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Krise, Krise, Krise!

Mehr als ein simpler Blechschaden

„Vollbremsung nach nur kurzer Verzögerungsphase. Motor abgewürgt. Noch vor dem abrupten Stillstand den Leerlauf eingelegt. Gegenwärtig erfolgt ein Zurückrollen mit noch unklarer Geschwindigkeit. Über Schäden und die Zahl der Opfer darf vorerst nur spekuliert werden, noch fehlt die Übersicht. Es wird auf jeden Fall teuer, und Folgeschäden sind nicht ausgeschlossen. Die Teilnehmer verfallen in eine Schockstarre. Die Rettungsmaßnahmen haben bereits begonnen.“ So oder so ähnlich würde ein Unfallbericht lauten, wenn die aktuelle Konjunkturlage ein Verkehrsunfall wäre.

Dieser ungewöhnliche Konjunktur-Unfall kam sehr plötzlich, aber nicht völlig überraschend. Spätestens seit Ende des ersten Quartals 2008 war auch im Main-Kinzig-Kreis absehbar, dass sich drei gute Konjunkturjahre unweigerlich dem Ende näherten. Schon kurz nach dem Sommer wurde offenkundig, dass der bevorstehende Einschnitt schmerzhaft werde würde – aber einen regelrechten Absturz hatte auch die IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern nach der Auswertung ihrer Frühherbst-Konjunkturumfrage nicht befürchtet. Es sah ganz nach einer tiefen, aber überfälligen Konjunkturdelle aus, mehr nicht.
Das war eine Fehleinschätzung! Der Konjunktur-Unfall ist da: Binnen vier Monaten sank der Konjunkturklima-Indikator der IHK um rekordverdächtige 23,9 Punkte auf einen neuen Tiefstwert von 70,5 Punkten. Vor einem Jahr lag die zentrale Konjunktur-Kennziffer noch bei 112,6 Punkten. Der Indikator kann theoretisch zwischen null Punkten bei einer sehr schlechten Wirtschaftslage und 200 Punkten bei optimalen Verhältnissen schwanken. Unterhalb der 80er Marke stand der Indikator zuletzt am Jahresanfang 2003, am Tiefpunkt der sogenannten Dotcom-Blase. Aber damals stuften die Unternehmen ihre Aussichten weniger pessimistisch ein wie in der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage zum Jahreswechsel 2008/2009.
Wie groß die Verunsicherung in den Unternehmen auch im Main-Kinzig-Kreis derzeit ist, zeigt der Vergleich der Einschätzungen von aktueller Lage und den Erwartungen für das neue Jahr: Zwar sehen immerhin noch 21,0 Prozent der antwortenden 200 Unternehmen aus allen Branchen ihre Wirtschaftslage als gut an und lediglich 28,5 als schlecht. Aber nur noch 7,1 Prozent der Unternehmen erwarten eine Besserung im Jahr 2009, während 53,3 Prozent eine Verschlechterung befürchten! Die Unternehmen stufen die gegenwärtige Wirtschaftslage demnach in etwa so ein, wie es im Konjunkturabschwung üblich ist. Das kommt in zyklischen Abständen immer wieder vor. Aber zusätzlich fallen dieses Mal die Aussagen zur erwarteten Geschäftslage ungewöhnlich schlecht, ja regelrecht verheerend aus.
Es ist weit und breit kein Hoffnungsschimmer in Sicht. Wirtschaft hat an dieser Stelle viel mit Psychologie zu tun – und was wir gerade erleben, könnte zu einer schweren weltweiten Wirtschaftsdepression führen. Sie würde umso schlimmer werden, je länger sie anhält.
Wenn die verantwortlichen Politiker und die Notenbanken in allen wichtigen Industriestaaten jetzt rasch, beherzt und vor allem pragmatisch helfen, bestehen gute Chancen auf Besserung. Die medial angekündigte, schwere Krise der Weltwirtschaft lässt sich verhindern. Die aktuelle Konjunkturkrise sollte dabei aber nicht übertüncht, sondern zugelassen werden.
Das wird viel Geld kosten, keine Frage. Aber wenn es nach einem Unfall lichterloh brennt, sollte man die Feuerwehr besser nicht mit der Frage nach der Höhe der Wasserkosten belasten. Jetzt ist das Schaffen von Vertrauen die vorrangige Aufgabe – und dazu gehört auch, die bewährten marktwirtschaftlichen Regeln nicht außer Kraft zu setzen. Wer im Übereifer zu viel oder an der falschen Stelle beziehungsweise mit ungeeigneten Mitteln löschen will, macht den Schaden nur noch schlimmer. Die Instrumente wollen mit Bedacht gewählt sein.

Industrie: Abwärts, wie mit dem Senkblei
Es war zu erwarten, dass die traditionell besonders exportstarke Industrie im Main-Kinzig-Kreis vom weltweiten Abschwung besonders in Mitleidenschaft gezogen wird. Nicht nur der im Landkreis recht starke Sektor der Automobilzulieferer sieht sich mit sinkenden Auftragseingängen konfrontiert: 55,6 Prozent aller Industriebetriebe berichten über sinkende Inlandsaufträge und 61,7 Prozent über weniger Nachfragen aus dem Ausland. Zwar wird die aktuelle Situation bei gut einem Viertel der Unternehmen noch als gut und nur bei 35,6 Prozent als schlecht angesehen, das sind völlig normale Werte in einer Abschwungsphase, aber die Erwartungen sind noch viel unerfreulicher: Lediglich 7,2 Prozent dieser Unternehmen hoffen auf Besserung, aber 59,4 Prozent befürchten das Gegenteil.
Da auch der lange Jahre wachsende Export vor weiteren Einbrüchen steht, reagieren die Unternehmen jetzt entsprechend: Kurzarbeit oder Entlassungen stehen an, Investitionskürzungen sind oft verordnet, viele Unternehmen sehen sich zudem zu teilweise drastische Preissenkungen gezwungen.
Noch ist das Baugewerbe nicht so stark vom Abwärtstrend gebeutelt wie die andere Industrie, aber auch dieser Wirtschaftszweig befürchtet ein hartes Jahr 2009. Die von der Politik angestoßenen Konjunkturhilfen dürften sich ab Sommer 2009 positiv auswirken.

Was tun?
Diese Ausgangslage kann bei theoretisch möglichen Zweit- und Drittrundeneffekten in eine Deflations- und Depressionsspirale mit steigender Arbeitslosigkeit und mehr Armut münden, wenn die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft nicht gegensteuern. Es ist im vitalen Interesse der Wirtschaft und auch der Menschen im Main-Kinzig-Kreis, die Konjunktur zu beleben. Aber diese Maßnahmen dürfen nicht die Rolle des Staates ausweiten. Denn zu viel Staat hat noch jede wirtschaftliche Initiative erstickt. Der Weg, auf dem der Staat zu Hilfe kommen kann, ist schmal. Letztlich kann nur unternehmerisches Handeln dabei helfen, die Krise zu überwinden. Es führt auch kein Weg daran vorbei, dass in der Rezession Überkapazitäten abgebaut werden und es leider zu Insolvenzen kommt. Der Staat kann das nicht verhindern. Selbst wenn er sich noch so sehr anstrengen würde: Viel mehr als Brände löschen ist nicht drin!
Das Beste, was die Politik tun kann, wären schnelle und massive Steuererleichterungen für die privaten Haushalte und Unternehmen. Nur das wäre ein nachhaltiges Konjunkturprogramm: Es würden dank höherer Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen rasch neue Arbeitsplätze geschaffen – und es gäbe recht schnell weniger Bürokratie, weil an Beamtenstellen gespart werden müsste.
Dringend notwendig ist ferner ein zügiger Ausbau unserer Infrastruktur . Die IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern fordert neben der Modernisierung des Kraftwerkes Staudinger – unsere Industrie benötigt gerade in der Krise langfristige Versorgungssicherheit – auch den zügigen Ausbau des Frankfurter Flughafens. Bevorzugt sollten ferner die Projekte nordmainische S-Bahn und sechsspuriger Ausbau der Autobahn A 66 zwischen Langenselbolder Dreieck und Gründau verwirklicht werden. Diese Autobahn sollte zudem rascher als zurzeit geplant an die A 661 und die A 7 angebunden werden. Auch der Ausbau der ICE-Trasse zwischen Frankfurt und Fulda sollte beschleunigt angegangen werden. Unerlässlich ist ferner eine möglichst rasche, flächendeckende Versorgung im Main-Kinzig-Kreis mit dem Breitbandinternet – der weltweite Standortwettbewerb verzeiht auch in diesem Fall keine Fehler.
Das Vorziehen dieser öffentlichen Investitionen könnte die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes erhöhen und den Beginn eines neuen Aufschwungs beschleunigen. Eine kurzfristige Konjunkturstimulation wäre das aber nicht.

Handel zaudert
Kaum besser als die Industrie bewertet der Handel seine Zukunftsaussichten – 48,1 Prozent der Einzel- und Großhändler gehen von einem konjunkturell schlechteren Jahr 2009 aus. Die aktuelle Lage wird hingegen von mehr als zwei Dritteln der Händler mit der Note „befriedigend“ bewertet und von 11,5 Prozent dieser Unternehmen sogar als gut. Das verwundert nur vordergründig: Die gesunken Preise für Energie sowie die Lohn - und Gehaltssteigerungen haben kurz vor dem Jahreswechsel dafür gesorgt, dass der langjährige Aufschwung endlich im Portemonnaie der Bürger angekommen ist. Vor allem die Fachgeschäfte profitierten von der gestiegenen Nachfrage.
Der Handel weiß, dass im weiteren Verlauf des Jahres die Konsumneigung der Verbraucher zurückgehen wird – daran wird selbst ein teures Belebungsprogramm für die Konjunktur nichts ändern. Es käme allenfalls zu Vorzieheffekten – es sei denn, durch deutliche Steuererleichterungen würde ein kräftiges Signal gesetzt. Die Mitte Januar im Konjunkturpaket angekündigte schrittweise Anhebung des Grundfreibetrages um vier Prozent auf 7.834 (2009) und 8.004 € (2010) sowie die Absenkung des Eingangssteuersatzes von 15 auf 14 Prozent haben allenfalls Symbolcharakter, wenn es um die Abmilderung der kalten Progression geht. Notwendig und längst überfällig ist eine Einkommensteuerreform. Sie sollte endlich den Mittelstandsbauch abspecken, der durch die Steuerprogression bei den Arbeitnehmern entstanden ist.

Kaum Bremsspuren bei den Dienstleistern
Ähnlich wie der Handel leidet auch das Gastgewerbe noch auf recht hohem Niveau. Es ist aber absehbar, dass die Konjunkturkrise bei den Wirten und Hoteliers sehr bald zu weniger Umsätzen führen wird. Ein Desaster erlebt gegenwärtig das Verkehrsgewerbe. Es brechen nicht nur die Transportaufträge weg, auch die höheren Kosten durch die deutlich gestiegene Lkw-Maut belasten diese Unternehmen seit Jahresbeginn zusätzlich. Die gesunkenen Treibstoffpreise können das nicht kompensieren.
Derzeit noch größtenteils „befriedigend“ stufen die Geldhäuser ihre gegenwärtige Lage ein. Das noch junge Jahr birgt jedoch noch große Risiken – auch das war zu erwarten. Entsprechend vorsichtig fallen die Einschätzungen in der IHK-Umfrage aus.
Das triste Stimmungsbild lässt sich wahrscheinlich nur über weitere Kredit- und Bürgschaftsprogramme aufhellen. Da aber die Politik nicht wissen kann, welche Branchen oder Unternehmen langfristig überlebensfähig sind, wird viel vom Sachverstand der Verantwortlichen in den Banken und Sparkassen abhängen. Würden etwa die Unternehmer aus der Privatwirtschaft aus der Risikohaftung entlassen, weil sie staatliche Bürgschaften zu leicht bekommen könnten, dann würde die private Kreditversorgung unattraktiv. Massive Fehlallokationen wäre die schlimme Folge, unter welcher die gesamte Gesellschaft über viele Jahre zu leiden hätte.
Sollte die Finanzkrise weiter um sich greifen, muss zur Not ein neuer Schutzschirm her. Auch das Konzept einer „Bad Bank“ sollte nicht voreilig als unrealistisch vom Tisch gewischt werden. Es geht schließlich darum, dass am Ende der Krise von den Banken genug Geld für die Finanzierung des nächsten Aufschwungs bereitgestellt werden kann. Die Funktion der Geldhäuser ist von strategischer Bedeutung.
Noch vergleichsweise recht gut bewerten die unternehmensnah arbeitenden Dienstleister die gegenwärtige Wirtschaftslage. Bei dieser Branche, sie ist ein Schwergewicht im Landkreis, wächst aber auch die Konjunktur-Skepsis.

Arbeitsmarkt vor Belastungsprobe
Traditionell läuft der Arbeitsmarkt der Konjunkturentwicklung mehrere Monate hintermehr. Das ist auch dieses Mal wieder der Fall. Deshalb liegt die Zahl der offiziell arbeitslos gemeldeten Menschen im Main-Kinzig-Kreis Ende Dezember 2008 mit 11.544 Personen noch vergleichsweise niedrig. Die von der IHK abgefragten Personalentwicklungspläne lassen jedoch eine recht rasche Trendwende befürchten. Dennoch droht auf dem Arbeitsmarkt vorläufig aus drei Gründen noch keine schwere Krise: Es gibt in den großen Unternehmen Kündigungsschutzklauseln, zweitens sind noch Aufträge abzuarbeiten und drittens soll mit einem verbesserten Kurzarbeitergeld auch kleinen und mittleren Betriebe rasch geholfen werden. Von großer Bedeutung ist, dass die Beantragung des Kurzarbeitergeldes ohne großen Verwaltungsaufwand erfolgen kann, damit die Stammbelegschaft auch im Mittelstand möglichst gehalten werden können. Die deutschen IHKs konnten ihre Forderung durchsetzen.
Die ebenfalls angestrebten Qualifizierungsmaßnahmen während Kurzarbeit können sinnvoll sein, müssen aber den betrieblichen Erfordernissen und dem individuellen Bedarf entsprechen. Es darf keine subventionierte Kurzarbeitergeld-Förderbranche entstehen.

Quelle: IHK Hanau

(Redaktion)


 


 

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