ddp: Wie autark kann die Stadt werden?

Kahle: Wir sind davon überzeugt, dass Marburg völlig autark werden könnte, wenn man Sonne, Wind, Biogas und Blockheiztechnik richtig kombiniert.

ddp: Warum wollen Sie Ihr Ziel mit Zwang und Bußgeldern durchsetzen?

Kahle: Wir wollen einen Paradigmen-Wechsel erreichen. Auch im Altbaubestand sollen Solaranlagen zum Regelfall werden. Und wir sehen keine andere Möglichkeit, um hier eine Trendwende hinzukriegen. Technisch ist die Solarthermie seit 20 Jahren ausgereift.

ddp: Warum setzen Sie nicht auf Freiwilligkeit?

Kahle: Wir gehen ja nicht so rigide vor wie das Land Baden-Württemberg mit seiner CDU-FDP-Regierung. Dort muss ab 2010 für jedes Gebäude - ob Alt- oder Neubau - nachwiesen werden, dass 25 Prozent der Gesamtenergie aus erneuerbaren Rohstoffen kommt. Das ist sehr viel mutiger und weitgehender als unser Modell. Aber wir sind auch kein Landesgesetzgeber sondern nur eine kleine Kommune. Wir sagen, wenn jetzt eine neue Heizung oder ein neues Dach kommt, werden die Weichen für die nächsten 25 Jahre für dieses Haus gestellt. Da haken wir ein mit unserem Zwang.

ddp: Böse Zungen sprechen bereits von der Ökodiktatur.

Kahle: Die Ökodiktatur kommt von einer ganz anderen Seite. Die Energiepreiserhöhungen treffen vor allen Dingen die mittleren und kleineren Haushalte. Die zahlen im Moment mit voller Breitseite dafür, dass wir seit 20 Jahren eine falsche Energiepolitik machen. Seit 1990 haben sich die Wärmepreise verdreifacht. In einigen Fällen überschreitet die zweite Miete bereits die erste. Das heißt, die Ökodiktatur kommt. Sie wird uns vorschreiben, wer sich noch eine warme Wohnung leisten kann und wer nicht.

ddp: Warum wollen Sie unbedingt thermische Solaranlagen? Warum sind Photovoltaik, Wärmedämmung oder andere Energiesparmaßnahmen nur in einigen Ausnahmefällen möglich?

Kahle: In der öffentlichen Diskussion sprechen wir vor allem über Strom. Tatsächlich ist die Frage der Wärmeerzeugung das viel größere Thema. Es ist wichtig, dass man Licht und Standby-Geräte ausknipst, aber 80 Prozent der Energie im Haushalt besteht aus Wärme und Warmwasser. Wir brauchen unsere südgeneigten Dächer als eine unserer größten Energieressourcen. Das ist die effektivste Art der Wärmeerzeugung. Solarthermie hat einen Wirkungsgrad von 40 bis 50 Prozent. Bei der Photovoltaik sind es nur 17 bis 18 Prozent. Natürlich gehört auch eine gescheite Dämmung und eine gute Heizungshydraulik dazu.

ddp: Wird man beim Blick auf die Marburger Oberstadt in Zukunft spiegelnde Flächen anstelle der alten Dächer sehen?

Kahle: Wir haben schon viel solare Nutzung auf denkmalgeschützten Häusern in der Altstadt. Das sieht man nur kaum, weil man vom Schloss her auf die Norddächer schaut. Was auf den Süddächern drauf ist, erkennt man wohl nur mit dem Teleobjektiv. In der Oberstadt wird aber jede Anlage einzeln geprüft. Es gibt Systeme, die sich sehr unauffällig an die roten Dächer anpassen.

ddp: Kritiker werfen Ihnen vor, Sie wollten sich nur profilieren. Wollen Sie als der erste deutsche Bürgermeister in die Geschichte eingehen, der eine Solarpflicht für alle Häuser eingeführt hat?

Kahle: Mir geht es um die Sache. Mit dem Marburger Modell werden wir einen Schritt weiterkommen. Aber für ein umfassendes Energiekonzept wird das ohnehin noch nicht reichen.

(rheinmain)


 


 

Solarenergie
Solarpflicht
Marburg

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Solarenergie" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: